Die Freiheit, das Glück und der Staat

Sascha Tamm

Darf der Staat mich zu meinem Glück zwingen? Darf er mir verbieten zu viel Süßes zu essen, zu rauchen etc.? Fast alle Liberalen würden antworten: Nein, das ist nicht seine Aufgabe. Doch wie steht es, wenn der Staat nur Anreize setzt, mich nur in die „richtige“ Richtung leitet? Dann gehen die Meinungen eher auseinander. Viele halten das für legitimes staatliches Handeln.

Für Gilles Saint-Paul, Professor für Volkswirtschaftslehre in Toulouse, ist auch

Der neue Paternalismus

der sich sanfterer Methoden bedient, nicht mit den Prinzipien einer freien Gesellschaft zu vereinbaren. In der FAZ erläutert er seine Position. Er kritisiert  die klassische utlitaristische Idee, die heute im neuen Gewand, scheinbar durch neue soziologische und ökonomische Forschungen gerechtfertigt, die Politik beeinflusst:

Der Staat wird zunehmend als allgemeiner Beschützer angesehen, der die Aufgabe hat, eine Gesellschaft so aufzubauen, dass sie das Maximum an Glück erreicht. Das steht im Widerspruch zur traditionell begrenzten Rolle des Staates, der nach liberaler Auffassung auf Recht und Gesetz achten und private Verträge und Eigentumsrechte durchsetzen soll.

Zudem betont er, dass der Staat nicht etwa auf der Grundlage eines exklusiven Wissens darüber, was die eigentlich Menschen wollen und wie sie glücklich zu machen sind, handelt, sondern

dass die Regierung auch nur aus Menschen besteht, deren Handeln ganz eigenen verzerrten Anreizen unterliegt und die ebenfalls Probleme mit kognitiven Dissonanzen haben. Deshalb haben sie kein Recht, das Leben anderer Menschen zu regulieren. Daher müssten wir dem Staat konstitutionelle Grenzen setzen, die paternalistische Einmischung in individuelle Rechte und die Privatsphäre ausschließen, selbst wenn das dazu führen sollte, dass ein Indikator wie der „Human Development Index“ niedriger liegt.

Die Befürchtung des Autors ist sicher gerechtfertigt, dass uns eine Politik, die sich dem „Glück“ der Menschen und nicht einer Ordnung für ihr freies Handeln verpflichtet fühlt, immer näher an eine Gesellschaft heranführt, die der „Schönen Neuen Welt“ des Aldous Huxley gleicht.

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3 Antworten zu “Die Freiheit, das Glück und der Staat

  1. Es wird vielleicht Zeit, zwei Bürgerkategorien einzuführen: Freibürger und Sozialbürger. Freibürger genießen mehr Freiheit und zahlen weniger Steuern, haben aber weniger Rechte auf Leistungen des Staates. Für Sozialbürger bleibt alles gleich.

  2. Das ist eine guter, weil relativ voluntaristischer und nicht zu komplizierter Ansatz. Allerdings würden viele Menschen den Exodus der jungen, leistungsfähigen, technisch gesunden Mitgefangenen (in den heutigen Strukturen) befürchten. These: Das Sicherheitsbedürfnis nimmt im Alter zu. Aber andere These: Wir wachsen derzeit in eine alternde Gesellschaft hinein. Dann wird der homo creativus auch mit kranken, älteren, stabilitätsbedürftigeren Menschen eine Gesellschaft organisieren. Ein Teil dieser neuen alten Gesellschaft wird wieder eher abstrakt-gemeinschaftsbezogen sein (also „Staats“bezogen), ein anderer Teil konkreter-gemeinschaftlich (Familien, Lebensgemeinschaften, Genossenschaften, etc.). Also wie bisher.

  3. Schon merkwürdig, wie leicht sich vorgeblich Liberale windigen Überlegungen zu staatlicher Regulierung hingeben.

    Auch wortreiches Brimborium ändert nichts an der fundamentalen Tatsache, daß ausschließlich das Individuum zu entscheiden und zu verantworten hat, was zu geschehen habe, sofern es betroffen sein könnte.

    So wäre in diesem Zusammenhang etwa auch von Bedeutung, ob ein Mensch strafrechtlich verantwortlich sein könne, wenn seine Entscheidung zu Handeln oder Unterlassen anderweitig beeinflußt worden sein könnte.

    Auch in der Hirnforschung aktuell noch ein formidables Thema – allerdings mit sehr viel weitreichender Konsequenz – und nicht mit dem ewig schwachsinnigen staatlichen Regelungsreiz verbandelt.

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