Spekulation oder Spekulantenbashing – Was trägt mehr zum Hunger in der Welt bei?

Sascha Tamm

In der Öffentlichkeit wird immer wieder behauptet, dass gierige Spekulanten für das Ansteigen der Lebensmittelpreise verantwortlich seien. Natürlich ist es schön, wenn Oxfam oder Foodwatch einen Schuldigen haben, auf den sie einschlagen und damit Spenden einwerben können. Spekulanten, und – inzwischen fast noch gruseliger klingend, Finanzinvestoren, die mit Derivaten handeln – eignen sich da ganz hervorragend. Doch halten die Argumente der Spekulationskritiker einer Prüfung stand? Ist das Handeln der Spekulanten moralisch zu kritisieren? Diesen Fragen widmet sich Ingo Pies, Professor für Wirtschaftsethik in Halle in dem aktuellen Diskussionspapier:

Ethik der Spekulation: Wie (un-)moralisch sind Finanzmarktgeschäfte mit Agrarrohstoffen?

Zunächst erläutert Pies in dem als Interview aufgebauten Text das Wesen von Terminkontrakten und ihre Funktion. Anschließend zeigt er, dass die beiden Hauptargumente der Kritiker nicht durch Forschungsergebnisse gedeckt sind: Weder erhöhen sich die Preise für Agrarrohstoffe durch Spekulation noch nimmt die Volatilität der Märkte zu – bei letzterem gibt es sogar gute Evidenz für das Gegenteil. Das gilt auch die CITs (Commodity Index Trader), auf die sich die Kritik besonders eingeschossen hat. Die Gleichzeitigkeit des verstärkten Handels mit ihnen und der Lebensmittelkrise von 2007/2008 beruht nicht auf einer Kausalität, sondern auf verschiedenen externen Faktoren. Zudem funktioniert das Argument, das steigende Spekulationsvolumina zu steigenden Preisen führe, nicht:
Wie funktionieren Terminmärkte? Sofern ein Indexspekulant auf steigende Preise wetten will, kann er diese Wette doch nur dann abschließen, wenn er einen Vertragspartner findet, der auf sinkende Preise wetten will. Der Index-Spekulant kann nur dann einen Future-Kontrakt kaufen, wenn er jemanden findet, der ihm diesen Future-Kontrakt verkauft. Long-Positionen und Short-Positionen entsprechen sich. Der Terminmarkt ist ein Nullsummenspiel von Angebot und Nachfrage. Deshalb kann ein steigendes Mengenvolumen von Termingeschäften sowohl mit steigenden wie mit sinkenden Preisen einhergehen.“

Ein weiteres wichtiges Argument dafür, dass CITs keinen großen Einfluss auf den Spotpreis haben, liegt darin, dass sie keine eigene Lagerhaltung betreiben und damit auch keine „künstliche“ Verknappung der Agrarrohstoffe herbeiführen können.

Weiterhin kritisiert Pies die NGOs, die auf sehr schwacher wissenschaftlicher Grundlage und oft gegen neueste Ergebnisse der ökonomischen Forschung Kampagnen fahren, die vor allem in ihrem Eigeninteresse sind. Es stellt sich die Frage: Sind die Kampagnen verschiedener NGOs wie Foodwatch und Oxfam moralisch zu rechtfertigen? Befördern sie nicht ein Denken und ein politisches Klima, das den Menschen schadet, die unter einem Mangel an Lebensmitteln leiden und denen sie zu helfen vorgeben? Lassen wir noch einmal den Autor zu Wort kommen:

„Es gilt zu vermeiden, dass ausgerechnet im Namen der Moral Maßnahmen propagiert werden, die genau das Gegenteil von dem bewirken, was sie eigentlich bewirken sollen. Wer den Hunger auf dieser Welt nachhaltig bekämpfen will, muss die Funktionsweise der Agrarmärkte institutionell stärken, nicht schwächen. Auch hier gilt wie so oft: Der Weg zur Hölle kann mit guten Vorsätzen gepflastert sein.“

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3 Antworten zu “Spekulation oder Spekulantenbashing – Was trägt mehr zum Hunger in der Welt bei?

  1. Die hier in Bezug genommene Art von Spekulation ist regelmäßig die um Arbitrage (Ausgleich unterschiedlicher Marktpreise) und/oder die Verfolgung globaler Preistrends (global makro), was zwei verschiedene, jedoch verwandte Strategien sind.

    Der gute Spekulant (ihn als Person gibt es nicht, es sind regelmäßig Automatismen, die das einmal ordentlich programmiert fast allein machen) nutzt den Märkten, indem er an ihnen teilnimmt, sie fördert, liquider macht und ihnen mitunter erst ermöglicht, halbwegs ordentlich zu funktionieren. Das hilft vor allem Bauern, Produzenten und Verbrauchern.

    Beachtet man daneben die Risiken jeder Marktteilhabe, unübersehbarer Entwicklungen gerade bei Lebensmittelanbau, -Ernte und -Distribution nicht nur wegen Wetter, Wirtschaftsentwicklungen und politischen Maßnahmen, sondern auch anderen Unbill, dann wird klar, das nur jeder hoffen mag, an diesen Risiken nicht beteiligt zu werden – außer den allgemein unvermeidlichen.
    Neben erstgenannten werden auch letztere Risiken vom auch daher nötigen Spekulanten verringert bis ausgeglichen.

    Anders kann es sich verhalten bei den Hinterlegern von Realware (vor allem Kupfer, Zink, andere Metalle) in Lagerhallen, um damit die von ihnen begebenen Risikoabsicherungen (Futures und andere Derivate z.B.) an Industrie, Handel oder Spekulanten (s.o., die aber auch allein im Derivat arbeiten – ohne je den Rohstoff zu erwerben) abzusichern.
    Nebenbei: gute Immobilienanlage.

    Dort nämlich wird Ware dem Markt auf Zeit entzogen – und wieder zugeführt (dafür reicht mitunter: vor das Tor – und später wieder retour stellen). Damit allein läßt sich hervorragend (bis zu einem kleinen Grad) der Preis beeinflussen, damit der des Derivates und der daran evtl. hängenden Fonds oder sonstiger Handelseinheiten.

    Letzteres treiben die Könner aus vornehmlich WallStreet (GS, etc) mit dem Geld, welches Obama über Geithner und Bernanke ihnen so reichlich zur Verfügung stellt.

    Darin u.a. liegt auch das stamokap-ähnliche Behavior Obamas und sein ganz eigener Sozialismus. Ob ihm das auch klar ist, mag eine ganz andere Frage sein. Das ist ja das Problem.

  2. Eine kleine aber interessante Ergänzung:

    Die furchtbar durch Ernteausfall beschädigten Bauern in USA z.B. erleben gerade damit ihre ertragreichste Saison:
    Diese schöne – gar nicht seltene – Dialektik löst sich auf über den durch die Mißernten überproportional gestiegenen Preis sowie die fällig werdenden Erneteausfallversicherungen.

    Also: Es lebe der Markt (und die Ernteausfallversicherung).

  3. In dem Report „Die Hungermacher“ kritisieren wir ausdrücklich nicht Spekulationsgeschäfte per se. Sondern betonen, dass ein gewisses Maß an Spekulation nützlich und hilfreich ist (etwa für Preisabsicherungsgeschäfte für Bauern, Händler und Verarbeiter). Was wir allerdings kritisieren, sind die exzessiven Auswüchse der Spekulationsgeschäfte in den letzten Jahren. In dem ausführlichen Report wird – im Gegensatz zu den Behauptungen von Herrn Pies – auf alle Gegenargumente ausführlich eingegangen. So gibt es beispielsweise ein ganzes Kapitel zur Lagerthese von Paul Krugman, die auch Herr Pies in dem Text vorbringt. Aus unserer Sicht gibt es mittlerweile erdrückende Belege dafür, dass Wetten auf Agrar-Rohstoffe die Preisausschläge zumindest verstärken. Deshalb meint foodwatch: Selbst wenn der letzte wissenschaftliche Beweis noch fehlt, muss die Spekulation mit Rohstoffen vorsorglich beendet werden. Den ausführlichen Report „Die Hungermacher“ gibt es hier: http://www.foodwatch.de/report-spekulation
    Andreas Winkler (foodwatch)

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