Mindestlohn dürfte Hoffnungen enttäuschen

Steffen Hentrich

Die Erwartungshaltung ist groß. Befürworter des Mindestlohns versprechen sich mehr Gerechtigkeit und weniger Einkommensarmut. Doch die empirische Forschung spricht eine andere Sprache. Hier zählt nicht das Prinzip Hoffnung und politische Popularität, sondern nüchterne Analyse von Arbeitsmarktdaten. Natürlich sind die Ergebnisse immer nur so gut wie die Daten und die der Analyse zugrunde liegenden Prämissen, es verdichtet sich aber die Erkenntnis, dass die politische Logik des Mindestlohns zu schön ist um wahr zu sein.

Die ökonomische Intuition, dass steigende Preise weniger Nachfrage nach sich ziehen, vor allem, wenn der Nutzen der betreffenden Güter von den Nachfragern vergleichsweise gering eingeschätzt wird, weisen wenige Menschen angesichts ihrer Alltagserfahrungen von der Hand. Beim Mindestlohn wird das häufig anders gesehen, offenbar ersetzen hier Emotionen die einfache Logik ökonomischer Rationalität. Wirtschaftswissenschaftler müssen allerdings immer wieder feststellen, dass auch der Mindestlohn nicht losgelöst vom handelnden Menschen funktioniert, weshalb Wirkungsanalysen immer wieder bestätigen, was die ökonomische Logik nahelegt. Der Mindestlohn reduziert die Arbeitsnachfrage, insbesondere für die Arbeitsanbieter, die Aufgrund geringer Qualifikation und Berufserfahrung weniger Produktivität versprechen. Das hat nicht nur unmittelbare Konsequenzen in Bezug auf die Arbeitslosigkeit, sondern wirkt sich auch negativ auf die Erwerbsbiografien der Betroffenen aus.

Jeffrey Clemens und Michael Wither von der University of California at San Diego haben den Beitrag der jüngsten Erhöhung des Mindestlohns in den USA auf den Beschäftigungsrückgang des Landes analysiert und festgestellt, dass die Erhöhung des Mindestlohns um 30 Prozent in den USA zu einem Beschäftigungsrückgang von rund 0,7 Prozentpunkten geführt haben dürfte. Das entspricht 14 Prozent des gesamten Beschäftigungsrückgangs in der betrachteten Periode und hat 1,4 Mio. Arbeitsplätze gekostet. 45 Prozent davon entfielen auf junge Erwachsene im Alter von 15 bis 24 Jahren, also genau die Altergruppe, die es aufgrund geringer Berufserfahrung am schwersten auf dem Arbeitsmarkt hat. Statt diesen Menschen zu helfen hat sich das monatliche Durchschnittseinkommen der Gruppe der Erwerbstätigen mit geringer Qualifikation sogar reduziert, wobei die Einkommensminderung langfristig anhält. Zudem wirkte sich der Mindestlohn negativ auf die Erwerbsbiografie aus und verzögert den Einkommensaufstieg der Betroffenen. Basis dieser Schätzung war ein kontrollierter Vergleich der Wirkungen unterschiedlicher Mindestlohnveränderungen in verschiedenen US-Bundesstaaten.

Für die Wissenschaftler Anlass genug, die Wirksamkeit des wohlmeinenden Mindestlohns im Vergleich zu den existierenden Alternativen zu hinterfragen. Die in den USA praktizierte Lohnsubvention in Form des Earned Income Tax Credit (EITC) sei wesentlich besser geeignet Einkommensarmut zu verhindern und Arbeitsanreize auszulösen als ein Mindestlohn, der einseitig die Arbeitsnachfrager und damit auch die Verbraucher der produzierten Güter und Dienstleister belastet. Ein ähnlich wirkendes Instrument stellt das liberale Bürgergeld dar.

 

5 Antworten zu “Mindestlohn dürfte Hoffnungen enttäuschen

  1. Die Mindestlohn-Gegner in Deutschland sind bei der Debatte damals leider in eine ganze einfache Falle der Mindestlohn-Freunde getappt.

    Normalerweise würde man ja folgendes erwarten: Wer mit dem Mindestlohn ein bestehendes Problem (also: Armut bestimmter gesellschaftlicher Gruppen) beseitigen will, muß nachweisen, daß das funktioniert. Also z.B. Beispiele liefern, wo das schon mal geklappt hat. Das ist keine einfache Aufgabe. In z.B. Frankreich, England, den USA gelang das nämlich nicht.

    Statt dessen ließen sich die Mindestlohn-Gegner aber auf eine Beweisumkehr ein: Nun sollten SIE nachweisen, daß der Mindestlohn Schäden verursacht. Als ob ein Gesetz dadurch sinnvoll wird, daß es keine neuen Probleme aufwirft. Absurd.

    Es ist aber ein häufiges Problem von Liberalen. Sie lassen sich leicht und gern auf ein Scheindiskussionen ein und entwerten damit ihre stärksten Argumente.

    • Steffen Hentrich

      Das Problem am Mindestlohn ist ja, dass er für manche Leute scheinbar zu funktionieren scheint. Es wird ja nicht jedermann entlassen, der ihn bekommt. Also ist für seine Befürworter ja scheinbar der Beweis erbracht, dass er funktioniert. Seinen Gegnern blieb deshalb nichts anderes übrig als Gegenbelege zu sammeln. Natürlich könnte man den Standpunkt vertreten, dass für den Staat keinerlei Anlass zum Tätigwerden besteht, aber diesen Standpunkt vertreten nicht viele Menschen. Daher wurden verschiedene politische Alternativen in die Wagschale geworfen, wobei sich der Mindestlohn mit seiner schlichten Logik und dem bedienen antikapitalistischer Ressentiments besonderer öffentlicher Beliebtheit erfreute. Die einzige Möglichkeit besteht deshalb den Mindestlohn argumentativ zu entzaubern, statt auf dem Standpunkt zu beharren, Politik hätte so etwas wie ihre Daseinsberechtigung zu beweisen, bevor sie aktiv wird.

      • Ich schließe mich Tim an.

        Der libertäre Philosophieprofessor Michael Huemer verwendet in seinem Aufsatz „In Praise of Passivity“ das Bild von den mittelalterlichen Ärzten, die gar nicht wussten wie der menschliche Körper funktioniert, und trotzdem irgendwie herumgedoktort haben – oft zum Schaden ihrer Patienten (z. B. Aderlässe).
        Die Gesellschaft ist nun nochmal unglaublich komplizierter aufgebaut als ein einzelner Mensch. Nach Huemer sollte der Staat nur eingreifen, wenn es einen Expertenkonsenz dafür gibt (z. B. bei der Strafbarkeit von Mord):

        http://www.studiahumana.com/art,The-second-issue,In-Praise-of-Passivity.html

      • Steffen Hentrich

        Es gibt ja nicht einmal einen Konsens, wer überhaupt als Experte angesehen wird. In der Politik glaubt jeder Experte zu sein. Ein weiteres Problem dieser Perspektive ist, dass sie ein libertärer Philosophieprofessor vertritt, der Allgemeinheit aber ziemlich schnuppe ist. Politiker interessieren sich ohnehin für Expertenmeinungen nur solange, wie sie als Alibi für ihre eigene Agenda herhalten können. Da gibt es kein ernsthaftes Erkenntnisinteresse. Also sollte man die Erkenntnisse der Experten aufgreifen und gegen die Politik argumentieren. Experten haben aber nicht die Aufgabe Entscheidungsgehilfen der Politik zu sein. Sie füttern lediglich eine politische Debatte mit mehr oder weniger Substanz.

      • Huemer fordert in der Praxis ja auch keine Expertenregierung, schon weil die Fachgelehrten sich selbst regelmäßig überschätzen. Er schlägt stattdessen als Behelf vor, dass die Aufhebung von Gesetzen leichter sein muss als die Einführung Neuer (z. B. mit 30%iger vs. 70%er Mehrheit im Parlament).

        Zuerst muss man die Öffentlichkeit natürlich davon überzeugen, dass der Staat im Zweifel nicht eingreifen soll. Huemers Botschaft an die linken und rechten Gesellschaftsklempner (samt vieler Experten) würde in etwa so lauten: „Maßt Euch kein Wissen an! Wenn Ihr nicht genau wisst, was ihr tut, schaden Eure Verbesserungsvorschläge so gut wie immer, weil das komplexe Systeme so an sich haben.“

        Das unterscheidet Huemer von Hayek und Popper, die ja in einem gewissen Rahmen noch ein Herumdoktern an der Gesellschaft erlauben.

        Außerdem hat Otto-Normal-Wähler gar nicht die Zeit sich in hunderte Themengebiete einzulesen. Ihm als Faustregel eine Skepsis gegenüber Eingriffen zu vermitteln, ist dagegen viel aussichtsreicher.

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