Staatsvertrauen im Internet

Steffen Hentrich

Selbst die Enthüllungen von Edward Snowdon über die nachrichtendienstliche Überwachung der Internetnutzer durch die NSA haben dem Gottvertrauen der Deutschen in den Staat als Garant für die Ordnung und Sicherheit im Internet keinen Abbruch getan. Eine vom Deutschen Institut für Vertrauen und Sicherheit im Internet herausgegebene Studie zeigt, dass die Angst vor Freiheitseinschränkungen im Internet durch den Staat deutlich weniger ausgeprägt ist als durch private Unternehmen. 66 Prozent der Befragten sehen große und sehr große Gefahren für die Freiheit im Internet durch private Unternehmen, wohingegen nur knapp 50 Prozent den Staat im Internet als Freiheitsrisiko betrachten. Weniger bedroht durch Unternehmen sehen sich nur 17 Prozent, gar keine Angst vor privaten Anbietern im Internet hat kaum jemand. Deutlich ausgeprägter ist die Sorglosigkeit gegenüber dem Staat. Sechs Prozent halten staatliches Agieren im Internet für harmlos und 33 Prozent sehen nur geringere Gefahren für die Freiheit.

Offenbar ist bei den Bürgern die Angst vor auf das jeweilige Nutzerprofil zugeschnittenen Inhalten von Suchmaschinen und Online-Shops größer als die Furcht, dass der Staat die Nutzungsdaten der Bürger für seine Zwecke verwendet, von denen Strafverfolgung ja bekanntlich nur einer von vielen denkbaren ist. Kein Wunder, dass nur fünf Prozent der Befragten denkt, der Staat würde zu stark ins Internet eingreifen, wohingegen 15 Prozent zufrieden mit den staatlichen Patrouillen auf der Datenautobahn sind. 31 Prozent sind davon überzeugt, dass der Staat sich zu wenig in das Geschehen im Internet einmischt. Hierbei wird jedoch auch deutlich, dass der Ruf nach dem Staat im Internet mit der Häufigkeit und Breite der Internetnutzung leiser wird. Während 57 Prozent aller befragten für eine stärkere staatliche Kontrolle des Internets sind, fordern nur 54 Prozent der tatsächlichen Internetnutzer mehr Staat. Je häufiger die Internetnutzer durchs Web surfen, umso weniger wird nach dem Staat gerufen. Den 75 Prozent der Gelegenheitssurfer die mehr Staat verlangen, stehen 47 Prozent der Vielsurfer mit mehr Lust auf staatliche Kontrolle gegenüber. Das gilt auch für die Breite des Nutzungsspektrums. Nur knapp die Hälfte der Nutzer des Internets für ein breites Aufgabenspektrum will mehr Staat, dagegen rufen zwei Drittel derjenigen, die relativ wenig mit dem Internet anzufangen wissen, nach mehr Kontrolle. Kein Wunder, dass sich 68 Prozent derjenigen, die sich nicht zutrauen über Risiken und Nebenwirkungen des Internets ein eigenes Urteil bilden zu können, für mehr Kontrollen aussprechen, aber nur 47 Prozent mehr Staat verlangen, wenn das eigene Urteilsvermögen als ausreichend eingeschätzt wird. Ein entsprechend umgekehrtes Antwortmuster ergibt sich, wenn die Frage gestellt wird, ob der Staat sich nicht lieber zurückhalten sollte.

Eines zeigt diese Umfrage auf jeden Fall. Der Staat vermag bei seinen Bürgern trotz des NSA-Skandals ein Gefühl der Sicherheit auszulösen, vor allem wenn ein Mangel an Kompetenz und Erfahrung vorliegt. Beruhigend ist das für alle anderen auf keinen Fall, denn man gewinnt den Eindruck, dass viele Bürger nicht nur die Verantwortung für das eigene Handeln, sondern auch das Nachdenken über Vor- und Nachteile des Internets an den Staat abtreten wollen. Das Google & Co uns zu dem einen oder anderen Fehlkauf verführen und man im Internet wie sonst auch vor Betrug oder Belästigung nicht gefeit ist, empfinden viele Bürger bedrohlicher als einen potentiellen Überwachungsstaat, dessen Lippenbekenntnisse für mehr Sicherheit im Internet nicht davon ablenken können, dass er auch über das Exklusivrecht zur gewaltsamen Beschneidung bürgerliche Freiheiten verfügt. Zu dieser schiefen Perspektive gesellt sich dann die Schere im Kopf, wenn sich der Staat im Internet seiner Zügel immer mehr entledigt.

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Eine Antwort zu “Staatsvertrauen im Internet

  1. Hat dies auf Rogalist rebloggt und kommentierte:
    „Eines zeigt diese Umfrage auf jeden Fall. Der #Staat vermag bei seinen Bürgern trotz des #NSA-Skandals ein Gefühl der #Sicherheit auszulösen, vor allem wenn ein Mangel an Kompetenz und Erfahrung vorliegt. Beruhigend ist das für alle anderen auf keinen Fall, denn man gewinnt den Eindruck, dass viele Bürger nicht nur die Verantwortung für das eigene Handeln, sondern auch das Nachdenken über Vor- und Nachteile des Internets an den Staat abtreten wollen.“ […]
    – via Liberales Institut

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