Den IPCC beim Wort nehmen

Steffen Hentrich

Von Politiker quer durch das politische Spektrum werden die Aussagen des IPCC oft in den Rang von absoluten Wahrheiten gehoben. Man versteckt sich hinter den apokalyptischen Projektionen des Weltklimarates und begründet damit die jeweilige Politik der Wahl. Ebenso agieren Umweltorganisationen, die unter dem Verweis auf das jeweilige Gutachten eine Wunschliste an klimapolitischen Maßnahmen an den Staat herantragen. Doch das Kleingedruckte wird dabei zumeist übersehen, obwohl die IPCC-Gutachten bereits in ihrer Kurzfassung für politische Entscheidungsträger (SPM) zum überwiegenden Teil aus Kleingedrucktem bestehen. Liest man sich etwa den jüngsten SPM der Arbeitsgruppe III zur Vermeidung des Klimawandels etwas genauer durch, dann kommen Zweifel an so mancher politischer Maßnahme in Brüssel oder Berlin auf.

Beginnen wir mit dem Atomausstieg der Bundesregierung, der hierzulande als Triumph des Umweltschutzes gefeiert wird, für den IPCC aber zu einem der wichtigsten Pfeiler eines kostengünstigen Klimaschutzes gehört. Dort schreibt man, dass Kernenergie ein ausgereifte kohlendioxidarme Energietechnologie ist, deren globaler Anteil jedoch seit zwei Jahrzehnten abnimmt. Obgleich man eine Reihe von lösbaren Hindernissen und Risiken einräumt, ist die Kernenergie fester Bestandteil der Vermeidungsszenarien des IPCC, deren Nichtberücksichtigung als Energieoption zu einem Anstieg der gesamten Vermeidungskosten um 7 Prozent über das gesamte Jahrhundert führen würde. Generell sei hier angemerkt, dass der vor allem von Umweltverbänden so gern geforderte Verzicht auf viele technische Optionen der Treibhausgasvermeidung laut IPCC-Bericht zu erheblichen Kostenaufschlägen auf die optimistischen Projektionen führen. Es ist daher unredlich, wenn Umweltaktivisten die Kosten des Klimaschutzes mit Verweis auf den IPCC kleinrechnen, gleichzeitig aber gegen Atomenergie, CO2-Abscheidung und -speicherung oder bestimmte Formen der Biomassenutzung demonstrieren. Man mag gegen diese Optionen aus anderen Erwägungen Sturm laufen, Gründe genug lassen sich dafür mit Sicherheit aufzählen, aber dann hat auch der IPCC als Kronzeuge für billigen Klimaschutz ausgedient.

Doch es gibt noch weitere Passagen im jüngsten IPCC-Report, die mit den Lippenbekenntnissen der Politiker nicht zusammenpassen. So gilt für die Bundesregierung und nahezu alle Umweltorganisationen hierzulande die Energiewende als wichtiger Beitrag zum Klimaschutz. Der IPCC hingegen schreibt, dass Interaktionen zwischen verschiedenen Klimaschutzinstrumenten keine zusätzliche Emissionsminderung versprechen und verweißt dabei ausdrücklich auf die klimapolitische Wirkungslosigkeit von Subventionen für sog. Erneuerbare Energieträger unter den Bedingungen des Treibhausgashandels an. Lediglich langfristige Effekte führt man an, jedoch nur dann, wenn der Ausbau der Erneuerbaren Energieträger Auswirkungen auf die politische Entscheidung über die Emissionsobergrenze hat. angesichts der Tatsache, dass die Energiewende in Deutschland die Nutzung fossiler Kraftwerke in absehbarer Zeit keineswegs obsolet macht, dürfte auch nicht damit zu rechnen sein, dass hier die Emissionsobergrenze entsprechend verschärft wird. Gleiches gilt, wenn auch vom IPCC nicht direkt angesprochen, für die diversen Stromsparauflagen, die derzeit aus Brüssel auf die Verbraucher hereinprasseln. Ob es sich nun um das Glühlampenverbot, den Stromsparstaubsauger oder das drohende Verbot der Wärmehalteplatte von Kaffeemaschinen handelt, all diese Maßnahmen sind solche Interaktionen ohne zusätzliche Klimaschutzwirkungen, die lediglich dazu beitragen, dass Verbraucher entmündigt und Klimaschutz teurer wird.

Der IPCC kommt nicht umhin nahezu jede Aussage zu relativieren und mit unerwünschten Nebenwirkungen zu versehen. Ohne Zweifel dürfte es auch die immer wieder betonten positiven Begleiteffekte geben, nützliche Innovationen oder verminderte Luftschadstoffbelastungen. Doch ein realistischer Blick in die Gegenwart zeigt doch eher, dass sich die positiven Effekte des realen Klimaschutzes eher in grenzen halten. Die Stromproduktion aus Kohlekraftwerken und mithin deren Schadstoffemissionen haben zu und nicht abgenommen, die Natur hat unter dem rapiden Ausbau Erneuerbarer Energieträger gelitten und falsche Praxis baulicher Energieeinsparung hat den Schimmel als ungesunden Untermieter in unsere Wohnungen einziehen lassen. Dazu kommen die negativen Verteilungseffekte der immer teurer werdenden Klimapolitik, die heute unter dem Begriff „Energiearmut“ die Runde machen. Auch hier schweigen sich Politiker und Umweltaktivisten aus, wenn sie sich auf den IPCC berufen.

Der IPCC selbst versteht es uns durch eine geschickte Kommunikations die teuersten Projektionen als einzige vernünftige Alternative zu verkaufen. Dabei zeigt ein Blick in die Szenarien, dass eine geringfügig höhere Toleranz gegenüber steigenden Temperaturen den Menschen deutlich weniger Opfer abverlangen würde als die starre Orientierung auf das 2-Grad-Ziel. Während das anspruchvollste Szenario zwar weniger als 2 Grad Celsius Erwärmung verspricht, aber mit 2,1 bis 6,2 Prozent weniger Konsum in 2050 zu Buche schlägt, käme man in einem Szenario mit doppelt so hohen Emissionen gerade einmal auf ein Verzicht von 1,2 bis 3,3 Prozent Konsum aus und müsste lediglich mit rund 0,3 Grad höheren Temperaturen rechnen. Wer vermeintlich spielend auf gut 3 Prozent Luxus verzichten kann, den dürften doch auch ein paar Zehntel Grad Celsius mehr keine Schweißperlen auf die Stirn treiben, zumal dann die Klimaanlage noch im Budget drin ist. Die Szenarien des IPCC zeigen deutlich, wie stark die Grenzkosten der Vermeidung mit zunehmender Stringenz der Maßnahmen zunehmen. Diese Erkenntnis sollte man nicht auf die leichte Schulter nehmen, zumal der IPCC in all seinen Szenarien von sog. kosteneffektiven Maßnahmen ausgeht. Wenn darunter ökonomisch effiziente Klimapolitik verstanden werden soll, dann sind wir schon heute weit entfernt von den Kostenprognosen des IPCC. Auch deshalb sollte man gut aufhorchen, wenn Politiker und Umweltaktivisten uns mit Verweis auf den IPCC billigen Klimaschutz unterjubeln wollen. Nicht umsonst schreibt der IPCC an prominenter Stelle: „Wirksamer Klimaschutz wird nicht erreichbar sein, wenn einzelne Akteure ihre jeweiligen Interessen unabhängig erreichen wollen.“ Dem kann man nur zustimmen.

 

 

Eine Antwort zu “Den IPCC beim Wort nehmen

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