James M. Buchanan (1919-2013)

Kurt R. Leube* 

Mit dem Tod von Jim Buchanan (1919-2013) haben wir einen der letzten jener universell gebildeten Generation amerikanischer Wirtschaftswissenschaftler verloren. James M. Buchanan wurde in eine angesehene Südstaaten-Familie in Bundestaat Tennessee geboren, und wuchs dort in bescheidenen Verhältnissen auf, obwohl sein Grossvater John P. Buchanan Governeur von Tennessee war. Er studierte zunächst an der dortigen Universität und schloss sein Studium der Wirtschaftswissenschaften dann aber an der University of Chicago 1948 ab. Während des Krieges diente er in der US Marine unter Admiral Nimitz im Pacific. Obwohl er in den letzten Jahren zurückgezogen auf seiner Farm lebte, war er bis zu seinem Tod Distinguished Senior Fellow im Cato Institute (Washington, DC) und Professor Emeritus an der George Mason University in Virginia.

Als er während der späten 1940ger Jahre als ‘graduate student’ Frank Knight’s (1885-1972) Vorlesungen an der University of Chicago hörte, reichten rund 6 Wochen dem jungen Jim Buchanan die sozialistischen Ideen und vagen Vorstellung eines Wohlfahrtsstaates endgültig auszutreiben. Es war im Wesentlichen der direkte wissenschaftliche Einfluss Knight’s, aber auch die Werke Knut Wicksell’s (1851-1926), die Buchanan zu einem der führenden Liberalen unserer Zeit machten.

Es waren besonders die in Vergesenheit geratenen Arbeiten in denen Wicksell bereits in den 1890ger Jahren argumentierte, dass nur einstimmig beschlossene Steuern und Staatsausgaben zu rechtfertigen sind. Schon damals stellte er sich gegen die Idee, dass zwischen einer individuellen Steuerpflicht und der individuell erhaltenen staatlichen Leistung kein Zusammenhang bestehen muss. Ähnlich wie für Wicksell sind auch für Buchanan Steuern Preise für die Bereitstellung öffentlicher Güter. Im heutigen Wohlfahrtsstaat aber werden sie fast ausschließlich als der gemeinnützige, solidarische Beitrag dargestellt, den jeder einzelne Bürger zur Finanzierung jener Aufwendungen aufzubringen hat, die der Staat im Interesse eines kaum je näher definierten Gesamtwohls allen zur Verfügung stellt. So werden heute Steuern als bevorzugtes Instrument der Einkommensumverteilung benutzt.

Erfolgreich baute Buchanan die Theorie Wicksell’s weiter aus und begann sich zunehmend auf einen bisher weitgehend vernachlässigten Teil der Ökonomie zu konzentrieren, wobei er den neuen Teilbereich, Constitutional Economics entwickelte. Buchanan unterscheidet hier im Wesentlichen zwischen zwei eminent wichtigen demokratischen Ebenen: während in der ersten die Regeln einer Verfassung ausgehandelt und verabschiedet werden, geht es in der zweiten, um die Erhaltung individueller Freiheit durch Einhaltung dieser Regeln.

Gemeinsam mit Gordon Tullock (1922 -) veröffentlichte Buchanan den berühmten Klassiker The Calculus of Consent. The Logical Foundation of Constitutional Democracy (1958). Hier gelang es ihnen nicht nur zum ersten Mal mit einer ökonomischer Analyse die Vermutung eines Marktversagens mit dem Versagen des demokratischen Wohlfahrtstaates zu erklären. Hier findet sich auch der Nachweis, dass das Eigeninteresse der Politiker zu schädlichen Auswirkungen auf das öffentliche Leben führt. Schließlich wollen Politiker in der Regel ja wiedergewählt werden und weil sie sich dabei mit Steuergeschenken für einzelne Wählergruppen (auf Kosten der Allgemeinheit) beliebt und mitunter unentbehrlich zu machen versuchen, lehnen sie einfache, gerechte und für alle gleich wirkende Steuersysteme ab. In seinem Buch The Limits of Liberty. Between Anarchy and Leviathan (1975) weist er nach, dass diese politischen Prozesse langfristig zur Schacher-Demokratie (Hayek) verkommen müssen.

In seinen wichtigen Werken zur Methodologie, wie etwa What Should Economists Do? (1979) oder sein leider wenig beachtetes Buch Cost and Choice (1999) kritisierte Buchanan scharf den herkömmlichen Ansatz, nach der die Nationalökonomie eine Wissenschaft der Wahl oder der Allokation knapper Ressourcen ist.  Auf dem Fundament der österreichischen Schule ruhend argumentierte er jedoch, dass die  Ökonomie eine Theorie zur Erreichung von Zielen ist, nicht aber eine der richtigen Zielwahl: Wertungen und Zielvorgaben sind somit immer subjektiv und liegen für ihn jenseits der Wissenschaftlichkeit.

In den 1990er Jahren führte Buchanan den Begriff des ‘generalized increasing returns’ erfolgreich in die Diskussion um den Freihandel ein. Nach ihm führt die zunehmende internationale Vernetzung zu immer mehr Arbeitsteilung, und daher zu immer grösserer Produktivität und Wachstum. Diese Einsicht hat tiefgreifende Folgen nicht nur für die Arbeitsmoral, sondern ebenso für staatliche Regulierungen, wie etwa die gesetzliche Beschränkungen der Arbeitszeit.

Längst überfällig wurde James Buchanan 1986 der Nobelpreis in Ökonomie für die Entwicklung der kontrakttheoretischen und konstitutionellen Grundlagen der ökonomischen und politischen Beschlussfassung verliehen. Die rund 20 Bände umfassende Gesamtausgabe seiner Werke, die der Liberty Fund (Indianapolis) zusammenstellte und veröffentlichte, reflektieren seinen enormen akademischen Einfluss. Buchanan’s Bibliographie umfasst rund 30 Bücher und an die 300 Aufsätze. Sein Werk entstand aus der umfassenden Sicht einander bedingender  Disziplinen.  Die  innere  Kohärenz und systematische Entwicklung seines Werkes, seine seltene umfassende humanistische Bildung, ehrliche Wissenschaftlichkeit sind Legion. Seine Autobiographie Better than Plowing and Other Personal Essays (1992) bietet gewiss den besten Einblick in seine gewinnende Persönlichkeit und sein Oeuvre. Er ist am Jan. 9, 2013 in Blackburg, VA gestorben.

 *Kurt R. Leube ist Professor Emeritus und Research Fellow an der Hoover Institution, Stanford University (USA) und Academic Director der ECAEF (European Center of Austrian Economics Foundation) mit Sitz in Vaduz.

2 Antworten zu “James M. Buchanan (1919-2013)

  1. Solange bereits – und länger – offenbaren sich die Unzulänglichkeiten des demokratischen Systems und der negative Einfluß all der Aberrationen auf Zeit arbeitender Politiker, daß es schwer fällt, an die Fähigkeit des Menschen zu glauben, sich selbst und seine Umgebung entwickeln zu können – im Sinne von Fortschritt und Verbesserung der Verhältnisse.

  2. Pingback: James Buchanan und der Föderalismus |

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