Marokko – wirtschaftlicher Aufbruch mit Hindernissen

Michael von Prollius

Marokko ist ein interessantes Land. Bereits nach kurzem Aufenthalt springt einem das ins Auge. Vor allem als Schmelztiegel verschiedener Kulturen entfaltet es seine Reize und wegen des exzellenten Kaffees, der als Nusnus serviert einem halben Latte Macchiato entspricht und auch in von Touristen wenig frequentierten Bergregionen serviert wird. Die Berber leben seit mindestens 7000 Jahren hier. Berber bedeutet freier Mensch wie Tuareg auch. Vor rund 800 Jahren kamen die Araber hinzu, eroberten weite Teile des Landes und verankerten ihre Kultur und den Islam. Die dritte Bevölkerungsgruppe bilden die Juden, die schon vor 2000 Jahren mit Salz, dem weißen Gold, überregionale Handelsbeziehungen pflegten. Heute gibt es neben Moscheen auch Synagogen und sogar riesige Kirchen, etwa in Casablanca. Dort steht auch die drittgrößte Moschee der Welt, nur Mekka und Medina haben diesbezüglich noch mehr zu bieten. Schließlich haben Afrikaner ihre Spuren in der Gesellschaft hinterlassen, vor allem aus Mali, Niger, Sudan und Ghana.

Der ethnisch-konfessionelle Mix des 32 Millionen-Landes weist auf die überaus günstige Lage des Landes hin, mit seiner langen Atlantikküste und Häfen wie Tanger, das durch die Kolonialisierung der Franzosen nach 1912 genau wie Casablanca aufblühte. Noch heute ist diese Blütezeit durch abgeblätterten Putz an einst repräsentativen Gebäuden und auf belebten, aber dennoch trist wirkenden Plätzen spürbar. Schönere Bauten sind nicht hinzugekommen. Zugleich bildet Marokko eine Brücke zwischen Europa und Afrika. Außerdem liegt es am Eingang des Mittelmeers. Im Grunde sind das ideale Bedingungen, um eine führende Rolle als überregionale Logistikdrehscheibe zu spielen und einen „Financial Hub“ zu bilden. Marokko könnte mit eigenem Stil eine Fortsetzung Europas sein, dass nur 13 Kilometer entfernt liegt. Aber so unternehmerisch wie manche Golfstaaten wird das Land nicht geführt. Die Arbeitslosigkeit ist groß, besonders unter Jugendlichen, die Analphabetenrate viel zu hoch, die Bildung zu gering und unpassend für die Facharbeiteranforderungen der Wirtschaft. Deshalb haben Qualifizierte massenhaft ihr Glück in Europa gesucht und gefunden, sie strömen nun aber krisenbedingt in ebensolchen Massen zurück in ihre Heimat, die sie zuvor noch mit Milliardenbeträgen in Form von Transfers und mit Sachleistungen unterstützt haben, darunter ausrangierte, aber gut verwendbare Busse für den Transport auf dem Lande.

Widersprüche aller Orten: Die Armut im Süden ist erschreckend. Der Mangel an Klassenräumen lässt die durchschnittliche Klassenstärke auf 40 bis 50 Kinder anschwellen. Zugleich wurden in den Bau der luxuriösen Moschee Hassan II. gut 800.000.000 US-Dollar investiert, auch mit privaten Spenden kleiner Leute. Wenige sehr wohlhabende Menschen können sich McDonalds leisten, zwei Filialen liegen vom Villenviertel in Casa, wie die Marokkaner sagen, nicht weit entfernt. Indes bleibt die Masse der Menschen unter ihren Möglichkeiten. Man kann diese Apathie in ihren Gesichtern sehen. Es wundert nicht, dass im Zuge des „Arabischen Frühlings“ auch in Marokko protestiert wurde. Indes erstaunt, dass nicht mehr protestiert wird. Das Gefälle zwischen Arm und Reich in Casablanca scheint weniger einem Aufbruch mit sich anbahnendem „Trickle down Effekt“ geschuldet zu sein, denn der Herrschaft weniger und der Stagnation vieler. Ablesbar ist das auch am Durchschnittseinkommen von nur 2.900 US-Dollar pro Kopf pro Jahr. Insofern gilt: Modernisierung punktuell ja, Aufbruch nein.

Eigentlich sollte es in Marokko wirtschaftlich und gesellschaftlich vorwärts gehen. Der westlichste der fünf Maghreb-Staaten hat zeitweise enorme Reformfortschritte gemacht und war 2010 das reformfreudigste Land weltweit. Allerdings ist mit einer Arbeitsmarktpolitik der Marokkanisierung, och immer viel zu hohen Lizenzierungskosten für die Gründung eines Unternehmens und anhaltend unrentablen Staatsbetrieben sowie noch unzureichender Regionalisierung und zu geringen Bildungs- und Qualifikationsfortschritten (40 % Analphabeten) kein Schub zu erwarten. Die Staatsausgaben sind zu hoch, die Verschuldung hat die 50%-Marke des BIP überschritten. Korruption und ein unwirksames Justizsystem, das politischer Einflussnahme unterliegt, sind zentrale Hürden für die notwendige Etablierung einer Marktwirtschaft. Der Staatsapparat liegt trotz Reformen wie Blei auf den unternehmerischen Aktivitäten der Menschen und verhindert einen Aufbruch; zugleich scheint ein Ausbruch aus der Stagnation angesichts des „Arabischen Frühlings“ dringlicher denn je.

Im Easy of Doing Business Index liegt das Land nur oder immerhin in der Mitte der 185 aufgeführten Länder – mit Rang 97 hat es sich 2013 vier Plätze verschlechtert. Das liegt insgesamt an der erschwerten Registrierung von Eigentum (Platz 163) und dem schlechten Schutz von Investoren. Immerhin hat die Regierung die Gründung von Unternehmen deutlich vereinfacht. Der Economic Freedom Index führt Marokko an neunter Stelle von 15 Ländern in Nah-/ Mittelost. Die stetige Verbesserung der wirtschaftlichen Freiheit sei zum Stillstand gekommen, heißt es in der Länderkurzfassung, die Justiz stark politischen Einflüssen ausgesetzt. Korruption bleibe ein gravierendes Problem.

Besonders auf der Ebene der Kleinstunternehmer verharrt das Land teilweise im Mittelalter. Das offenbart sich im Zentrum von Fes auf eindringliche Weise, in engen, dunklen, nicht immer gut riechenden Gassen. Dort wird auch noch per Hand gegerbt – entsetzlich. Wer hier später einmal den Abriss einer historischen Innenstadt bedauert, lebt in einer schönen Scheinwelt.

Ökonomisch hilft es nicht, dass bis zu einem Drittel des weltweit geförderten Phosphats aus Marokko stammt. Der industrielle Sektor ist sehr klein und wenig produktiv, zudem leidet der wichtigste Wirtschaftszweig, die Textilindustrie, unter Krise und internationalem Wettbewerbsdruck. Reisenden springen indes zwei andere Sektoren ins Auge: der große Anteil der Landwirtschaft, in dem rund 40% der Bevölkerung auf vielfach unprofitable Weise, nämlich in Subsistenzwirtschaft, tätig sind. Hinzu kommt der aufgeblähte öffentliche Sektor. Viel zu viele Staatsbedienstete gehen unproduktiven Tätigkeiten nach, darunter Polizisten, die nichts zu tun haben, was sichtbar auch für Parkarbeiter und die Königsentourage gilt.

In Casablanca sind viele Menschen unterwegs, aber Dynamik strahlen sie nicht aus. In Muskat, Oman, am anderen Ende des islamischen Krisenbogens, war das ganz anders. Überwiegend Billigprodukte werden angeboten, auch manches wohlschmeckend Selbstgebackene. Indes sind Buchläden selten. Viele Menschen gehen einfachsten Tätigkeiten nach: Schuhe putzen, Tempotaschentücher verkaufen, Selbstgebasteltes anbieten. Auffällig viele Bettler durchstreifen die Straßen und bitten auch an der Ampel um Almosen, zuweilen ein Kleinkind in einem Tuch auf dem Rücken. In ländlicheren Gebieten wie Meknes prägt der typische arabische Mix aus ehemaliger Hochkultur und schlichten Importprodukten den Alltag.

Die herrliche Landschaft bleibt davon unberührt. Hotels mit unterschiedlichem Standard, aber vielen Sternen, bieten zumeist nur eine akzeptable Herberge. Die Türkei glänzt im Vergleich mit meilenweit besserem Angebot und Service. Dementsprechend wenig überrascht die nur geringe Zahl der Touristen, obwohl die Hochsaison begonnen hat. Die Krisen in der Region dürften ihr übriges tun. Dabei kann man sich in Marokko durchaus sicher fühlen, auch Diebstahl ist kein Thema – selbst Fahrräder und Motorroller stehen unangeschlossen auf den Bürgersteigen. Vielleicht verändert sich Marokko noch in den nächsten zwei Jahren. 2015 kann es als Ausrichter der Fußball-Afrika-Meisterschaft glänzen. Wenn nicht, werden die Menschen das Land verändern – so oder so.

Dieser Beitrag erschien zu erst auf Forum Ordnungspolitik

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2 Antworten zu “Marokko – wirtschaftlicher Aufbruch mit Hindernissen

  1. Das Land hat definitiv Potential und ist im Gegensatz zu vielen anderen arabischen Ländern unbeschadet aus dem „Arabischen Frühling“ hervorgegangen. Von daher kann man, denke ich, optimistisch sein, was die Zukunft Marokkos angeht.

  2. Solange das politische Problem der Westsahara – die bis 1976 zu Spanien, rsp. als Letztes die Hauptstadt Al-Aiun, gehörte – von Marokko nicht angemessen zur Lösung angeboten wird, kann das Land nicht zur Ruhe kommen.

    Marokko hat sich durch den Westsahara-Deal mit Spanien und zuletzt Mauretanien in unnötig riskantes Terrain begeben – politisch, regional und wirtschaftlich.

    Dort – und womöglich auch anderswo – gärt es vor sich hin ohne Aussicht darauf historischem Vergessen anheim zu fallen.

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