Preußen und die Marktwirtschaft

Michael von Prollius

Was hat Preußen mit Marktwirtschaft zu tun? Viel, meint Ehrhardt Bödecker, Privatbankier im Ruhestand und früherer Verwaltungsrichter. Preußen, das ist für ihn vor allem seine Blütezeit als Deutsches Kaiserreich: „Es kann kein Zweifel daran bestehen, daß der Höhepunkt unserer jüngeren deutschen Geschichte das ‚Deutsche Kaiserreich‘ war.“ Und die ökonomischen Statistiken dieser Zeit, die Bödecker im Vergleich mit der „Wirtschaftswunderzeit“ einerseits und der Wirtschaftsmisere heute aufführt, sprechen für sich. Verschwindend geringe Arbeitslosigkeit, die geringste Steuerbelastung pro Kopf in Europa, ein sehr hohes Bildungsniveau und technologische Führerschaft in vielen Industriezweigen gingen Hand in Hand.

Viele Gründe für den Erfolg damals und den Misserfolg heute überzeugen, darunter breite freie Unternehmertätigkeit, hochwertige Bildung, eine exzellente und selbstbeschränkte Verwaltung, geringe Steuern (4-6%), ein niedriger Staatsanteil (14%) und das Fehlen des destruktiven Gewerkschaftseinflusses im Kaiserreich.

Es ist bezeichnend wie die preußischen Regierungen die Weichen auf Erfolg stellten: die marktwirtschaftliche Gewerbeordnung von 1845 (1869 neu gefasst), Öffnung der Märkte durch den Deutschen Zollverein bereits 1834, seit 1717 Schul-/Unterrichtspflicht, eine Verwaltung, die „Auftragstaktik“ praktizierte, also die Ziele vorgab und den Mitteleinsatz dem nachgeordneten Bereich überließ. Verfassungsrang sollte heute die Feststellung Friedrichs des Großen erlangen: „Eine Regierung sollte sparsam ein, weil das Geld, das sie erhält, aus dem Blut und Schweiß des Volkes stammt“ oder die Kurzform von König Friedrich Wilhelm I.: „Gebt nicht mehr Geld aus als ihr einnehmt.“

Indes lässt sich manches kritisieren. Zwar ist es überfällig, das vorherrschende Geschichtsbild des Kaiserreichs zurecht zu rücken. Gleichwohl sind die Lobpreisungen Bismarcks und von Kaiser Wilhelm II. deplaziert. Viele Vergleiche bleiben oberflächlich und manche Kausalbeziehung ist fragwürdig. Alles, was nicht in die Argumentation passt, wird weggelassen. Ungeachtet dessen ist es kein geringer Verdienst Bödeckers, mit seiner kleinen, leicht lesbaren Schrift für Preußen und die Marktwirtschaft gewichtige Denkanstöße geliefert zu haben.

Zuerst erschienen auf Forum Ordnungspolitik

Ehrhardt Bödecker: Preußen und die Marktwirtschaft, Olzog Verlag München 2006

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4 Antworten zu “Preußen und die Marktwirtschaft

  1. In der Tat ist die Geschichte des Kaiserreichs rein auf den Militarismus reduziert worden . Und man hat das Gefühl, die hohe deutsche Wettbewerbsfähigkeit sei eine Sache Deus ex machina gewesen. Das ist komplett falsch. Dennoch ist die Anstieg der Produktivität auch mit einem ansteigenen Lohnniveau für die Arbeitnehmer verbunden.

  2. Bismarck und Wilhelm II. haben den Obrigkeitsstaat in Deutschland zementiert, die soziale Verkrustung, die Betonung des Militärischen und nicht zuletzt die Übernahme immer weitreichenderer Staatsaufgaben am Ende der Gründerzeit waren wesentlich bestimmender für das Deutsche Kaiserreich als die kurze Phase wirtschaftlicher Freiheit.

    Auch ohne einen Ersten Weltkrieg hätte sich irgendwann gezeigt, daß ein preußischer Militärstaat kein Modell für eine freie Gesellschaft mit langanhaltender Prosperität ist.

    • Ich glaube, dass viele Vorstellungen über den „preußisches Militärstaat“ auf Klischees beruhen. Die französische Republik war zum Beispiel wesentlich stärker Militarisiert als das deutsche Kaiserreich. In Deutschland wurden überhaupt nur 50 Prozent der Wehrdienstfähigen überhaupt eingezogen, in Frankreich waren dies über 90 Prozent. Niall Ferguson hat die Rüstungsausgaben vor dem Krieg miteinander verglichen. Das Deutsche Reiche liegt da hinter Frankreich und Rußland. Das gleiche Wahlrecht ist in Deutschland früher eingeführt worden als in England, das hat allerdings auch dazu beigetragen, dass sich auch schon früher eine sozialstaatliche Dynamik entfalten konnte. In England dann erst ab der Jahrhundertwende. Was die „soziale Verkrustung“ angeht, müsste man definieren, was darunter zu verstehen ist. Ich sehe in der Gesellschaft des Kaiserreiches weniger Dynamik als in der der USA zurselben Zeit, aber mehr als in Frankreich; Österreich oder Russland. Ich halte es durchaus für Wahrscheinlich, dass sich ohne den Ersten Weltkrieg Deutschland zu einer parlamentarischen Monarchie wie in England entwickelt hätte. Möglicher Weise hätte das allerdings noch ein oder zwei Jahrzehnte gebraucht.

      Mit besten Grüßen
      Gérard Bökenkamp

      Mit besten Grüßen
      Gérard Bökenkamp

  3. Ich frage mich immer wieder wie es möglich ist, daß viele Neuerungen (Innovation) vor hundert und mehr Jahren möglich waren, während heute der Hybridantrieb von Japanern vermarktet wird. Wo der Computer zwar in Deutschland erfunden wurde, aber die Vermarktung von US-Amerikanern gestartet wurde. Das Faxgerät in Deutschland erfunden wurde aber von Japanern vermarktet. Heute aber brauchen deutsche Firmen Subventionen vom Staat, um das Elektroauto für den rentablen Gebrauch nutzen zu können. Deutschland war einmal Apotheke der Welt. Heute lese ich auf den Arzneimittelpackungen nur noch US-Amerikanische Firmen.

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