Ist Gleichheit wirklich Glück?

Steffen Hentrich

Als Anfang des Jahres 2010 die deutsche Ausgabe des Buches „Gleichheit ist Glück: Warum gerechte Gesellschaften für alle besser sind“ (Tolkemitt Verlag, 2010) der britischen Epidemiologen Kate Pickett und Richard Wilkinson erschien, waren sich die Rezensenten nahezu aller Lager einig: Diese Sammlung von Daten zeige eindeutig, dass Gesellschaften mit geringeren Unterschieden der Einkommen nicht nur langlebiger und gesünder sind, sondern auch sicherer leben. Es herrscht ein größeres soziales Vertrauen, die Menschen sind zufriedener und weniger empfänglich für psychische Erkrankungen. Es gäbe weniger Kinder von minderjährigen Müttern, das Bildungssystem brächte bessere Ergebnisse zu Tage, die soziale Mobilität sei größer, kurz in nahezu allen gesellschaftspolitisch relevanten Belangen schneiden egalitäre Gesellschaften besser ab. Ursache dessen, so die Autoren des Buches sei nicht etwa Armut und Unterversorgung, sondern die psychischen Folgen der Ungleichheit. Die Menschen würden angesichts des nicht erreichbaren Status ihrer reicheren Zeitgenossen, vermehrt unter chronischem Stress leiden, mit der Folge von Unzufriedenheit und Depression, gegenseitigem Misstreuen, schlechter Gesundheit und einem vorzeitiges Ableben. Nicht Wachstum und freie Märkte wären der Schlüssel zur Lösung dieser gesellschaftlichen Probleme, sondern die Abschaffung der Ungleichheit durch Umverteilungsmaßnahmen des Staates. Nicht Chancengleichheit, sondern die Gleichheit der Ergebnisse sei der Schlüssel zum kollektiven Glück. Ein Problem, dass nicht die Menschen allein, sondern allein der lenkende Staat lösen könne.

Einführung

Dass dieses Buch im linken politischen Lager auf offene Ohren stößt mag nicht weiter verwundern, den schließlich bestätigt es nicht nur das dort herrschende Gleichheitsideal, sondern verspricht darüber hinaus auch noch eine theoretische Erklärung und den hierfür nötigen empirischen Beleg. In der Tat, die Datenfülle des Buches ist beeindruckend. Unmengen von Statistiken haben die Autoren gewälzt und aus diesen eine ganze Reihe von sozioökonomisch bedeutsamen Variablen heraus gefiltert und einem Maß für die Einkommensungleichheit der Gesellschaft gegenüber gestellt.  Ein genauerer Blick auf die Methodik der Analyse der beiden Autoren zeigt jedoch, dass die statistische Auswertung erhebliche Mängel aufweist. Diese liegen in der reinen Korrelationsanalyse handverlesener Datensätze, bei der eine Kontrolle von anderen Einflussfaktoren neben der Einkommensungleichheit unterbleibt, und einer vergleichsweise willkürlichen Auswahl der betrachteten Länder. Welche Folgen diese methodischen Schwächen für die Ergebnisse der statistischen Analyse haben erläutert Christopher Snowdon in seinem Buch „The Spirit Level Delusion“ (Little Dice, 2010, Online Portal zum Buch). In der folgenden Kritik wird vor allem auf die Untersuchung von Snowdon zurück gegriffen.

Zur Auswahl der Länder

Die Autoren haben ihre Analyse auf die reichsten Länder der Erde beschränkt, diese jedoch einem vorherigen Auswahlprozess unterzogen. Mit der Begründung Steueroasen ausschließen zu wollen werden alle Länder mit weniger als 3 Mio. Einwohnern aus dem Sample genommen. Das führt jedoch dazu, dass etwa Länder wie Slowenien, das zwar zu den 50 reichsten Staaten zählt. dennoch nicht im Sample ist, obwohl es keine Steueroase ist. Des Weiteren wird durch diese Auswahl zwar Japan, jedoch ein Stadtstaat wie Singapur nicht berücksichtigt. Hongkong und Südkorea werden ebenfalls nicht betrachtet, wobei hier auffällig ist, dass diese Länder obwohl ähnlich wohlhabend eine höhere Ungleichverteilung als Japan aufweisen. Im Buch von Pickett und Wilkinson wird Portugal als ärmstes und zugleich sehr ungleiches der untersuchten Länder einbezogen, eine Berücksichtigung von ähnlich wohlhabenden Ländern mit niedrigerer Ungleichverteilung wie Tschechien und Ungarn unterbleibt jedoch. Snowdon wiederholt die Analyse von Pickett und Wilkinson unter Hinzunahme der genannten Länder und kommt für nahezu jeden der postulierten Zusammenhänge zu einem anderen Ergebnis.

Hypothese 1: Ungleichheit schadet der Gesundheit

Wilkinson hat seit den Siebziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts immer wieder mit Forschungsergebnissen auf sich aufmerksam gemacht, nach denen ein direkter Zusammenhang zwischen Ungleichheit und einem allgemein schlechten Gesundheitszustand in der Gesellschaft in den entwickelten Industrieländern vorliegt. Hierbei wurde betont, dass ärmere Menschen aufgrund eines schlechteren Gesundheitszustandes eine kürzere Lebenserwartung als reichere Menschen hätten. Spätere Untersuchungen zeigten jedoch, dass aufgrund von Fehlern im Untersuchungsdesign kein kausaler Zusammenhang zwischen Einkommensverteilung und Lebenserwartung belegbar sei. Weitere Folgeuntersuchungen bestätigten die Kritik, andere zeigten, dass dieser Zusammenhang weniger mit Ungleichheit als vielmehr mit dem Bildungsniveau, einer mangelnden Gesundheitsversorgung und anderen Einflussfaktoren erklärbar ist. Obwohl spätere Untersuchungen immer wieder den Zusammenhang von Ungleichheit und Lebenserwartung in Frage stellten, taucht diese These im Buch immer wieder auf. Dabei wird jedoch nicht berücksichtigt, dass es zwar einen gesicherten Zusammenhang zwischen absoluter Armut und Lebenserwartung gibt, der sich durch schlechte Wohnbedingungen, ungesunde Ernährung, Arbeitsüberlastung, Umweltverschmutzung und anderen Armutsfaktoren erklären lässt, in zunehmend wohlhabenderen Gesellschaften das Problem einer ungesunden Lebensführung einkommensschwacher Haushalte (Rauchen, Trinken, übermäßiges Essen) zunehmend an Bedeutung gewinnt. All diese Faktoren haben jedoch nichts mit der Verteilung der Einkommen zu tun. Snowdon kann zudem zeigen, dass der Konsum von Alkohol und Tabak keine bzw. sogar eine leicht negative Korrelation zur Ungleichverteilung aufweist. Dabei ist jedoch zu berücksichtigen, dass die relativ einkommensgleichen Länder Schweden und Norwegen einen staatlich kontrollierten Alkoholmarkt mit extrem hohen Preisen aufweisen, von dem bekannt ist, dass er durch einen ausgeprägten Schwarzmarkt unterlaufen wird.  Bezüglich des Phänomens der Überernährung zeigt Snowdon, dass eine Einbeziehung zusätzlicher Länder in die Untersuchung die positive Korrelation von Überernährung und Ungleichheit verschwinden lässt. Zudem weist der Autor darauf hin, dass die in „Gleichheit ist Glück“ verwendete Datenbasis erhebliche Mängel aufweist. So basieren die Daten für Schweden auf der Erhebung aus einer einzigen Stadt und die griechischen Daten erfassen lediglich ein begrenztes Altersspektrum der Bevölkerung. Die in dem Buch ausgemachte positive Korrelation von Lebenserwartung und Ungleichheit wird im Wesentlichen von den positiven Ausreißern Japan und Schweden sowie den negativen Ausreißern Portugal und USA getrieben. Wenn jedoch eine zum Zeitpunkt der Veröffentlichung des Buches verfügbare aktualisierte Datenbasis der Analyse zugrunde gelegt wird und von Pickett und Wilkinson willkürlich ausgeschlossene Länder berücksichtigt werden, ergibt sich eine negative Korrelation beider Variablen. Offenbar ließ sich durch eine geschickte zeitliche Auswahl der Daten das gewünschte Ergebnis erzielen. Snowdon weißt jedoch darauf hin, dass derartig weitgehende Schlussfolgerungen, wie sie in „Gleichheit ist Glück“ gemacht werden, zumindest einen zeitinvarianten Zusammenhang erfordern.

Als weiterer wichtiger Gesundheitsindikator gilt die Säuglingssterblichkeit. Die Autoren des Buches postulieren in diesem Zusammenhang, dass Ungleichheit zu einer höheren Säuglingssterblichkeit führt und versuchen dies mit fast zehn Jahre alten Daten zu belegen. Unter Berücksichtigung aktuellerer Daten zur Säuglingssterblichkeit verschwindet jedoch dieser Zusammenhang. Ohnehin zeigen wissenschaftliche Analysen, dass die Ursachen hoher Säuglingssterblichkeiten in Industrieländern nicht mehr in der Armut großer Bevölkerungsteile zu suchen ist, sondern durch genetische Fehlentwicklungen, Geburtsfehler, Frühgeburten und Schwangerschaftskomplikationen verursacht wird. So hat die moderne Geburtsmedizin vor allem in reichen Industrieländern zu einer erheblichen Zunahme von Frühgeburten mit sinkendem Geburtsgewicht geführt, deren Überlebenswahrscheinlichkeit jedoch unter der normalgewichtiger Neugeborener liegt. Währen zu früh geborene Kinder, die ihre ersten Lebenswochen nicht überleben, noch vor wenigen Jahrzehnten als Fehlgeburten in die Statistik eingingen, führen sie heute zu einer Erhöhung der Säuglingssterblichkeit. Ein weiterer nicht zu vernachlässigender Faktor liegt in der Häufung genetischer Fehlentwicklungen und physiologischer Anfälligkeiten für Frühgeburten in bestimmten ethnischen Bevölkerungsgruppen. Ein hoher Anteil dieser Bevölkerungsgruppen, wie etwa des afroamerikanischen Bevölkerungsanteils in den USA, macht eine Vergleichbarkeit der Häufigkeit der Säuglingssterblichkeit aus einem sozioökonomischen Blickwinkel höchst problematisch.

Hypothese 2: Ungleichheit verursacht psychische Erkrankungen

Eine der in „Gleichheit ist Glück“ vertretenen Thesen ist ein positiver Zusammenhang von Ungleichheit und psychischen Erkrankungen wie Angstzuständen und Depressionen. Die Autoren des Buches postulieren, dass eine ungleiche Einkommens- und Vermögensverteilung arm und reich gleichermaßen unter psychischen Stress setzt, ein Prozess, der früher oder später zu nervlicher Überforderung mit krankhaften Folgen führen muss. Folglich sei in ungleichen Ländern mit einer stärkeren Inzidenz von psychischen Erkrankungen zu rechnen. Snowdon kritisiert an der diese These untermauernden Statistik, dass sie sich auf einen Datensatz der WHO aus dem Jahre 2004 bezieht, der für einige europäische Länder, darunter auch Deutschland, deutlich niedrigere Prävalenzwerte ausweist als Daten eines weiteren aktuelleren WHO Projekts (International Consortium in Psychiatric Epidemeology, ICPE) und Länderstudien der EU. Demnach sei es kein Wunder, das Länder wie Deutschland mit relativ gleicher Einkommensverteilung, die Korrelation zu Gunsten der These des Buches verzerren (ein Problem, dass die Autoren im Buch nur am Rande erwähnen). Zudem kämen die Daten für nichteuropäische Länder aus anderen Quellen, die nicht derselben Erhebungsmethodik folgen. Snowdon kommentiert das mit einem „Vergleich von Äpfeln und Birnen“. Nähme man die Daten der WHO-Studie aus der Analyse heraus, würde sich ein gänzlich anderes Ergebnis ergeben. Nunmehr sinkt die Prävalenz psychischer Erkrankungen mit der Zunahme der Ungleichheit. Interessant hierbei ist vor allen Dingen, dass es gerade die nordeuropäischen Staaten mit relativ geringer Ungleichheit sind, in der ein großer Teil der Bevölkerung über psychische Störungen klagt. Auch unter Berücksichtigung der insgesamt schlechten Datenlage fällt auf, dass die Differenz zwischen den betrachteten Ländern extrem gering ist. Ausgehend von diesem Ergebnis macht Snowdon einen Exkurs in die Epidemiologie psychischer Erkrankungen. Die Qualität der Daten gilt als allgemein sehr schlecht, zumal die empirische Forschung unter erheblichen methodischen Mängeln leidet. So werden psychische Erkrankungen in statistischen Erhebungen meist ohne ärztliche Konsultation ausschließlich symptombezogen vorgenommen, ohne auf die konkreten Situation der Befragten besonders einzugehen (insbesondere USA: Fragebogen/Interview anhand eines Leitfadens zur Diagnostik psychischer Störungen). Chronische Symptome werden damit genauso erfasst wie situative psychische Störungen, die durch besondere Lebensumstände hervorgerufen werden (Stichwort: Depressionsepedemie). Daher sei es nach Ansicht von Snowdon kein Wunder, dass in Ländern wie den USA eine besonders hohe Häufigkeit von psychischen Störungen ausgewiesen wird. Eine Vergleichbarkeit mit Daten aus anderen Ländern ist wegen der extrem unterschiedlichen Erhebungsmethodik kaum gegeben.

Hypothese 3: Gleichheit macht glücklich

Wie schon einige andere Autoren vor ihnen postulieren Pickett und Wilkinson einen Zusammenhang von Zufriedenheit und Gleichverteilung von Einkommen bzw. Vermögen. Dabei nehmen die Autoren Anleihen bei der von Richard Layard in „Die glückliche Gesellschaft“ (Campus Verlag 2005) geäußerten These, nach der ein Zunahme von Reichtum zu externen Effekten bei denjenigen führt, die bei der Zunahme des Reichtums nicht mithalten können. Nach dieser Lesart könne eine Besteuerung hoher Einkommen nicht nur Entschärfung der postulierten psychologischen Folgen einer ungleichen Einkommensverteilung führen, sondern Großverdiener dazu motivieren sich mehr um ihr privates Umfeld (Familie, Freunde, Kommune) zu kümmern.

Die Messung der Zufriedenheit erfolgt in „Gleichheit ist Glück“ mithilfe der Daten des World Value Survey. Diese Daten scheinen zu zeigen, dass sich in den entwickelten Volkswirtschaften seit den 1960er Jahren keine Zunahme der Zufriedenheit der Bevölkerung mehr feststellen lässt. Dieser Befund wird jedoch von anderen Erhebungen bzw. Metastudien nicht bestätigt. So kommen etwa Stevenson und Wolfers in einer umfassenden Metaanalyse des weltweiten statistischen Materials der Glücksforschung zu dem Ergebnis, dass sich sowohl zwischen den Staaten, als auch innerhalb der untersuchten Länder mit dem Einkommen ansteigende Gradienten der Zufriedenheit ergeben. Aktuellere Untersuchungen wie diese berücksichtigen im Vergleich zum World Value Survey verschiedene nicht einkommensbedingte Einflussfaktoren (Gesundheit, familiäre Situation, Beschäftigung) auf die Zufriedenheit. Diese Ergebnisse stehen mit den Aussagen in „Gleichheit ist Glück“ in Widerspruch, da hier von einer höheren Zufriedenheit in gleichen Ländern mit häufig niedrigeren Pro-Kopf-Einkommen als in ungleichen Ländern die Rede ist. Angesichts der Tatsache, so betont auch Snowdon, dass Glück und Zufriedenheit in unterschiedlichen Kulturen extrem unterschiedliche Bedeutung und Ausdrucksformen haben kann, sind hier einer objektiven statistischen Erfassung deutliche Grenzen gesetzt.

Misstrauen der Menschen innerhalb der Gemeinschaft ist ein weiteres in „Gleichheit ist Glück“ mit Ungleichheit in Zusammenhang gebrachtes Phänomen. Je gleicher eine Gesellschaft, so die Autoren, umso mehr Vertrauen herrscht zwischen den Menschen. Als Beleg dafür wird eine negative Korrelation beider Kenngrößen heran gezogen. Ein genauerer Blick auf die Daten zeigt jedoch, dass diese Korrelation allein aufgrund des hohen Vertrauensindex der nordeuropäischen Staaten Norwegen, Finnland, Schweden und Dänemark bestimmt wird. Werden diese vier Länder aus der Analyse entfernt ist kein Zusammenhang zwischen Einkommensverteilung und dem empirisch erhobenen Vertrauensmaß mehr feststellbar. Unter diesen Bedingungen kann demnach nicht von einem „Trend“ gesprochen werden. Snowdon bemerkt in diesem Zusammenhang, dass die für die Erhebung der Daten des World Value Index herangezogene Fragestellung ohnehin keine zuverlässigen Ergebnisse erwarten lässt, da die negative Antwortalternative „Man kann nicht vorsichtig genug sein.“ nicht zwangsläufig auf tiefes Misstrauen gegenüber den Mitbürgern hinweist.

Eine ebenso eindimensionale Erklärung wird für die Häufigkeit von Kindern minderjähriger Mütter gegeben. Ungleichheit soll zu einem höheren Anteil minderjähriger Mütter führen. Auch hier steht und fällt der postulierte Zusammenhang mit der Berücksichtigung der USA im Datensatz. Daher meinen die Autoren in diesem Land die Ungleichheit als ursächlich für das Problem minderjähriger Mütter ausmachen zu können. So ziehen sie beispielsweise die Bundesstaaten Mississippi und Utah als Beleg heran, übersehen dabei jedoch, dass eine kulturelle Erklärung wesentlich höheren Erklärungswert besitzt. Immerhin zählen gut 60 Prozent der Bevölkerung in Utah zu den extrem wertkonservativen Mormonen. Gegen den Befund von Pickett und Wilkinson spricht auch, dass in vielen reichen Ländern der Anteil minderjähriger Mütter in den letzten Jahren erheblich abgenommen hat, obwohl im gleichen Zeitraum die Ungleichheit zunahm. Obgleich kein Zweifel besteht, dass Armut und ein geringes Bildungsniveau hier wichtige Einflussgrößen sind, deutet wenig darauf hin, dass die Ungleichheit einer Gesellschaft zur Erklärung des Phänomens ein Beitrag leistet. Vielmehr zeigt sich, dass in Länder mit geringen Geburtenraten bei Minderjährigen entweder wertkonservative Traditionen dominieren, sexuelle Aufklärung und Maßnahmen zur Verhütung geförderten wurden oder ein liberales Abtreibungsrecht herrscht.

Eine eher bizarre Erklärung für die relative höhere Suizidhäufigkeit in egalitäreren Ländern entwickeln die Autoren, indem sie postulieren, dass in gleichen Gesellschaften die individuelle Frustration der Menschen tendenziell gegen sich selbst richtet, in ungleichen Gesellschaften dagegen in Gewalt gegenüber anderen Menschen ihren Ausdruck findet. Ein empirischer Beleg dafür lässt sich jedoch nicht finden. So ist kein Zusammenhang zwischen der Einkommensverteilung und der Häufigkeit tödlicher Gewaltverbrechen auszumachen, wenn die USA, bekannt für ihr liberales Waffenrecht, Drogenkriminalität und gewaltsame Bandenfehden, aus der Datenbasis eliminiert wird. Aber auch für die USA allein dürfte die These von Gewalt durch Ungleichheit nicht aufgehen, ist es dort in den vergangenen Jahren trotz zunehmender Ungleichheit gelungen die Gewaltkriminalität wesentlich stärker als in anderen Industriestaaten zu reduzieren.

Hypothese 4: Gleichheit fördert Gemeinschaftssinn und gegenseitige Hilfe

Selbstlosigkeit und weniger Egoismus ist nach Ansicht der Autoren von „Gleichheit ist Glück“ eher eine Tugend von Ländern mit einer gleichmäßigen Einkommensverteilung. Als Beleg dafür wird der höhere prozentuale Anteil staatlicher Entwicklungshilfe am Volkseinkommen in stärker egalitären Staaten angeführt. Dieser ist jedoch weniger ein Maß für die Spendenbereitschaft der Bevölkerung, als vielmehr Ausdruck der Prioritätensetzung der Politik in der Entwicklungshilfe. Betrachtet man deshalb auch den Umfang der privaten Spendentätigkeit ergibt ein genau umgekehrtes Bild. Hier wird in Ländern mit einer ungleichen Einkommensverteilung mehr Geld für private wohltätige Zwecke als Anteil am Bruttoinlandsprodukt aber auch pro Kopf der Bevölkerung ausgegeben.  Daher liegt die Ursache für eine niedrigere Spendenbereitschaft eher egalitärer Länder vor allem im Crowding Out privater Aktivitäten durch Besteuerung und staatliche Ausgabenprogramme.

Als weiteren Indikator für gestärkten Gemeinschaftssinn geben Pickett und Wilkinson die unterschiedlichen Recyclinganstrengungen in den verschiedenen Ländern an. Die Autoren glauben eine positive Korrelation zwischen Recycling und Gleichheit ausmachen zu können und schließen daraus auf einen kausalen Zusammenhang. Problematisch an dieser Interpretation ist jedoch, dass dieser Zusammenhang zum einen nur dadurch entsteht, dass es eine Ländergruppe mit hohem Recyclinganteil gibt, eine andere Gruppe mit insgesamt nur mäßigem Anteil des Recyclings. Ursache für diese Clusterbildung sind jedoch keineswegs die Unterschiede in der Einkommensverteilung, sondern allein die gesetzlichen Rahmenbedingungen, durch die die Bürger mehr oder weniger zur getrennten Müllentsorgung angehalten werden.

Hypothese 5: Gleichheit verbessert die Bildungschancen

Mit einer weiteren Grafik soll belegt werden, dass in ungleichen Ländern das Bildungsniveau junger Menschen niedriger ist. Hierbei zeigt sich jedoch, dass dieser Zusammenhang bei der Ergänzung der Analyse um weitere Länder nahezu verschwindet. Wie bereits im Fall von Gesundheit und Lebenserwartung gelingen den Autoren die statistischen Belege nur dadurch, dass bestimmte Länder willkürlich aus der Analyse eliminiert wurden.

Zusammenfassende Bewertung

Die weitreichenden Schlussfolgerungen der Autoren lassen sich aufgrund der zum Teil groben methodischen Mängel der Analyse nicht annähernd rechtfertigen. Vor dem Hintergrund der erheblichen Fortschritte in der Entwicklung moderner Verfahren der schließenden Statistik kann das Buch von Pickett und Wilkinson nur als epidemiologische „Dünnbrettbohrerei“ bezeichnet werden. Neben der recht willkürlichen Auswahl der in die Auswertung aufgenommen Länderdaten ist vor allem der vollständiger Verzicht auf multivariate statistische Verfahren, die eine Kontrolle weiterer Einflussfaktoren auf die untersuchten Indikatoren gesellschaftlichen Fortschritts erlaubt hätten, zu bemängeln. Dass deren Berücksichtigung auf jeden Fall angezeigt gewesen wäre, zeigt allein das extrem niedrige Bestimmtheitsmaß (R2) der meisten als Hypothesenbeleg angebotenen Korrelationen, dass als Maß für den Anteil der Streuung einer Variable, die durch eine jeweils andere Variable erklärt werden kann, herangezogen wird. Die schiere Menge an Daten darf daher nicht darüber hinwegtäuschen, dass diesen in ihrer Darstellungsform nahezu jegliche Beweiskraft fehlt. Der Charme dieses Buches für die politisch zumeist links orientierten Leser liegt daher vor allem darin, dass in diesem Buch altbekannte ideologische Vorurteile mit pseudowissenschaftlicher Zahlenakrobatik bedient werden.

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9 Antworten zu “Ist Gleichheit wirklich Glück?

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  2. Julius Bärenklau

    „Gleichheit ist Glück“ könnte eine Formulierung aus Orwells „1984“ sein. Und hier könnte auch das Problem liegen. Das Buch scheint eher eine scheinbar wissenschaftliche Bestärkung sozialistischer Ideologie zu sein.
    Schade ist, daß Hentrichs kompetente und sachliche Kritik an diesem Buch bei den sozialistischen Ideologen vollkommen wirkungslos bleiben wird. Unzählige historische Beispiele lehren uns, daß selbst offensichtlicher Unsinn verteidigt wird, wenn er das eigene Weltbild bestätigt. Daran wäre nichts auszusetzen, schließlich ist es jedermanns gutes und unveräußerliches Recht zu glauben, was ihm beliebt, würden solche Ideologien nicht zur „materiellen Gewalt“, sobald ihre Anhänger (staatliche) Macht über Menschen erlangen.

  3. Sebastian Kortz

    Die Frage, die ich mir bei dem Wortpaar Gleichheit und Glück, oder auch bei dem Wortpaar soziale Gerechtigkeit gestellt habe, betrifft die Logik der Aussage. Handelt es sich wirklich um eine Tautologie, wie die Protagonisten dieser Begriffspaare meines Erachtens implizit unterstellen, oder handelt es sich nicht vielmehr um ein Paradox, was ich im Folgenden explizit nachweisen möchte.
    Die Einführung der Pflegeversicherung beispielsweise mit einem Leistungsanspruch ab dem Tag der Einführung dieser Versicherung auch für diejenigen, die bis zum Tag der Einführung keine Beiträge abgeführt haben, ist zwar sozial aber nicht gerecht. Das ist ja das Prinzip des Sozialstaats, daß in der Regel nicht an den ausbezahlt wird, was der einbezahlt hat, sondern an jenen, der unter Umständen nicht einbezahlt hat. Also ein Versicherungsanspruch für denjenigen, der nichts oder unterproportional einbezahlt hat. Im Ergebnis mag das sozial sein, gerecht ist es aber nicht, wenn ich unterstelle, daß Gerechtigkeit eine Leistungsgerechtigkeit ist, bei der Leistung und Gegenleistung in einem ausgewogenen Verhältnis zueinander stehen.
    Analog verhält es sich mit dem Begriffspaar Gleichheit und Glück. Dazu nehme ich an, daß das Glück der Zustand ist, in dem wir uns Wünsche erfüllen. Wir müssen also immer Wünsche haben, die wir erfüllen . Der Zustand, in dem alle unsere Wünsche erfüllt sind, in dem wir also keine Wünsche mehr haben, ist gleichzeitig das Ende des Glücks. Sind all unsere Wünsche erfüllt, wenn wir gleich sind ? Der Zustand, in dem wir sowohl glücklich als auch gleich sind ist der Tod. Das glückliche Leben ist mit diesem Zustand nicht vereinbar, es lebt von Ungleichgewichten, davon daß alte Wünsche erfüllt sind, und neue Wünsche enstehen, die erfüllt werden können. Gleichheit und Glück sind also auch hier keine Tautologie. sondern ein Paradox. Nehmen wir die Natur als Lehrmeister. Die Natur paßt sich immer perfekt an die zeitlichen und räumlichen Ungleichgewichte der Welt an. Wir Menschen sollten es der Natur nachmachen: Die Natur liebt die Variantenvielfalt, Nur durch die Variantenvielfalt ist Evolution überhaupt möglich. Wenn die Menschen nicht als Monokultur eingehen wollen, sollten sie die Variantenvielfalt erhalten. Der Glückszustand des lebendigen Menschen ist also eher ein Zustand, in dem er sich in der wandelnden Welt immer neue Wünsche erfüllen kann.

  4. Sämtliche linksgerichteten Ideologien berücksichtigen einen wichtigen Punkt nicht: Jeder Mensch ist von Natur aus narzisstisch veranlagt. Er trägt einen nahezu unzerstörbaren narzisstischen Kern in sich (Erich Fromm: Die Seele des Menschen und ihre Fähigkeit zum Guten und zum Bösen).

    Dieser narzisstische Kern ist es doch, der uns wünschen lässt, e i n m a l i g,
    e i n z i g a r t i g und u n v e r w e s e l b a r zu sein. Also genau das Gegenteil von gleich.

    Wer sich unsere Gesellschaft(en) genau betrachtet, wird feststellen, dass wir derzeit einen großen Hang und Drang zur Selbstverwirklichung und Selbstdarstellung erleben. Selbst die arabischen Revolten wären nicht denkbar ohne das Bedürfnis nach mehr Freiheit und Selbstbestimmung.

    Das narzisstische Triebpotential, das uns allen innewohnt, lässt sich nicht dauerhaft unterdrücken. Daran sind letzten Endes sämtliche sozialistischen Gesellschaftsmodelle gescheitert. Diese Modelle werden auch nie mehr eine Chance haben, sich je realisieren zu lassen. Träumt weiter ihr Linken!

    http://community.zeit.de/user/wolfgang-baumbast/beitrag/2010/04/07/die-narzissmuswelle-teil-i

    http://community.zeit.de/user/wolfgang-baumbast/beitrag/2010/04/16/die-narzissmuswelle-teil-ii

    http://community.zeit.de/user/wolfgang-baumbast/beitrag/2010/04/23/die-narzissmuswelle-teil-iii-und-schluss

  5. Dem Autor sei Dank für seine akribische Darstellung allen dessen, was Pickett und Wilkinson, da so an Fragwürdigem von sich geben. Ich bin jedoch erstaunt darüber, dass methodische Schwächen dargestellt werden ohne die eklatanten theoretischen Schwächen aufzuzeigen.
    Jeder, der in seinem Leben schon einmal mit Daten und statistischen Programmen gearbeitet hat, weiss, dass man zu nahezu allem Korrelationen aus den Daten herausholen kann. Diese Form des data speak to me hat ihren eigenen Reiz (schon wegen dem absoluten Schwachsinn, der zeitweise produziert werden kann und wird) und immerhin u.a. die psychologische Persönlichkeitsforschung begründet, aber dieser Reiz kann doch nicht darüber hinwegtäuschen, dass Plausibilitäten, wie die von Pieckett und Wilkinson verbreiteten, keinen Anspruch auf Wissenschaftlichkeit erheben können, denn dazu fehlt die entscheidende Zutat: die THEORIE. Warum soll es noch einmal so sein, dass Gleichheit glücklich macht? Gibt es dafür eine auch nur ansatzweise sinnvolle Erklärung, die nicht in einem eklatanten Widerspruch zu Erkenntnisse der (ernstzunehmenden) psychologischen Forschung steht, nach der z.B. es zum menschlichen Makeup gehört, sich differenzieren zu wollen. Welche Begründung geben die beiden Autoren dafür, dass sie Gleichheit (wie im übrigen gemessen mit dem GINI Index, der seine eigenen Probleme hat oder wie sonst?) und Gesundheit korrelieren? Warum korrelieren Sie nicht den bodymass index mit Gleichheit, wobei dann vermutlich herauskommt, dass gleiche Gesellschaften fetter sind als ungleiche oder etwas ähnlich Blödsinniges. Kurz, ich hätte mir noch einen Hinweis darauf gewünscht, dass wissenschaftliche Arbeit mit einer Theorie beginnt und – folglich – ein Buch, das keinerlei Bezug zu einer wie auch immer gearteten Theorie herstellt, lustige Ergebnisse berichten kann, aber nicht zur Wissenschaft zählt und somit auch nicht für sich in Anspruch nehmen kann, zum Erkenntnisgewinn beizutragen.

  6. Etwas was jedoch ziemlich unwiderlegbar ist ist die ökonomische Überlegenheit egalitärer Staaten: die reichsten Länder (Skandinavien) sind jene mit der größten Gleichberechtigung, wie das unlängst Peter Jedlicka in „Gender Balance“ betont (und das aber auf andere Faktoren der Modernität einer Gesellschaft zurückführt).

    O.G.

  7. Irgendwie klingt für mich der vorliegende Beitrag ebenso ideologisch!!! Aber danke dennoch für die Mühe, die Sie sich gegeben haben!

    • Steffen Hentrich

      Sie müssten sich schon die Mühe machen genau zu belegen, was an diesem Beitrag ideologisch ist. Hierbei handelt es sich um die Aufzählung der statistischen Unterlassungssünden der Autoren des Buches Gleichheit ist Glück. Nicht mehr und nicht weniger.

  8. Auf die Kritik von Snowdon und anderen ist übrigens ausführlich Stellung genommen worden:
    https://www.equalitytrust.org.uk/sites/default/files/responses-to-all-critics.pdf

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