Freiheit aber bitte kein Liberalismus

Sascha Tamm

Warum mögen viele Deutsche, jedenfalls ihren eigenen Aussagen nach, die Freiheit, nicht aber den Liberalismus? Daniel Kaddik meint, dass das eigenartig gespaltene Verhältnis der Deutschen zu Friheit und Liberalismus auf einem – oft bewusst herbeigeführten – Missverständnis beruht: Freiheit wird ohne Verantwortung gedacht.
Hier zwei Kostproben aus seinem Artikel in den „Akademischen Blättern“:

Was für die staatliche Ebene gilt, gilt erst recht für die private. Verantwortung für das eigene Leben zu übernehmen, scheint viele zu überfordern. Anstatt Eltern beispielsweise für den Bewegungsmangel und die zunehmende Adipositas im Kindesalter verantwortlich zu machen, sucht man den Schuldigen lieber in der Fast-Food-Industrie. Anstatt Eltern für die mangelnde Bildung ihrer Kinder in Haftung zu nehmen, sind die Lehrer schuld.


Dieses schizophrene Verhältnis zur Freiheit kann man verstehen, wenn man das Dilemma der Anhänger und Nachfolger der 68er-Bewegung betrachtet. Sie wollten frei sein, haben sich jedoch Vorbilder wie Mao oder Che Guevara gesucht und flüchteten in eine sozialistische Idealwelt. Sie verfügen jedoch über zwei entscheidende Vorteile: den moralischen Holzhammer und die argumentative Lufthoheit, mit denen sie die politische Debatte bestimmen. Auch Voltaires Toleranzbegriff scheint nur solange zu gelten, wie er in das eigene Weltbild passt.

Und hier der ganze Artikel: Freiheit aber bitte keinen Liberalismus

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7 Antworten zu “Freiheit aber bitte kein Liberalismus

  1. Die Klage über 68`er ist denn doch zu kurz gedacht, wenn überhaupt.

    Deutsche Traditionen in den vielen zersplitterten Füstentümern, Regionen und schließlich Ländern waren sehr lange Zeit, eigentlich immer, – das dürfte bald genetisch relevant geworden sein – patriarchalisch, zwanghaft, obrigkeitsstaatlich und schließlich mindestens „treuhänderisch“ fremdbestimmt, also ohne je eigene Verantwortung oder auch nur die Möglichkeit dazu für die Untertanen, als die sich die meisten auch heute noch sehen.

    Das ging und geht so schön, weil der jeweilige Herrschaftsbereicht erst klein und überschaubar, daher das Wohlergehen leicht fremd zuweis- und ableitbar, dann gut durchorganisiert und herrschbar, daher Fremdbestimmung der leichteste Weg und schließlich der Mensch von fremder staatlicher Hand gefüttert mit Wohltaten, Ansprüchen und Anweisungen unfähig blieb, auch nur in die Versuchung zu geraten, Eigenverantwortlichkeit und Freiheit je im Zusammenhang auch nur buchstabieren zu müssen – wie aktuell eben.

    Schon direkt nebenan, etwa in der Schweiz, sah und sieht es völlig anders aus – und sehr klein ist sie immer noch und ein wenig autoritär manchmal, oder? Und 68`er gab es auch dort reichlich – im Verhältnis.

  2. Verantwortungslosigkeit oder Stiefvaterstaat, Huhn oder Ei?

  3. „Die Hand muss zittern, die nach der Kaffeetasse greift“, hat mir einmal ein älterer Herr nach dem Besuch eines Seniorenclubs – oft auch „Altentagesstätte“ genannt – beirchtet, „dann springen die ‚Betreuer‘ geradzu fröhlich herzu und freuen sich, dass sie endlich jemanden gefunden haben, dem sie ihre Betreuungsdienste andienen können.“ Er wies entrüstet darauf hin, dass keineswegs alle Rentner hinfällig und leicht debil seien. Im Gegenteil, die meisten seien sehr fit und durchaus in der Lage, ihre Angelegenheiten selbst zu regeln. „Betreuung“ hätten sie nicht nötig.

    Dies war übrigens das erste und das letzte Mal, dass dieser Herr eine solche Einrichtung besucht hat.

    Diese Episode wirft ein Schlaglicht auf die Betreuungsanmaßung des Staates. In Wirklichkeit sind es nämlich nicht die Bürger, die den Zusammenhang von Freiheit und Verantworung verlernt hätten, sondern es ist das Millionenheer von öffentlichen „Betreuern“, Lebenssinndefinierern, Hilfsdiensteanbietern, Kleinkindbetreuern, das psychologisch von einer Mischung aus Helfersyndrom und infantilen Omnipotenzphantasieen geleitet wird am glücklisten ist, wenn es vermeintlich Unmündige an die Hand nehmen und für sie den Alltag bewältigen darf.

    Dass dieses Millionenheer Milliarden von Steuergeldern sinnlos verbrennt und die Menschen in ihrer von Staats wegen gewünschten und oft herbeigeführten Unmündigkeit festnagelt, ist ein wucherndes Krebsgeschwür unserer Gesellschaft.

    Leider spiegeln sich dies Helfersysdrom und die infantilen Omnipotenzphantasien auch im Handeln unserer Regierung wieder: Niemand weiß -angeblich- wie die Regierung und ihre Ministerialbürokraten so gut, wie man Strom erzeugt, nicht einmal die einschlägigen Versorgungsunternehmen. Niemand weiß so sicher wie die Regierung, dass man den Pleiteländern Eurolands die Verantwortung für ihre Finanzfreiheit abnehmen muss, damit sie es auf keinen Fall selbst lernen, Haushalte auszugleichen und seriöse Finanzpolitik zu betreiben.

    Leider muss man konstatieren: Niemand zerschlägt heute so erfolgreich das Band von Freiheit und Verantwortung wie die Bundestagsparteien in der „Eurorettung“.

  4. Der schlechte Ruf des Liberalismus in Deutschland ist im wesentlichen dem Vulgärliberalismus der FDP zuzuschreiben. Niemand hat dem Liberalismus in den letzten 20 Jahren mehr geschadet als die FDP.

    Wenn jemand zufällig eine seriöse liberale Partei in Deutschland kennt, bitte melden.

  5. altlinker studienrat

    @Tim:

    Die Partei der Vernunft könnte Ihnen gefallen.

  6. Für die nächsten 20 Jahre ist der Liberalismus in Deutschland eine Illusion. Zu verdanken haben wir das der ach so tollen FDP !

  7. @ tim und alubox:

    Es ist schon etwas daran, daß die aktuelle FDP nicht ganz unschuldig ist an dem Erscheinungsbild bei Ihnen.

    Der unverkennbar schon jahrelang anhaltende Schwenk nach links und fort von klassischem Liberalismus läßt das einstmals klare liberale Profil für Demokratie, Verantwortung und Wirtschaftswachstum verschwimmen, so daß nicht nur schlichte Gemüter es schwer haben mögen mit der Partei.

    Dennoch ist grade bei ihr noch anzutreffen, was anderswo komplett verschwunden zu sein scheint: Mut zur Selbstkritik, Freiheit zur unbequemen Meinungsäußerung und vor allem ein ständiges Sichinfragestellen.
    Solange bleibt – bei der FDP jedenfalls – noch Hoffnung, was sich anderweitig kaum sagen ließe.

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