Ethik-Schulbücher: Selbst denken? Fehlanzeige

Steffen Hentrich

„Freiheit, Gerechtigkeit, Natur und Umwelt in Ethik-Schulbüchern“ ist das Thema einer jetzt erschienenen Analyse von Jan Schneider, die er im vorigen Jahr während eines Sommerpraktikums im Liberalen Institut anfertigte. Weil neben Lehrern, Eltern und Mitschülern auch die Schulbücher einen Einfluss auf das Denken der Schüler haben, ist es wichtig, dass dort eine vielseitige Perspektive gesellschaftlicher Werte und Konventionen dargestellt wird. In Ethik-Schulbüchern geht es häufig um handlungsorientierte Wertevermittlung, nicht lediglich um eine Analyse sozialer und politischer Sachverhalte. Ein ausgewogenes Bild ist daher besonders wichtig. Was den freien Markt, Natur und Umwelt oder aber die Gerechtigkeit betrifft, kann davon aber in deutschen Ethik-Schulbüchern keineswegs die Rede sein. Weder wird den Schülern ein objektives Bild verantwortlich handelnder Individuen in der Gesellschaft, noch eine unvoreingenommene Beschreibung wirtschaftlicher Zusammenhänge angeboten. Individualismus ist Egoismus, freier Handel gilt als unfairer Tausch und „Fair Trade“ löst die Probleme wirtschaftlicher Rückständigkeit. Natur- und Umweltethik verkommt zur Greenpeace-Propaganda für eine Welt, die ohne den Menschen das Himmelreich auf Erden ist. Reale Verbesserungen der Umweltsituation und die Erschließung immer neuer Rohstoffquellen halten Schulbuchautoren nicht davon ab Deutschlands Jugend auf Endzeitstimmung einzuschwören. Zukunftsverantwortung wird so zur Angstneorose. Unvollständig ist in den Ethik-Lehrbüchern auch der Freiheitsbegriff beschrieben, schließlich ist der liberale Freiheitsbegriff dort kaum vertreten. Der Unterschied zwischen Freiheit von äußerem Zwang und der Freiheit eine bestimmte Anspruchshaltung zu verwirklichen wird den Schülern nicht erklärt. Verantwortung meint häufig nicht die liberale Eigenverantwortung, sondern beschränkt sich weitestgehend auf die Übernahme von Verantwortung für andere, weshalb auch der Gerechtigkeitsbegriff weniger auf Chancengleichheit als auf Gleichheit der Ergebnisse abzielt. Anhand dieser Interpretationen von Freiheit, Gerechtigkeit und Verantwortung, so schließt der Autor sinngemäß seine Beobachtungen, wird kein Schüler ein „tieferes Verständnis seiner Überzeugungen gewinnen“, sondern „kratzt höchstens an der Oberfläche eines eines nicht weiter ergründeten Meinungsbildes“ von Schulbuchautoren.

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3 Antworten zu “Ethik-Schulbücher: Selbst denken? Fehlanzeige

  1. Die Konsequenz dieser Studie kann doch nur in der politischen Forderung nach einer radikalen Privatisierung des Schulwesens bestehen.

    Der Staat verfügt nicht über die Antwort auf das, was gut ist und was böse. Er ist deshalb per Definitionem als Ethikerzieher ungeeignet. Wenn er es dennoch unternimmt, in der Schule Ethikerziehung zu betreiben, kann das nur auf einseitige, von den jeweiligen politischen Machtverhältnissen gesteuerte Indoktrination der heranwachsenden Generation hinauslaufen.

    Alle Eltern, die den Weg ihrer Kinder durch die Schule wachsam und kritisch begleiten, können dies aus eigener Erfahrung bestätigen. Manche, vor allem Ökosozialisten, die noch nie viel von Freiheit gehalten haben, begrüßen dies, weil die Indoktrination in die von ihnen unterstützte Richtung verläuft, andere wehren sich dagegen und versuchen nach Kräften, zu Hause gegen den eisigen Wind der Ideologie, der aus der Schule nach Hause weht, anzuargumentieren. Solange die Elternhäuser intakt sind, gelingt das in den allermeisten Fällen.

    Das ist aber keine Lösung. Eine Lösung des Problems kann nur in einem vielfältigen Angebot unterschiedlicher Privatschulen bestehen.

  2. Sorry, ich muss einen Nachtrag machen. Die Aussage, dass der Staat nicht wisse, was gut und böse ist, ist natürlich zu pauschal und plakativ. Besser müsste man formulieren, dass der Staat nicht über die Garantie der Grundrechte hinaus über Gut und Böse entscheiden kann. Also: Schutz der körperlichen Unversehrtheit, des Eigentums, der Informations-, Meinungs-,Religionsfreiheit, von Ehe und Familie und so weiter, wie es in den ersten Artikeln unseres Grundgesetzes festgelegt ist, ist natürlich ethische Aufgabe des Staates.

    Aber gerade aus diesen Grundwerten folgt ja die Forderung nach Privatisierung des Schulwesens: Wenn der Staat nur Religionsfreiheit, nicht aber eine bestimmte Religion schützen darf, wenn er Meinungsfreiheit, nicht aber eine bestimmte Meinung hinsichtlich „richtigen“ Definition dessen, was der Sinn des Lebens ist, schützen darf, wenn er dem pivaten Streben nach Glück lediglich Raum geben, nicht aber bestimmen darf, worin denn Glücklichsein bestehe, darf er nicht in staalichen, mit Schulpflicht privilegierten Schulen bestimmte Meinungen indoktrinieren und andere tabuisieren.

  3. @ r. vogels:

    Mir jedenfalls schien der Nachtrag nicht nötig, denn er fordert insoweit Widerspruch als der Schutz der Grundrechte vornehmlich bei der Rechtsprechung, also den Gerichten, liegt, am Ende beim BVerfG.

    Gerade gegen den Staat richten sich diese und andere Rechte, den Eingriff durch die Executive, der täglich kaum Besseres einfällt, als diese Schutzrechte unordentlich mit Füßen zu treten.

    Woraus leicht zu folgern wäre, daß sich auf den Staat noch am Leichtesten verzichten ließe angesichts der vielen Privatisierungsmöglichkeiten, von denen nach meiner bescheidenen Einschätzung unter 10% bisher diskutiert werden.

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