Die Religion des Recycling

Steffen Hentrich

„Abfall: 80% der Europäer wollen weniger Verschwendung in ihrem Land“ meldet der Umweltruf-Europaticker und nimmt dabei Bezug auf eine Umfrage im Auftrag der Generaldirektion Umwelt der Europäischen Kommission unter zehntausenden Europäern. Sogar 96 % der Befragten halten es für wichtig, dass Europa seine Ressourcen effizienter nutzt; 68 % erachten dies sogar für sehr wichtig. Lediglich 3 % der Befragten sagen, dieses Thema sei nicht wichtig. Mehr als 80 Prozent der Bürger versuchen Abfälle zu vermeiden und gut 70 Prozent sind der Meinung, dass sie das Wissen um ein wirksames Recycling zu mehr Mülltrennung motivieren würde. Der sparsame Bevölkerungsanteil ist beachtlich, doch ist das wirklich ein beruhigendes Ergebnis oder lediglich ein Hinweis darauf, wie jahrzehntelanges Mantra der Ressourceneffizienz zu einer Religion des Recycling führen konnte.

Ob Ressourcen effizient oder nicht genutzt werden ist keine Frage der Einhaltung arbiträrer Recyclingquoten, sondern eine Frage des Verhältnisses von Nutzen und Kosten der unmittelbaren Wiederverwertung von nicht mehr gebrauchten Gütern. Egal, ob etwas etwas stofflich oder energetisch verwertet oder einfach nur auf einer Deponie zwischengelagert wird, es erfolgt eine Nutzung der verbleibenden Produktionsfaktoren. Maßgeblich für die wirtschaftliche Priorisierung des einen oder anderen Verwertungswegs ist der Preis, also der Ressourcenaufwand, um aus den Reststoffen wieder Rohstoffe zu produzieren, die kosten- und qualitätsmäßig mit Primärrohstoffen mithalten können. Solange die Nutzung von primären Rohstoffen kostengünstiger als von Sekundärrohstoffen ist lohnt es sich die Reststoffe zu deponieren und auf einen Zeitpunkt zu warten, ab dem sich das Verhältnis der Kosten umkehrt. Ebenso sieht das rationale Kalkül bezüglich der einzelnen Verwertungswege aus. Unter Berücksichtigung der unterschiedlichen Umweltwirkungen ist der Verwertungsweg zu wählen, bei dem die niedrigsten Kosten anfallen, wobei nicht nur die Kosten der Verwertungsindustrie zu berücksichtigen sind, sondern auch der Aufwand bei den Reststoffproduzenten, den Unternehmen und Haushalten.

Doch gerade die hier befragten Haushalte haben in aller Regel wenig von dem Aufwand der für das stoffliche Recycling oft geforderten Getrenntsammlung. Weder bekommen sie den zusätzlichen Zeitaufwand für die Abfalltrennung vergütet, noch nimmt man ihnen die Kosten für zusätzliche Abfalleimer oder Müllbeutel ab. Viele Menschen fühlen sich gar noch genötigt den wiederverwertbaren Kunststoff unter der Verwendung von Wasser und Energie gereinigt in die Verwerungstonne zu geben. Zudem tragen sie die Kosten einer Verwertungsinfrastruktur, die nicht nach Maßgabe ökonomischer Kriterien, sondern unter Berücksichtigung staatlicher Verwertungsquoten optimiert wurde. Recycling folgt einer staatlichen Planvorgabe, nicht jedoch einem ökonomischen Kalkül der Kostenminimierung und damit der Minimierung des Ressourcenverbrauchs in der gesamten Prozesskette. Auch aus umweltpolitischer Perspektive ergibt sich keine zwangsläufige Priorisierung des Recycling, da auch hier nicht a priori die kostenminimale Reduzierung von Umweltbelastungen bzw. Erreichbarkeit umweltpolitischer Grenzwerte erreicht wird. Das kann allein durch marktkonforme Instrumente wie Steuern auf Umweltschadstoffe oder unter bestimmten Bedingungen die Einführung von Pfandsystemen für Gefahrenstoffe erreicht werden.

Offenbar glaubt die EU-Kommission mit solchen Umfragen beweisen zu können, dass sie in der Abfallpolitik auf dem richtigen Weg ist, weil die Mehrzahl der Europäer inzwischen selbst an die Segen der Abfallvermeidung und des Recycling glaubt. Tatsächlich zeigen diese Umfrageergebnisse jedoch, dass es den Europäern mehrheitlich nicht um einen effizienten Umgang mit Ressourcen geht. Stattdessen folgt man einer Religion des Sparens und des Planens, ohne große Gedanken an den eigentlichen Sinn effizienten Wirtschaftens zu verschwenden. Für die Abfall- und Rohstoffpolitik ist das eine ebenso günstige Situation wie für große Teile der Abfall- und Verwertungsindustrie. Politiker steigern ihren Einfluss- und Machtbereich und profitieren von der bürokratischen Kontrolle unterschiedlicher Wirtschaftszweige, die Wirtschaft hat es sich in dem durch Quoten abgesicherten Kartell gemütlich gemacht und verdient auf einem Markt, den es in dieser Form ohne den Staat nicht geben würde.

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