DIW-Studie zur Energieeffizienz: Man beachte das Kleingedruckte

Steffen Hentrich

Sie sind nicht totzukriegen, die ökonometrischen Makromodelle, in denen ein keynesianischer Multiplikator, ja gar Akzelerator, die Wirtschaft durch nahezu jede Investition zu neuem und vor allem nachhaltigen Wachstum stimulieren vermag. So hat auch das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) in einer neuen Studie mit einem solchen Modell den Energieeffizienzzielen Deutschlands „zu einem brisanten Zeitpunkt“, wie Spiegel-Online heute schreibt, enorme Wachstumspotentiale bescheinigt. Investitionen in Energiesparmaßnahmen, vor allem im Gebäudebestand, soll zur Beschäftigung von Arbeitskräften führen, deren Einkommen wieder anderweitig verausgabt werden und damit quer durch die Volkswirtschaft zu steigender Produktion, ergo Wirtschaftswachstum führen. Energieeinsparungen, natürlich abhängig von der zukünftigen Entwicklung der Energiepreise sollen ihr übriges tun. Eine schöne heile Welt, die auch noch zu geringeren Kohlendioxidemissionen und damit vermindert Klimaschäden führen soll. Getrübt wird dieses neo-keynesianische Paradies allein dadurch, dass natürlich finanzielle und reale Verdrängungseffekte nicht auszuschließen sind, „wenn sich bei höherem Finanzbedarf die Kreditkonditionen verschlechtern bzw. wenn es zu Engpässen bei personal und Betriebsmitteln kommt“, wie die Autoren der Studie freimütig einräumen.

Prompt folgt dann auch der Pferdefuß der Analyse, mit dem die Voraussagekraft der Modellanalyse steht und fällt. Die Autoren müssen nämlich auch zugeben, dass Wachstumsimpulse nur dann zu erwarten sind, wenn zusätzliche volkswirtschaftliche Produktionsfaktoren mobilisiert werden können und die Arbeitsproduktivität durch die Maßnahmen gegenüber einer Referenzentwicklung steigt. Ist das nicht der Fall, so kann man einer methodischen Randnotiz der Studie entnehmen, bleibt von der eierlegenden Wollmilchsau Energieeffizienz nichts mehr übrig:

Wenn weder eine Steigerung der Arbeitsproduktivtät noch eine Mobilisierung zusätzlicher Arbeitskräfte möglich wäre und so die inländische Wertschöpfung nicht ausgeweitet werden könnte, wären – bei gleichbleibendem Außenhandel – zusätzliche Investitionen zur Steigerung der Energieeffizienz nur zu Lasten anderer Investitionen oder des privaten Verbrauchs möglich.

Da ist die Katze aus dem Sack, denn es ist kaum anzunehmen, dass Investitionen in Energieeffizienz, die sich nicht schon jetzt aufgrund der zu erwartenden Energieeinsparungen rechnen, sondern nur unter der optimistischen (oder auch pessimistischen) Annahme steigender Energiepreise, tatsächlich zu einer Erhöhung der Arbeitsproduktivität führen. Stattdessen binden sie Ressourcen, die sich unmittelbar in einen höheren Kapitalstock und damit eine höhere Arbeitsproduktivität in anderen Wirtschaftsbereichen niederschlagen würden. Allein technischer Fortschritt oder organisatorische Innovationen, die Produktionspotential mobilisieren und sich in der Steigerung des Verhältnisses von wertmäßigem Output zu Input in der Gesamtwirtschaft niederschlagen, lösen gesamtwirtschaftliches Wachstum aus. Das ist jedoch ausgeschlossen, wenn der Staat Investitionen fehlleitet und Unternehmen und Verbrauchern damit die Fähigkeit raubt, sich optimal an veränderte Knappheitsrelationen in der Volkswirtschaft anzupassen. Auch die Emissionsminderungen von 45 Millionen Tonnen würden im globalen Maßstab kaum ins Gewicht fallen und angesichts weltweit viel billigerer Emissionsminderungsmöglichkeiten zudem teuer erkauft sein. Das alles deutet aber darauf hin, dass es netto keine Steigerung der Arbeitsproduktivität geben dürfte, ganz im Gegenteil. Es ist zwar nicht auszuschließen, dass der Nachfrageimpuls im Bereich der Effizienztechnologien Innovationseffekte generiert, also auch sektorale Produktivitätssteigerungen ermöglicht, doch trifft dies auch für beliebig andere Einsatzbereiche der volkswirtschaftlichen Ressourcen zu.

Was bleibt, ist eine politisch motivierte Analyse, die ihre fundamentalen methodischen Schwächen hinter einer schillernden Kulisse optimistischer Szenarien versteckt. Weit, bis in das Jahr 2050 soll man in der Glaskugel schauen können, auch wenn man in einem grauen Kasten einräumen muss, dass die Abschätzungen der langfristigen Auswirkungen mit zunehmenden Unsicherheiten behaftet ist. Unsicher sind die Ergebnisse indes nicht, nein, sie sind mit Sicherheit Nonsens. Doch was solls, Hauptsache die Wissenschaft liefert zum richtigen Zeitpunkt die richtigen Zahlen, möglichst auf die Kommastelle genau geraten.

Eine Antwort zu “DIW-Studie zur Energieeffizienz: Man beachte das Kleingedruckte

  1. Ach ja, wie hieß noch der berühmte Mann? War das nicht Münchhausen, der, der sich am eigenen Schopf aus dem Sumpf zog?
    Mehr ist zu dieser „Studie“ wohl nicht zu sagen.

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