Der Mythus des Staates

Annette Siemes

Ernst Cassirer (1874 – 1945): Analytiker des politischen Irrationalismus

Ernst Cassirer ist einer der bedeutendsten Philosophen des 20. Jahrhunderts, ein Philosoph, der seit 1933 sein akademisches Leben in den USA verbrachte. Die Tradition der Erkenntnistheorie im Allgemeinen und des Marburger und Südwestdeutschen Neukantianismus im Besonderen blühte ab 1930 nicht mehr an deutschen Lehrstühlen: Hier hatte die Reaktion das Ruder übernommen.

Neben den Klassikern Cassirers wie der ‚Philosophie der Symbolischen Formen‘ und der grundlegenden Schrift ‚Substanzbegriff und Funktionsbegriff‘, die sich gelegentlicher Rezeption in Fachkreisen erfreuen, ist sein letztes Werk – als Manuskript vollendet, aber posthum publiziert – so gut wie vergessen.

Zu Unrecht, handelt es sich bei dem 1945 entstandenen Buch ‚Der Mythus des Staates. Philosophische Grundlagen politischen Verhaltens‘ um eine der hellsichtigsten Analyse des politischen Irrationalismus, der mit symbolischen Überwältigungsstrategien und Befriedungsmythen gesellschaftliche Ruhe schafft und so totalitäre Staatsformen etabliert.

Cassirer zeigt, wie Staatsmacht und deren Mißbrauch entstehen, wie sich Kultur, Religion, Soziales konstituieren und welch zentrale Rolle zur Gleichschaltung und Ent-Bürgerlichung des Einzelnen in der Gesellschaft vor allem politischer Sprache zukommt – epochenübergreifend.

Ein tolles Buch. In seinem Scharfsinn und seiner Stringenz von be(d)rückender Aktualität. Fazit: Unbedingt lesen!

Deutsche Erstausgabe: Ernst Cassirer: Der Mythus des Staates. Philosophische Grundlagen politischen Verhaltens. Artemis Verlag, Zürich und München 1949

Neuausgabe: Ernst Cassirer: Vom Mythus des Staates. Übers. von Franz Stoessl, Meiner, Hamburg 2002, ISBN 978-3-7873-1616-8

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3 Antworten zu “Der Mythus des Staates

  1. Mythos wächst in der Unwissenheit und nutzt sie selbst zur Dämonie.

    Erkennt man etwas von Mythos, Größenwahn, Selbstüberhöhung, -überschätzung oder irrationalem Machtstreben in der eigenen auch nur mittelbaren Umgebung, wäre es – mindest solange es ohne Gefahr für Leib und Leben möglich ist – Verpflichtung, es öffentlich anzuprangern.

    Warum dazu mir nun gleich die Namen Merkel und Schäuble einfallen, vermag ist so auf Anhieb gar nicht zu erklären – öffentlich.

  2. Mythus – sinnstiftende Rede, Erzählung, Märchen, Narrativ.

    Das Narrativ übt eine Suggestion aus, die Welt mit ihren so vielfältigen Unbekannten, durch eine massenpsychologisch determinierte Wahrnehmung zu ersetzen. Und die Märchenerzähler – nicht nur die aus “ tausendundeiner Nacht“ – bleiben ohne gegenlaufende menschliche Bedürfnisse einflusslos wie ein abgehalfteter Weltkriegs-Veteran, der orientierungslos in einem Wiener Männerasyl langweilige Geschichten erzählt, die niemand hören mag.

    Fällt die Erzählung auf einen schwankenden Boden, trifft auf eine mentale Verfassung, in der Verunsicherte nach Halt suchen, weil die individuellen und kollektiven Sicherheiten entglitten sind – wird daraus der sehnlichst erwartete sinnstiftende Mythos.

    Nachdem Deutschland „zu spät“ die Weltbühne betreten hatte und im Weltkriegs-Waffengang nicht zum Status einer Weltmacht aufschließen konnte, war die nationale Identität vorbelastet. Die Deutschen sahen sich als Betrogene, die von Hegemonen niedergehalten wurden.
    • Eine ungerechte Niederlage – nur durch Kooperation dreier Großmächte – trotz entsetzlicher Verluste und enormen Entbehrungen der Heimat,
    • der ungestrafte Völkermord an den Deutschen durch die alliierte Hungerblockade – fortgeführt trotz Einstellung aller Kampfhandlungen bis März 1919,
    • die Verträge von Versailles, mit der die Kriegsschuldfrage allein den Deutschen angelastet wurde, etc.

    Die mentalen Nachwirkungen verlorener Kriege bringen spezifische Reaktionsmuster hervor; die Kritik an den „Siegern“ und an dem „unlauteren Sieg“ entspricht einer Möglichkeit, ihnen den Erfolg zu bestreiten (Schivelbusch, Niederlage). Die Umwertung der Niederlage bot den gepeinigten deutschen Seelen eine Regeneration aus ihren kollektiven Selbstzweifeln. Mit Hilfe solcher politischer Narrative ließen sich die Deutschen wieder beruhigen und motivieren – nur um hinterher merken zu müssen, dass sie noch erheblich tiefer fallen konnten.

    Anstatt auf ihre eigenen Fähigkeiten zu setzen, liessen sich die Menschen – nicht nur in D – von ihrem Verlangen nach einem „guten Herrscher“ ver-leiten, bis hin zur Schlachtbank. Denn der falsche Messias erweist sich in der Realität immer als Herold des Staatsterrors.
    Und dem bleiben die Menschen bis heute in einer Verbindung faustischer Qualität verfallen. Sie versuch(t)en, den politischen Teufel für sich einzuspannen und übersehen geflissenlich, dass sie für dessen Zwecke benutzt werden.

  3. Hat das Buch wurde in Deutsch oder Englisch geschrieben (ursprünglich)?

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