Einhundertprozent oder Neutralität? Anmerkungen zur Free-Banking-Kontroverse

Michael von Prollius

Dürfen Banken Geld schaffen? Die Befürworter eines freien Geldwesens geben unterschiedliche Antworten auf diese Frage. Manche Anhänger der Österreichischen Schule der Ökonomie teilen in der Kontroverse, die Mitte der 90er Jahre begann und mit einer nachwachsenden jungen Generation erneut auflebt, heftig aus und müssen dementsprechend auch heftig einstecken.

Gérard Bökenkamp hat in seiner lesenswerten Rezension der deutschen Ausgabe von „Geld, Bankkredit und Konjunkturzyklus“ von Jesús Huerta de Soto wichtige Positionen und Unterschiede benannt. Allerdings richtet sich das Eigentumsargument nicht nur auf die Vertragspartner, sondern vor allem auf unbeteiligte Dritte. Im Mittelpunkt stehen hierbei die Sozialisierung von möglichen (Ausfall)Risiken und angenommenen Inflationskosten. Zugleich lohnt es sich einen zentralen ökonomischen Aspekt zu beleuchten, zumal es sich vermutlich um den archimedischen Punkt der „Free-Banking-Kontroverse“ handelt. Die Rede ist von der Manipulation der Preise durch Geld. Was ist damit gemeint?

Geld ist Bestandteil von nahezu jedem wirtschaftlichen Tausch. Die Forderung liegt nahe, dass  Geld den wichtigsten Informationsanzeiger eines Gutes – nämlich den Preis – nicht beeinflussen soll. Geld muss demnach eine „neutrale Rolle“ spielen. Stets sollten die Präferenzen der Marktteilnehmer unbeeinflusst bleiben. Das Geld dient also nur dazu, den Tauschprozess abzuwickeln. Ganz so einfach ist das allerdings nicht, denn die Güterpreise sind Geldpreise. Damit stellt sich eine entscheidende und heftig umstrittene Frage: Wie viel Geld?

Werfen wir zunächst einen Blick auf den Versuch der Zentralbanken die „richtige“ Geldmenge bereit zu stellen. Sie versuchen ein festgestellte Preisniveau relativ stabil zu halten. Da es ihnen strukturell an Wissen mangelt und es weder Anreize in positiver Hinsicht noch Sanktionen gibt, die bei der Bereitstellung der falschen Geldmenge greifen, erledigen Zentralbanken ihre Aufgabe nur mangelhaft. Das ist nicht verwunderlich, verfügt eine zentrale Behörde bekanntlich nicht über einen Ersatz für den Marktmechanismus – Monopol hin oder her.

Die Alternative ist bekanntlich die Bereitstellung von gutem Geld auf Märkten. Wer sich der Frage aus ökonomischer Perspektive nähert, der kommt schnell zu dem Schluss: Die optimale Geldmenge resultiert aus der Übereinstimmung von Geldangebot und Geldnachfrage. Optimal ist die Geldmenge annähernd dann, wenn sie einem temporären Gleichgewicht zumindest nahekommt. Damit dürfen weder Inflation noch Deflation durch die Geldmenge verursacht werden, denn das würde bedeuten, dass die Geldmenge im Verhältnis zur Geldnachfrage zu groß bzw. zu gering ist.

Die Koordination von Geldangebot und Geldnachfrage kommt im natürlichen Zins zum Ausdruck, der die Zeitpräferenz der Marktteilnehmer spiegelt. Der Marktzins wird für Kredite erhoben. Funktioniert ein Geldwesen, so stimmen beide Zinssätze überein. Im Grunde gibt es dafür zwei Wege:

  1. Wenn die Geldnachfrage steigt und das Geldangebot unverändert bleibt, dann müssen sich die Preise ändern, also fallen (und vice versa).
  2. Wenn die Geldnachfrage steigt, sollte auch das Geldangebot steigen, zugleich bleibt dadurch das Preisniveau unbeeinflusst (und vice versa).

Jeder Weg korrespondiert mit einem eigenen Free Banking Modell. Es handelt sich dabei wenig überraschend um die beiden kontroversen Positionen.

„Hunderprozent“: Beim Weg „1.“ ist das Geldwesen durch eine vollgedeckte Währung gekennzeichnet, vermutlich Gold (und Silber). Banken können folglich kein Geld mehr produzieren. Sie sind Lagerstätten für Geld und Anbieter von Diensten im Zahlungsverkehr. Kreditgeschäft und Einlagengeschäft sind getrennt. Kredite bestehen in der Weiterleitung vorhandener Geldbestände, Die Geldmenge verändert sich dadurch nicht.

„Neutralität“: Beim Weg „2.“ existiert ein Teilreservesystem. Hier besteht ein jederzeitiger Anspruch auf Einlösung des Geldes in ein Gut. Lediglich für einen Teil des zirkulierenden Geldes liegen diese Güter in den Tresoren der Banken. Das Ausmaß der Reserve bestimmt das marktliche Entdeckungsverfahren.

Der Streit zwischen den Befürwortern und Gegner eines zu einhundert Prozent gedeckten Geldes ist in dieser Perspektive ein Streit um die Neutralität des Geldes und damit um die monetäre Manipulation von Marktpreisen. Das Volldeckungssystem zieht eine Änderung des relativen Preisgefüges nach sich. Das ist unvereinbar mit der Forderung, dass Preise die unverfälschten Präferenzen der Marktteilnehmer widerspiegeln sollen. Das Teilreservesystem verändert die Marktpreise nicht. Es ermöglicht den Banken aber temporäre Geldschöpfung aus dem Nichts. Teuerung tritt allerdings erst dann auf, wenn das Geldangebot die Geldnachfrage der Menschen übersteigt. Dennoch ist wohl die Formulierung passend, die Frederick Forsyth populär gemacht hat: „Des Teufels Alternative“. Tröstlich bleibt, dass ein freies Geldwesen dem herrschenden staatlichen Geldmonopol in jedem Fall überlegen bleibt.

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2 Antworten zu “Einhundertprozent oder Neutralität? Anmerkungen zur Free-Banking-Kontroverse

  1. Ihre Betrachtung beschränkt sich darauf, welcher der beiden Wege aus theoretischer Sicht „besser“ wäre.

    Muss die eigentliche Frage aus liberaler Sicht nicht lauten: Welcher Weg kommt ohne staatliche Bevormundung und Verbote von freiwilligen ausgehandelten Verträgen zwischen Individuen aus?

  2. Die reklamierte Freiheit ist schön und gut. Wer wäre nicht dafür? Die entscheidende Frage muss in einem Gemeinwesen aber doch immer wieder lauten: Was kommt unter dem Strich dabei heraus? Wer profitiert in welche Weise von welchen Regeln? Hayek ist zuzustimmen, dass niemand über vollständiges Wissen verfügt. Daraus folgt aber nicht im Umkehrschluss, dass deshalb der freie ungebremste Markt ´automatisch´ (im Sinne einer Weisheit der ´unsichtbaren Hand´) zu akzeptablen Ergebnissen führt. Die exorbitanten Mengen an (von Banken geschaffenem) Giralgeld kann man nicht ohne weiteres als ´marktgerechte´ Geldmenge für sokrosankt erklären. Wohin das führt, zeigt die gegenwärtige Finanzkrise. Demgegenüber muss die öffentliche Hand wieder die ihr zukommende Souveränität zurück gewinnen. Dazu scheint mir die Initiative http://www.monetative.de sehr Bedenkenswertes beizutragen.

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