Der ganz normale Eigennutz

Steffen Hentrich

Der ganz normale Eigennutz kommt nicht selten im Gewand der Gemeinwohlorientierung daher. Nicht aus Eigeninteresse dürfe nach Ansicht einer Anwohnerinitiative eine brachliegende Baulücke vis a vis der Prenzlberger Wohnungen nicht mit Wohngebäude gefüllt werden, sondern weil es im Kiez an Grünflächen fehle, der Blick auf den Baum und das Vogelgezwitscher weg wäre. Ein Yoga-Garten mit Kletterfelsen sei besser als Wohnungen, von denen ja ohnehin niemand wüsste, ob sie zu moderaten Mieten vergeben würden. Ja, ja, man habe grundsätzlich nichts gegen Wohnungsbau, nur nicht vor der eigenen Haustür. Wenn der Bezirk die Lückenbebauung schon nicht unterbinden könne, so ließe sich das Grundstück doch mit öffentlichen Geldern dem Investor abkaufen, um es den Kiezbewohnern für eine öffentliche Nutzung zur Verfügung zu stellen. So sieht die Gemeinwohlorientierung in einem Stadtbezirk aus, in dem das Herz von zwei Dritteln der Wähler für dezidiert linke Parteien schlägt. Wenn jeder an sich denkt, dann ist an alle gedacht, scheint das Credo des progressiven Bürgertums in der Schliemannstraße des Berliner Ortsteils Prenzlauer Berg zu sein. Das ist grundsätzlich nicht von der Hand zu weisen, wie das wirtschaftliche Erfolgsmodell Marktwirtschaft tagtäglich beweist. Das dazu aber statt einer Unterschriftenliste mit gemeinnützigen Forderungen die Bereitschaft zur Übernahme der finanziellen Verantwortung, also für Yogagarten und die wirtschaftlichen Folgen nicht gebauter Wohnungen, die alles entscheidende Nebenbedingung ist, kommt den Verteidigern der Lücken nicht in den Sinn. 300 Unterschriften unter einen Kaufvertrag mit dem Investor für den Erwerb des Grundstück zum Marktwert wären sicherlich nicht so rasch zusammengekommen.

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