Standardwerk zur Demographie und Familienpolitik

Gérard Bökenkamp

Der Geschäftsführer der Deutschen Gesellschaft für Demographie Stefan Fuchs hat unter dem Titel „Gesellschaft ohne Kinder“ ein Buch über die demographischen Auswirkungen der Familienvorgelegt vorgelegt, um das schon wegen seines Materialreichtums niemand herumkommen wird, der sich mit der Materie beschäftigt. Das Buch besticht durch seine Ausgewogenheit. Es ist ein Buch, das trotz seiner Kritik ohne Polemik auskommt, aber mit vielen Daten und Fakten nachvollziehbare Argumentationen bietet. Dabei umfasst das Buch im Grunde zwei Teile. Ein Teil befasst sich politikwissenschaftlich mit der Analyse der neuen Familienpolitik im Vergleich zur alten und ein weiterer Teil befasst sich der Autor mit der Erklärung des Geburtenrückgangs.

Die traditionelle Familienpolitik, die bis in die neunziger Jahre hinein betrieben wurde, habe sich nicht als bevölkerungspolitischen Maßzahlen orientiert. Sie sei weitgehend davon ausgegangen, dass die Entscheidung für Kinder eine persönliche Lebensentscheidung sei. Das Ziel dieser Familienpolitik habe  nicht in der Steigerung der Geburtenraten bestanden, sondern im Familienlastenausgleich. Zu Zeiten der sozialdemokratischen Familienministerin Renate Schmidt   wurde ein Paradigmenwechsel eingeleitet, der von ihrer Nachfolgerin Ursula von der Leyen im Zuge der Einführung von Vätermonaten und dem Ausbau des Krippenplatzangebotes umgesetzt wurde.

Charakteristisch für diese neue Familienpolitik ist die unorthodoxe Verbindung von Bevölkerungspolitik und Gleichstellungspolitik. Galten bevölkerungspolitische Ziele bis dahin als tabu, so wurden sie nun hoffähig, da sie mit der Perspektive auf eine größere Beteiligung der Frauen am Arbeitsmarkt verbunden wurde. Bevölkerungspolitik und Emanzipation galten nun nicht mehr als Gegensätze, sondern als komplementäre Zielvorstellungen. So konnten sich unterschiedliche Gruppen mit diesem Ansatz identifizieren: Konservative, denen es um das Geburtenwachstum ging, Gleichstellungspolitiker, die darin einen Schub für die Emanzipation sahen, und die Wirtschaftsverbände, die sich gut ausgebildete weibliche Arbeitskräfte wünschten. Das Buch bestätigt damit die Erkenntnis, dass Paradigmenwechsel in der Politik in vielen Fällen nur durch ungewöhnliche Allianzen durchgesetzt werden können.

Die Politik ist bisher an der selbst gesetzten Zielmarkierung, dem Anstieg der Geburtenrate auf 1,7 Kinder pro Frau, gescheitert. Fuchs zeigt, dass den Annahmen über die Bestimmungsfaktoren der Geburtenrate gewichtige Fehleinschätzungen zu Grunde lagen, da diese Marke selbst dann nicht zu erreichen ist, wenn die Vereinbarkeitspolitik tatsächlich die Zahl der kinderlosen Frauen senken sollte. Selbst ein drastischer und daher unwahrscheinlicher Rückgang der kinderlosen Frauen auf das Niveau Frankreichs hätte demnach nur einen Anstieg der Geburtenraten auf 1,5 Kinder zur Folge. Fuchs kommt zu dem Ergebnis, dass „die Hauptursache für das niedrige Geburtenniveau nicht die Kinderlosigkeit, sondern der Mangel an kinderreichen Familien ist.“

Fuchs hegt Zweifel gegenüber optimistischen Annahmen, man könne durch den Ausbau von Betreuungsmöglichkeiten und Vereinbarkeitspolitik die Bevölkerungsentwicklung kurzfristig beeinflussen. Der Kinderwunsch sei weitgehend „sozial vererbt.“ Das bedeutet, dass Menschen, die in großen Familien aufgewachsen sind, auch dazu tendieren, sich mehr Kinder zu wünschen, als Menschen, die in kleinen Familien aufgewachsen sind. Insgesamt scheint die Zahl der Geschwister ein ziemlich guter Indikator für die wahrscheinliche Zahl der Kinder zu sein. Auf diese Weise pflanzt sich eine niedrige Geburtenrate über die Generationen fort.

Fuchs „biographisch-historischer“ erweitert den Blick dadurch, dass nicht einfach die Geburtenraten verschiedener Länder in der Gegenwart miteinander verglichen werden, sondern dass die historische Entwicklung im Zeitverlauf in die Betrachtung mit einbezogen wird. Die Geburtenraten sind in fast allen westlichen Ländern zurückgegangen, aber von unterschiedlichen Ausgangsniveaus aus. Die verschiedenen Fruchtbarkeitsraten, etwa in Deutschland und Frankreich, sind deshalb nicht zwangsläufig auf die unterschiedlichen familienpolitischen Ansätze zurück zu führen, sondern dem Umstand geschuldet, dass die Geburtenraten von verschiedenen Ausgangsniveaus aus gefallen sind. Die vorherrschende Familiengröße hat also nicht nur eine ökonomische, sondern auch eine soziokulturelle Dimension.

Fuchs Ansatz kann somit dazu beitragen, die Möglichkeiten und Grenzen der Familienpolitik realistischer zu beurteilen und die Ziele, die sich die Familienpolitik seit der Jahrtausendwende gesetzt hat, einer kritischen Neubewertung zu unterziehen.

Information

Stefan Fuchs: Gesellschaft ohne Kinder. Woran die neue Familienpolitik scheitert, Wiesbaden 2014.

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