Säkularismus: Wir christlich ist Europa?

Gérard Bökenkamp

Dieser Frage geht der Politikwissenschaftler Yves Bizeul in seiner Studie „Säkularismus in Europa“ nach. Das Selbstverständnis der großen Mehrheit der Bürger der Europäischen Union ist noch immer ein christliches. Mehr als Dreiviertel ordnen sich selbst dem Christentum zu. 76 Prozent der EU-Bürger bezeichnen sich als Christen. Diese Mehrheit setzt sich wie folgt zusammen: 50 Prozent der EU-Bürger bezeichnen sich als Katholiken, 18 Prozent als Protestanten und 8 Prozent als orthodox. In der Europäischen Union gibt es nur zwei Staaten, in der sich eine Mehrheit der Bürger sich selbst nicht dem Christentum zuordnet, das sind die Tschechische Republik und Estland.

Wenn man aber nicht nur das Selbstverständnis abfragt, sondern nach konkreten Glaubensinhalten, dann wird das Bild differenzierter. Es zeigt sich dann, dass viele Bürger, die sich als Christen bezeichnen, damit nicht unbedingt die theologischen Grundannahmen der christlichen Kirche teilen. Der persönliche Glaube an einen personalen Gott, ist weit weniger weit verbreitet als die Selbsteinschätzung als Christ.

Viele Bürger glauben statt an einen Gott an einen „Geist oder eine Kraft, die das Leben lenkt.“ In sechs EU-Staaten überwiegt die Zahl derjenigen, die an einen Geist oder eine Kraft glauben, die das Leben lenkt, die Zahl derjenigen, die an einen Gott glaubt. Sowohl bekennende Christen als auch Nicht-Christen können sich offenbar mit der Vorstellung an eine lebenslenkende Kraft identifizieren. Die Zahl derjenigen, die weder an einen Gott, noch an einen Geist oder eine Kraft glauben ist mit 40-Prozent in Frankreich am größten. Im Durchschnitt glauben 51 Prozent der EU-Bürger an Gott, 26 Prozent glauben an einen „Geist oder eine Kraft“ und 26 Prozent glauben weder an einen Gott oder eine übernatürliche Kraft.

Davon zu unterscheiden ist noch die Frage, als wie wichtig die Religion für das eigene Leben angesehen wird. Weit mehr als die Hälfte der Deutschen gibt an, dass Religion in ihrem Leben keine wichtige Rolle spielt. In Frankreich sind es mehr als 70 und in Schweden mehr als 80 Prozent. Eine Besonderheit ist der Unterschied zwischen West- und Ost-Deutschland, da Glaube und religiöse Praxis in Ostdeutschland extrem schwach ausgeprägt sind. Ost-Deutschland nimmt in der Zahl bekennender Atheisten weltweit einen Spitzenplatz ein.

Information

Die Studie von Yves Bizeul wurde für das European Liberal Forum mit Unterstützung des Liberalen Instituts der Friedrich-Naumann-Stiftung erstellt und kann hier kostenlos bestellt  oder als PDF abgerufen werden.

3 Antworten zu “Säkularismus: Wir christlich ist Europa?

  1. „In Ostdeutschland nimmt der Atheismus einen Spitzenplatz weltweit ein“
    So ganz zutreffend ist diese Aussage nun auch wieder nicht. Sowohl der Kommunismus und mit ihm der Sozialismus als auch jede Religion haben eine Gemeinsamkeit. Beide sind totalitär.
    Ob ich nun an einen Gott glaube, der alles lenkt, oder an eine Partei die dasselbe zu tun vorgibt, wo ist der Unterschied?

  2. Ob ich nun an einen Gott glaube, der alles lenkt, oder an eine Partei die dasselbe zu tun vorgibt, wo ist der Unterschied?

    Der Vergleich ist schief – entweder Gott mit der Geschichte vergleichen (vom Menschen nicht beeinflussbare, aber maßgebliche Instanz) oder Kirchen mit der Partei (menschliche Diener der Instanz). Und dann können wir anfangen, über Unterschiede zu reden.

  3. Europa ist sehr christlich. Oberflächlich betrachtet nicht. Aber wenn man etwas tiefer gräbt und es ans Eingemachte geht, schon. Ich zum Beispiel bin ein ausgesprochen liberaler, säkularer Katholik. Aber für mich gibt es sehr wohl zwei Rechtsordnungen und es steht geschrieben: „Du sollst Gott mehr gehorchen als den Menschen.“

    Christlicher Glaube bringt Menschen deshalb manchmal in Teufels Küche, auch politisch. Freiheitsrechte sind für mich von Gott gegeben und deshalb heilig. Darüber kann deshalb auch nicht demokratisch abgestimmt werden. Katholiken haben aber auch einen eigenen Rechtsbegriff über den Sie nicht diskutieren. Und in Glaubensfragen kann es manchmal auch keine Kompromisse geben. Religion war, ist und bleibt für die Politik ein verdammt heißes Pflaster.

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