Die wirtschaftlichen Folgen des Atomausstiegs

Steffen Hentrich

Nachdem sich Regierung und Opposition gegenseitig in ihren Atomenergieausstiegsbemühungen überbieten konnten, ist es an der zeit sich etwas näher mit den Konsequenzen dieser als „Energiewende“ getarnten Wahlkampfschlacht auseinander zu setzen. Zum Glück gibt es in diesem Land noch nüchterne Rechner, die sich, bei allen methodischen und empirischen Grenzen von Langfristprognosen, die Mühe machen, den Kollateralschäden der energiepolitischen Reaktion auf die deutsche Ängstlichkeit auf den Grund zu gehen. Wissenschaftler des Stuttgarter Instituts für Energiewirtschaft und Rationelle Energieanwendungen haben die politischen Planspiele durchgerechnet und dabei festgestellt, dass der hastige Atomenergieausstieg zwar nicht das Ende des Industriezeitalters in unserem Land einläutet, doch dessen Erhalt nicht unbedingt einfacher macht. Zwar dürfte es auch in Zukunft gelingen die Stromversorgung zuverlässig sicher zu stellen, weil nach wie vor eine ausreichend hohe gesicherte Leistung verfügbar ist, doch erfordert dies deutliche Veränderungen der Stromversorgungsstruktur sowie zunehmende Kosten für das Energiesystem und die Stromerzeugung. Kein Wunder, dass dem volkswirtschaftliche Implikationen in Form einer schwächeren Wohlstandsentwicklung folgen dürften.

Nach den Stuttgarter Szenarien wird Deutschland durch einen hastigen Atomausstieg bis 2017 nicht erst nach 2030 zum Nettostromimporteur, sondern bereits im Jahr 2015, vor allem aus Frankreich, der Schweiz, Skandinavien und Tschechien. Doch mit einer „Energiewende“ dürfte all dies wenig zu tun haben, denn die Modellrechnungen ergeben, dass die Stromerzeugung aus fossilen Energieträgern bei einer Laufzeitverkürzung der Kernkraftwerke eine zunehmende Rolle spielen dürfte. Auch der mit dem vorgezogenen Atomausstieg immer wieder in Verbindung gebrachte Ausbau der Stromerzeugung aus Erneuerbaren Energieträgern ist nach Ansicht der Wissenschaftler eher Wunschbild als zu erwartende Realität. Bedingt durch deren hohe Stromerzeugungskosten leisten diese Technologien keinen Beitrag zu einer Kompensation des Kernenergiestroms, sondern müssen auch weiterhin massiv gefördert werden. Ganz im Gegenteil fällt mit der Kernenergie sogar eine Energiequelle weg, die zu einer besseren Netzintegration des Stroms aus Erneuerbaren Energieträgern hätte beitragen können.

Spürbar werden die notwendigen Veränderungen im Energieversorgungssystem vor allem durch die Kostenwirkung. Verglichen mit der ursprünglichen im Energiekonzept der Bundesregierung beschlossenen Laufzeitverlängerung steigen die langfristigen Grenzkosten der Stromerzeugung um bis zu 1,6 ct/kWh bis 2015 und knapp 2 ct/kWh in 2020. Da die Erzeugungskosten jedoch nur einen geringen Anteil an den Strompreisen ausmachen und die Preiselastizität der Stromnachfrage gering ist, äußert sich dies nicht in zusätzlichen Energiesparmaßnahmen oder der Substitution strombasierter Anwendungen durch Technologien auf Basis anderer Energiequellen. Langfristig, so die Modellrechnungen, kommt es zu einer Angleichung der Stromerzeugungsgrenzkosten in allen Laufzeitvarianten.

Tiefer  sollen die Wirkungen einer Laufzeitverkürzung im Hinblick auf die Energiesystemkosten ins Kontor schlagen, da neben dem Brennstoffwechsel auch die Netzinfrastruktur wesentlich verändert werden muss. Eine Rückkehr zum Kernenergieausstieg der rot-grünen Bundesregierung verursacht bis 2020 6 Mrd. Euro Mehrkosten für das gesamtdeutsche Energiesystem und lässt diese bis 2035 auf 42 Mrd. Euro ansteigen. Wird der Kernenergieausstieg auf 2017 vorgezogen, dann dürften wir uns bis 2020 auf 13 Mrd. Euro Mehrkosten und bis 2035 auf rund 50 Mrd. Euro Mehrkosten einstellen, wobei ein hoher Kostenanteil auf die verstärkten Nettoimporte zurückzuführen sein wird. Auch andere EU-Staaten werden von dieser Entwicklung in Mitleidenschaft gezogen, zahlen die Bürger doch auch dort die Kosten der Energiesystemumstellung.

Unter diesen Bedingungen wird die Einhaltung der europäischen Klimaschutzziele noch höhere Belastungen nach sich ziehen. Werden die Kernkraftwerke schon 2017 vom Netz genommen, ist davon auszugehen, dass der Preis der Emissionszertifikate um bis zu 12 Euro/Tonne CO2 in 2015 in die Höhe schnellt, eine Last die in ganz Europa an unseren energiepolitischen Planspielen teilhaben lässt.

Dadurch dürfte sich der vorgezogene Atomenergieausstieg im Jahr 2010 in einem um 15 bis 16 Mrd. Euro geringeren Bruttoinlandsprodukt äußern, woran jeder der rund 80 Mio. Einwohner mit einem Verlust von knapp 200 Euro  pro Jahr beteiligt ist. Bis 2035 kumulieren sich diese Verluste 194 Mrd.  Euro bzw. 149 Mrd. Euro.

Einen ersten Vorgeschmack von dieser Entwicklung konnten wir unmittelbar nach Ankündigung der Abschaltung von sieben Atomkraftwerken erhalten, als die Handelsbilanz von einem Tag auf den anderen ihr Vorzeichen änderte und die Börsenpreise für mittel- bis langfristige Stromlieferungen bzw. Emissionszertifikate in die Höhe schossen. Inwiefern diese Szenarien zur Realität werden kann zum gegenwärtigen Zeitpunkt niemand sagen, doch einen ersten Vorgeschmack auf die Vorzeichen und Größenordnung der zu erwartenden wirtschaftlichen Konsequenzen geben sie doch.

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