Papst Benedikt XVI. und transatlantische Erfahrungen mit der Trennung von Staat und Kirche

Sven Speer

Atheistische und laizistische Organisationen überbieten sich derzeit in ihrer Unterstützung für den Papst. Bis vor kurzem hatten sie seinen Besuch in Deutschland noch massiv kritisiert. Dass er vor dem Bundestag reden durfte, stuften sie als Verletzung des Trennungsgebots von Staat und Kirche ein. Seit seiner Ansprache im Freiburger Konzerthaus hingegen wird er als Autorität für die Unterstützung einer Trennung von Staat und Kirche angeführt. Während der Benedikt XVI. in Berlin im Zentrum des deutschen Staates gesprochen hat, geht er in Freiburg auf deutliche Distanz zum Staat. Wer darin ein Umdenken des Papstes nach der Kritik der Laizisten sieht, könnte jedoch nicht stärker irren.

In der Tat sprach sich der Papst für eine Entweltlichung seiner Kirche aus. Wörtlich sagte er: „Die von materiellen und politischen Lasten und Privilegien befreite Kirche kann sich besser und auf wahrhaft christliche Weise der ganzen Welt zuwenden, wirklich weltoffen sein. Sie kann ihre Berufung zum Dienst der Anbetung Gottes und zum Dienst des Nächsten wieder unbefangener leben.“ Er ging nicht darauf ein, auf welche Privilegien konkret verzichten solle (Kirchensteuer, Religionsunterricht, theologische Fakultäten, Steuerbefreiungen usw.). Allerdings kann von einem weitgehenden Verzicht ausgegangen werden.

Eine strikte Trennung von Staat und Kirchen existiert in den USA. Für sie setzen sich dort nicht nur Atheisten ein, sondern auch religiöse Gruppen. Das Ergebnis der Trennung ist eine religiöse Vielfalt und Vitalität, die ihresgleichen in der westlichen Welt sucht. Das Beispiel USA macht deutlich, dass eine Trennung von Staat und Kirche nicht mit einer Trennung von Politik und Religion verwechselt werden darf. Die politische Kultur der USA ist seit ihrem Bestehen religiös geprägt. Sowohl in der politischen Rechten als auch in der politischen Linken engagiert sich eine Vielzahl von Geistlichen und Kirchen. Alle Präsidenten haben ihren Amtseid auf die Bibel geschworen, die Sitzungen des Kongresses werden von Hausgeistlichen eröffnet und die allermeisten Amerikaner können sich nicht vorstellen, einen Atheisten zum Präsidenten zu wählen.

Eine ähnliche Situation gab es auch in Deutschland nach dem Reichsdeputationshauptschluss von 1803. Er entledigte die katholischen Bischöfe ihrer Herrschaftsgewalt und machte sie von Landesherren zu rein geistlichen Amtsträgern. Weite Teile der bischöflichen Vermögen wurden damals den Fürsten übertragen. Diese Säkularisation  schwächte katholische Kirche in Deutschland nur in der mittleren Frist. Wenige Jahrzehnte später war den deutschen Katholiken ihre Kirche wichtiger als jemals zuvor. Sie gründeten katholische Vereine, die alle gesellschaftlichen Bereiche umfassten und sogar katholische Parteien. Von der Wiege bis zur Bahre lebten sie in einem katholischen Milieu. Heutige Ansätze muslimischer „Parallelgesellschaften“ sind nichts dagegen.

Der Papst hat in seiner Freiburger Ansprache taktisches Handeln für seine Kirche abgelehnt. Sein Blick reicht viel weiter: Er denkt strategisch. Seine Perspektive umfasst Jahrhunderte und weit mehr als nur Europa. Wer die Äußerungen des Papstes zum Verhältnis von Staat und Religion während seines Deutschlandsbesuchs besser verstehen will, muss die Entwicklungen in Deutschland nach 1803 und die Situation in den USA vor Augen haben. Ein Verzicht auf Privilegien stellt keinesfalls einen Verzicht auf ein öffentliches Wirken der Kirche dar. Ganz im Gegenteil: In einer vom Staat getrennten Kirche sieht der Papst die größte Chance, christlichen Glauben und christliches Handeln in die Gesellschaft und damit letztlich in die Politik zu tragen. Diesen Anspruch hat er unmissverständlich klar gemacht, als er zu Beginn seiner Rede vor dem Bundestag betonte, dass er vor diesem nicht als Vertreter des Vatikanstaats, sondern als religiöses Oberhaupt der katholischen Kirche spreche.

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