Säkularisierung der Gesellschaft: Die stille Kulturrevolution

Gérard Bökenkamp

Jahrhunderte lang war Deutschland geprägt vom konfessionellen Gegensatz. Die Kulturgeschichte Mitteleuropas ist nicht verstehbar, ohne die Konflikte und die Koexistenz zwischen Protestanten und Katholiken. Das Parteiensystem der frühen Bundesrepublik mit der Dominanz der christdemokratischen Parteien baute noch auf dieser Ordnung auf. Doch dann ereignete sich seit den 60er Jahren eine stille Kulturrevolution. Irgendwann in den sechziger Jahren des 20. Jahrhunderts setzte eine Absetzbewegung von den Kirchen ein. Gemessen an den Kämpfen und Auseinandersetzungen der Vergangenheit vollzog sich diese Entwicklung relativ konfliktfrei und geräuschlos. Die alten Gegensätze zwischen Protestanten und Katholiken spielten plötzlich keine Rolle mehr, weil Kirche und Religion insgesamt an Bedeutung verloren. Ursache und Auswirkung dieser Entwicklung ist wissenschaftlich noch nicht völlig geklärt. Aber deutlich wird sie in dieser statistischen Darstellung. Die Wiedervereinigung hatte einen starken Effekt auf die Statistik, ist aber nicht allein und nicht einmal in der Hauptsache für den Anstieg der blauen Linie seit 1990 verantwortlich.

Rot: evangelisch; Schwarz: katholisch;  Blau: konfessionslos; Grün: muslimisch

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5 Antworten zu “Säkularisierung der Gesellschaft: Die stille Kulturrevolution

  1. Auch ein (später) Erfolg der Aufklärung, auf welche stark zu hoffen bleibt in Anbetracht der aktuell sich zeigenden Bemühungen gewisser glaubensschwangerer Regredienz in die Steinzeit.

  2. Der Glaubensstärke von Christen kann die Minderheitenposition nur gut tun. Wenn die ganzen „Taufschein-Christen“ sich endlich mit allen Konsequenzen zu ihrem Nichtglauben bekennen, ist vielleicht wieder Raum für mehr Spiritualität in den Kirchen.

    • @ rayson:

      Schon recht.
      So treibt es denn zügiger auf`s exclusive Sektenformat zu – klein aber oho!

      • „Sekte“ würde bedeuten, dass es weiterhin eine Mehrheitsreligion gibt, von der das Christentum dann abzugrenzen wäre. Eine solche zeichnet sich aber gerade nicht ab.

  3. @ rayson:

    Aus christlicher Sicht vielleicht, nicht jedoch aus historischer, daher älterer und schon gar nicht nach soziologischer Definition.

    Nach letzterer (Max Weber) wird man in eine Religion hineingeboren – ohne Willen und Absicht und dort oft genug mißhandelt sofern man sich nicht zu wehren vermag (Beschneidung, Steinigung, Verstümmelung).

    Einer Sekte muß man sich jedoch bewußt und oft per Antrag nähern, um dann in einem gesonderten Akt aufgenommen zu werden.

    Sekten gibt es jedenfalls länger als Religionen – historisch betrachtet.

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