Nicht totzukriegen

Steffen Hentrich

Geschichten vom geplanten Verschleiß, der bewussten Nutzungsdauerverkürzung zum Leidwesen des Verbrauchers haben kein Verfallsdatum. So schrieb Steven Landsburg vor einigen Jahren in einer Kolumne im Online-Magazin Slate:

Alle paar Jahre wieder behauptet jemand General Electric würde zwar wissen wie man Glühlampen baut die länger als 1000 Stunden halten, uns diese aber vorenthalten, damit wir immer wieder neue kaufen. Ganz ähnlich schreibt Ann Landers unablässig Kolumnen über Feinstrumpfhosen, die nur deshalb Laufmaschen ziehen, damit sich Frauen alle zwei Wochen ein neues Paar kaufen müssen. (Slate, Everyday Economics, 14.10.1999, Übers. d. d. Autor)

Tatsächlich ist es mal wieder soweit. In einem Gutachten für die Grünen kritisiert Christian Kreiß, Professor für Wirtschaftspolitik an der Hochschule Aalen, Kapitalisten für ihre Neigung bewusst zu Lasten der Verbraucher in ihre Produkte ein Verfallsdatum einzubauen. Natürlich wird auch wieder der alte Hut von General Electric und der absichtlich reduzierten Brenndauer von Glühlampen ausgepackt. Doch was in diesem Gutachten als wirtschaftliche Erklärung für geplanten Verschleiß angeführt wird, hat mit ökonomischer Logik nicht viel zu tun. Ganz im Gegenteil wird den Unternehmen unterstellt, sie würden allein auf die Reduzierung ihrer Kosten abzielen, dabei jedoch nicht berücksichtigen, dass Langlebigkeit als Qualitätskriterium Relevanz für den Verbraucher hat. Zudem würde man ganz bewusst die Nutzungsdauer verkürzen, um immer wieder neue Produkte verkaufen zu können. Dass aber Langlebigkeit nicht der einzige Beurteilungsmaßstab des Verbrauchers ist und die Hersteller neben den eigenen Herstellungskosten auch die optimale Nutzungsdauer ihrer Durchschnittskonsumenten berücksichtigen scheint dem Gutachter entgangen zu sein. Mode, technischer Fortschritt, veränderte Nutzungsanforderungen, all dies sind Rahmenbedingungen, die den Wert von Gebrauchsgütern für die Verbraucher bestimmen. Natürlich kann ein Hersteller mit hohem Kostenaufwand nahezu ewig haltende Geräte auf den Markt bringen. Doch für diesen Preis werden viele Verbraucher nicht bereit sein zuzugreifen, weil andere Faktoren lange vor Ende der Nutzungsdauer den Wert des Gutes reduzieren.

Legt die überwiegende Zahl der Verbraucher jedoch großen Wert auf Langlebigkeit, dann lässt sich durch die Unternehmen auch eine entsprechend hohe Zahlungsbereitschaft abschöpfen, mit der sich die höheren Produktionskosten decken lassen. Es macht wenig Sinn Störstellen in ein Produkt einzubauen, für dessen langlebige Version die Konsumenten Premiumpreise bezahlen wollen. Ebenso wenig sinnvoll ist es aber auch viel Geld in Langlebigkeit zu investieren, wenn die Produkte lange vor dem physischen Verschleiß auf dem Müll landen, weil Geschmack, Mode oder technische Anforderungen sich verändert haben. Oder das Gebrauchsrisiko oder Geldknappheit diktieren die Bedürfnisse der Verbraucher, wie Steven Landsburg weiter ausführt:

In den meisten Fällen fordern die Verbraucher den “geplanten Verschleiß”, weshalb Unternehmen ihn als Service anbieten. Vielleicht würden sie doch lieber keine Feinstrumpfhose für 52 $ kaufen, weil sie Angst haben, dass sie in der Wäscherei verloren geht. Oder sie haben die 52 $ gerade nicht bei der Hand. In dem ihnen der Hersteller die Möglichkeit gibt  26 Paar minderwertige Feinstrumpfhosen für je 2 $ zu kaufen, bekommen sie von ihm entweder das Äquivalent einer Versicherung (gegen den Verlust einer ganzen Jahresausstattung von Feinstrumpfhosen) oder einen Kredit (indem er es ihnen ermöglicht ihre Ausgaben über ein ganzes Jahr zu verteilen). (Slate, Everyday Economics, 14.10.1999, Übers. d. d. Autor)

Gerade bei Computern und Unterhaltungselektronik, bei denen der technische Fortschritt den Gebrauchswert massiv bestimmt, lohnt sich Langlebigkeit nur in engen Grenzen. Natürlich gibt es immer wieder Verbraucher, die sich eine längere Lebensdauer wünschen. Doch Unternehmen orientieren sich im Wettbewerb am typischen Verbraucher, der ohnehin alle paar Jahre Modellpflege betreibt. Da ist es auch nicht ehrenrührig, wenn ein Unternehmen nach einiger Zeit Service und Wartung nicht mehr vornimmt, weil Aufwand und Nutzen nicht mehr in angemessener Relation stehen. Das wäre erst recht Ressourcenverschwendung. Für den Staat besteht hier schlichtweg kein Handlungsbedarf, solange der Wettbewerb funktioniert und Unternehmen sowie Verbraucher die Kosten der Produktion durch angemessene Preise decken. Es reicht, wenn sich der Staat auf seine Kernaufgaben in der Umweltpolitik konzentriert und dafür sorgt, dass neben Herstellern und Verbrauchern nicht noch Dritte die Last der Produktion in Form von Umweltbeeinträchtigungen tragen.

3 Antworten zu “Nicht totzukriegen

  1. Pingback: 5 vor 10: Davos, Zuwanderung, Mikrokredite, Verschleiß, Griechenland | INSM Blog

  2. Sehr geehrter Herr Hentrich,
    in der freien Marktwirtschaft gelten Ihre Argumente natürlich. Nicht aber in der realen welt des Konzernkapitalismus in dem Konzerne Einfluss auf den Gesetzgeber nehmen um durch ständig marginal verschärfte Zulassungskriterien und künstliche Hindernisse wie Feinstaubplaketten Zwang auf Konsumenten auszuüben. Ich bin selbständiger Motoreninstandsetzer und beschäftige mich daher zwangsläufig mit der Lebensdauer von Fahrzeugmotoren daher erlaube ich Ihnen Informationen aus der Praxis zukommen zu lassen: Im Automobilsektor werden den Aggregaten (nicht nur den Motoren) bewusst und zum Teil mit kostentreibendem Zusatzaufwand definierte Schwachstellen eingebaut die in älteren Motoren nicht existierten. Die Motoren werden insgesamt teurer in der Herstellung und durch völlig unnötig höhere spezifische Beanspruchungen in der Lebensdauer massiv eingeschränkt. Den Umweltgedanken treibe ich so ad absurdum weil es der Umwelt nichts nützt wenn ich eine geringfüge Menge an Treibstoff spare aber alle 4 Jahre ein neues Fahrzeug brauche, allein die Menge an Müll die aufgrund einer solchen Politik entsteht kann nicht im Sinne der Menschen sein .
    Meine Kunden wären zufriedener wenn Ihre Fahrzeuge länger hielten, soviel steht fest unabhängig von Medienrummel und Trendquatsch.
    mit freundlichen Grüssen:
    Miguel David

  3. Freiheit der Ältere

    In einer Wirtschaftsverfassung in der Geld beliebig vermehrt werden kann, hat derjenige bei Massenprodukten kaum noch Angebot, der eben die Langlebigkeit bevorzugt. Die kreditaufnehmende Masse wünscht den schnellen Wechsel, damit sie einen Lebensinhalt hat.
    Ich selbst kenne aus erster Hand einen Hersteller von Laserwerkzeugen, der Sollbruchstellen einbaut, damit die Maschine nach rund 15 Jahren nicht mehr reparabel ist (unter wirtschaftlichen Gesichtspunkten).

    Das Glühlampenkartell ist ein nachgewiesen weltweit agierendes Kartell gegen den Verbaucher. Das Verbot selbiger ebenso.

    Langlebigkeit wird paradoxerweise bei Wirtschaftsgütern seitens des Staates befördert, denn der richtet seine AfA-Tabellen sehr wohl an einem möglichst niedrigen Abschreibungssatz und damit einer langen Nutzungsdauer aus und erzwingt so höhere Bemessungsgrundlagen. Beispiel: Wohngebäude. Der Hersteller gibt 6 Monate Garantie auf seine Baustoffe, der Bauunternehmer bekommt von mir 5 Jahre Gewährleistung nach BGB aufgezwungen und der Staat schreibt mir eine auf einer Nutzungsdauer von 50 Jahren basierende AfA von 2% als Basis der Steuerbilanz vor. Hübsch, nicht?

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