Die etwas andere China-Geschichte

Chinas Weg aus der Armut ist eine Geschichte privaten Unternehmertums

Mark Hokamp

Wenn so mancher staatszentrierte China-Kenner dafür plädiert von China zu lernen und auf die hohen Wachstumszahlen verweist, dann werden gewisse Tatsachen der Geschichte gekonnt übersehen. So fällt zumeist das Argument, die chinesische Regierung habe mehrere Hundert Millionen Menschen aus tiefster Armut befreit. Diese Form der staatszentrierten Argumentation verhöhnt diejenigen, die den Weg aus der Armut selbst bestritten haben. Die Sprache ist von den „marginalen Kräften“, wie Wirtschaftsnobelpreisträger Ronald Coase sie nannte, Bauern, die sich der Gefahr aussetzten verfolgt zu werden, während sie trotz Verbots private Landwirtschaft betrieben. Sie lösten sich damit illegal von dem Prinzip der kollektiven Landwirtschaft und brachten sich so in Lebensgefahr. Die Reformen Deng Xiaopings, folgten erst im Anschluss darauf. Es ist ihm zugute zuhalten, sein gesamtes politisches Gewicht in die Waagschale geworfen zu haben, um dem orthodoxen maoistischen Flügel in der KP die Stirn zu bieten und eine weitere Entfaltung der privatwirtschaftlichen Entwicklung zuzulassen.

Keine Weisheit der Kommunistischen Partei
Der Weg aus der Armut führte in China über privates Unternehmertum. Es war keine besondere Weisheit der Kommunistischen Partei. Vergessen wird außerdem, dass die Armut, aus der sich die Bauern und Einzelunternehmer befreiten, zunächst durch die verschiedenen zerrüttenden Kampagnen Maos verursacht wurde. Die Kollektivierung der Landwirtschaft unter Mao führte dazu, dass sich die Produktivität in mehr als 25 Jahren trotz der Entwicklung von Düngemitteln und Maschinen um nicht mehr als 0,4% gesteigert hat. Die Kollektivwirtschaft bot keine Arbeitsanreize.
Gründung privater Unternehmen
Die Privatbewirtschaftung der Felder führte bis Mitte der 80er Jahre zu einer solchen Produktivität, dass vielen Bauern Zeit blieb, Betriebe zu gründen. In diesen Betrieben, sogenannten TVEs (township and village-enterprises) wurden Güter des täglichen Bedarfs hergestellt, die durch die Mangelwirtschaft nicht vorhanden waren. Selbst Angestellte der Staatsbetriebe nahmen sich unbezahlten Urlaub um Unternehmen zu gründen.
Die Gründung privater Unternehmen ließ die Regierung auch zu einem anderen Zwecke zu. Viele Jugendliche strömten in die Städte, nachdem sie von der Regierung zwangsweise in die Provinz zwangsumgesiedelt wurden, um der Arbeitslosigkeit in den Städten her zu werden. Diese nun zurückkehrenden konnte die chinesische Regierung mit ihren Staatsbetrieben, die ohnehin schon überbesetzt waren, nicht aufnehmen. Also sollten private Unternehmen in den Städten Abhilfe schaffen, was sie auch taten.

Fazit
Von China lernen heißt also privates Unternehmertum zulassen, nicht etwa eine stärkere Rolle des Staates zu wünschen. China geht keinen geheimnisvollen dritten Weg, der erfolgreich ist. Vielmehr ist China dort erfolgreich, wo privates Unternehmertum in Eigenverantwortung schon zugelassen wird und stagniert dort, wo noch eine unproduktive, auf Staatszuschüsse angewiesene Wirtschaft vor privater Konkurrenz geschützt wird. Der gepriesene dritte Weg ist also im besten Fall nur ein Zwischenschritt hin zu einer liberalisierten Wirtschaft.

Buchtipp zu Ronald Coase über Chinas Entwicklung: https://www.schaeffer-poeschel.de/download/leseproben/978-3-7910-3266-5.pdf

2 Antworten zu “Die etwas andere China-Geschichte

  1. Im Agrarsektor ist das eine richtige Beobachtung, für die Industrie- und Dienstleistungswirtschaft gilt es aber nur halb. Der chinesische Privatsektor ähnelt im Prinzip einer Mafia-Wirtschaft – mit dem Unterschied, daß die Rolle der „Familie“ in China von der Partei gespielt wird. Daher geschieht auch in der „Privat“wirtschaft nichts gegen den Willen der KPCh.

    Die Nachteile dieser Struktur werden zunehmend sichtbar, aber mit Privateigentum im westlichen Sinne hat die chinesische Wirtschaft (noch) wenig zu tun. Eine Analyse muß wesentlich tiefer erfolgen.

  2. Vielen Dank für die Anmerkung. Selbstverständlich soll an dieser Stelle nicht der Eindruck vermittelt werden, in China gebe es Eigentumsrechte und eine ausreichend wirtschaftliche Freiheit, nimmt man den Washington Concensus zum Maßstab. Die Probleme der Staatswirtschaft, der Korruption und der Repressalien, denen sich die Privatwirtschaft ausgesetzt sieht, werden hier nicht angezweifelt, sondern die Notwendigkeit zur Lösung dieser Probleme durch eine weitere Liberalisierung und Privatisierung, soll hiermit nachdrücklich betont werden.

    Was dieser Blogbeitrag, der kaum den Umfang zu einer tiefgehenden Analyse zulässt, zeigen soll, ist die Tatsache, dass eben dort das pro-Kopf-Einkommen stieg und die Lebenserwartung verbessert wurde, in denen sich entgegen der staatlichen Vorgaben privatwirtschaftliches Unternehmertum entwickelte und dies eben nicht der staatlichen Planung zu danken war. Die privatwirtschaftlichen Spielräume sind immer vor dem Hintergrund der absoluten staatlichen Kontrolle während der Kulturrevolution zu bewerten, die den ersten privatwirtschaftlichen Initiativen Mitte der 70er jahre vorausging.
    Dieser Blogbeitrag ist als Anregung zur intensiveren Beschäftigung mit der Rolledes privaten Unternehmertums in China zu verstehen. Ich darf hierfür auf das Buch „Capitalism with Chinese Characteristics, Entrepeneurship and the State“ von Yasheng Huang verweisen.
    Herzlich grüßt,
    Mark Hokamp

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