Kulturkampf um die Innenstädte

Steffen Hentrich

Lobbyismus ist ein schwieriges Geschäft. Um politisch einflussreich zu sein, muss der Lobbyist beweisen, dass er wichtige Interessen vertritt, nicht nur seine eigenen. Natürlich muss er beweisen, dass er auf dem richtigen Weg ist, selbst schon die richtigen Entscheidungen trifft, Misserfolg dagegen stets der eigenen Einflussnahme entzogen ist. Der Niedergang der Gesellschaft, die böse Konkurrenz, all das sind Dinge, die nicht hingenommen werden können, da ist der Staat gefragt. Diesem Spagat haben sich offensichtlich Heinrich Riethmüller vom Börsenverein des Deutschen Buchhandels verschrieben, der in seiner Eröffnungsrede zu den diesjährigen Buchtagen zwar die Erfolge der Buchhändler im Wettbewerb mit dem Onlinehandel hervorhebt, gleichzeitig jedoch bemängelt, dass die potentielle Kundschaft dadurch trotzdem nicht im gewünschten Maß bei der Stange gehalten werden kann. Da ist es nahe liegend dem Staat Sonderkonditionen für seine Branche schmackhaft zu machen. Seiner pessimistischen Diagnose der Entwicklung des innerstädtischen Einzelhandels folgt der Ruf nach günstigen Mieten durch stadtplanerische Initiative. Marktwirtschaft ist gut für andere, die eigene Branche möchte er davon aber ausnehmen:

Wir leben in einer Marktwirtschaft, Angebot und Nachfrage bestimmen auch Mietpreise. Doch es gibt kluge Stadtväter und -mütter, die im Sinne ihrer Bürger gestaltend wirken wollen. Sie greifen aktiv ein, um den innerstädtischen Handel zu steuern. Sie kaufen innerstädtische Immobilien. Und sie vermieten diese Immobilien nicht nur unter dem Gesichtspunkt der Gewinnmaximierung, sondern suchen sich ihre Mieter bewusst aus. Beispielsweise einen Buchhändler, den sie als Mieter gewinnen möchten, eben weil der Buchhandel Kultur in die Stadt bringt und das Stadtleben bereichert.

Da stellt sich allerdings dem Beobachter die Frage, was konkret den Buchhändler gegenüber den anderen Handelssparten aus kulturpolitischer Perspektive hervorhebt. Der innerstädtische Verkäufer von Mobiltelefonen verkauft die Hardware, die den Menschen den Zugang zur Kultur eröffnet, das Eiskaffee um die Ecke sorgt für eine angenehme Umgebung für den Kulturgenuss. Der Textileinzelhandel stellt sicher, dass die Menschen Kultur nicht frierend und nackt genießen müssen. Auch Buchhändler produzieren keine Kultur, sondern verkaufen das Papier auf dem ein streitbares Kulturgut abgedruckt wurde, nicht mehr und nicht weniger. Nichts macht den Buchhandel damit kulturell wertvoller als all die anderen Dienstleistungen, die dafür sorgen, dass uns allen der Sinn nach Kultur steht. Wer aber keine Kulturhoheit hat, sollte dafür nicht privilegiert werden.

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