Griechenland ist überall

Rudolf Maresch

Auch Deutschland lebt seit vielen Jahren über seine Verhältnisse. Jeder weiß das, doch keiner traut sich, der Bevölkerung diese bittere Wahrheit mitzuteilen und daraus politische Konsequenzen zu ziehen

Es wird Zeit, für Guido Westerwelle mal eine Lanze zu brechen. Auch und erst recht in diesem Medium. Nicht für den Außenminister, der auf dem diplomatischen Parkett bisweilen noch so herumtapst wie weiland der Problembär „Bruno“ im bayerischen Grenzgebiet. Sondern für den Politiker und Parteivorsitzenden der Liberalen, der seit geraumer Zeit heftig abgewatscht wird.

Unglücklich formuliert

Ihm ist gelungen, woran andere zuvor kläglich gescheitert sind, nämlich eine Sozialstaats- Debatte anzuzetteln, die längst überfällig war und ist und die, wie Umfragen bescheinigen, auch von einer Mehrheit im Land geteilt wird. Davor hatten bereits Peter Sloterdijk (Nehmt, was euch gehört: http://www.heise.de/tp/blogs/6/141798) und Norbert Bolz (Die neue heilige Kuh: http://www.heise.de/tp/r4/artikel/30/30932/1.html) versucht, sie anzuschieben, damit aber nur in den Feuilletons für rege Aufregung gesorgt. Durch Westerwelle und dem Wort von einer „geistig-politischen Wende“ ist sie erst in der Mitte der Gesellschaft angekommen.

Gewiss war die eine oder andere Aktion der Liberalen nach der Wahl unglücklich und hat sowohl der Partei als auch ihrem Vorsteher schwer geschadet. Die Steuerbefreiung für Hoteliers sendete ein höchst unfreundliches Signal an die Wählerschaft. Und durch das Bekanntwerden einer Millionenspende durch den Mövenpick-Konzern ist es nochmals bestärkt worden. Vergessen wurde im medialen Furor jedoch, dass auch die christlich-soziale Krawallpartei aus dem Süden maßgeblich daran beteiligt war.

Krawall gehört zum Geschäft

Vielleicht war auch die eine oder andere Wortwahl des Parteioberen unüberlegt und missverständlich. Doch neu ist das alles nicht. Krawall gehört zum Geschäft. Schon immer haben Politiker versucht, durch den Einsatz drastischer Worte, Bilder oder Vergleiche a) sich wieder ins Gespräch zu bringen, b) die Umfragewerte ihrer Partei zu heben, c) ihre Anhänger wieder auf Linie zu bringen und d) die Fronten zum politischen Rivalen zu klären.

Franz-Josef Strauß, Heiner Geißler oder Herbert Wehner waren Meister dieses Geschäfts. Sie verstanden es, mit Mitteln der Semantik politische Kanten zu setzen und mit gezielter Provokation, den Gegner zur Schärfung seiner Argumente zu zwingen. Dass sie dabei bisweilen ein recht unglückliches Händchen bewiesen haben, ist bekannt. Vor allem dann, wenn sie zu Vergleichen gegriffen haben. Man denke da an das böse Wort von den „Schmeißfliegen“ oder an die Beförderung der SPD zur „Fünften Kolonne Moskaus“.

Wildheit und Niederträchtigkeit

Westerwelles Hinweis auf die „spätrömische Dekadenz“ (http://www.welt.de/debatte/article6347490/An-die-deutsche-Mittelschicht-denkt-niemand.html), die das Land gegenwärtig durchlebe, wenn es jenen Wohlstand vorab schon mal verteile, den es doch erst noch zu erwirtschaften gelte, hat etwas von beiden. Es ordnet frei nach Carl Schmitt die politische Lage und es vermittelt, bei Lichte besehen, zugleich ein recht schiefes Bild von der geistig-kulturellen Lage im spätrömischen Reich.

Dekadent waren dort zuvörderst die Eliten. Schon der Volksmund weiß, dass der Fisch zuallererst vom Kopf her zu stinken anfängt. Erst danach breitet sich, wird nichts dagegen unternommen, der Gestank nach und nach am ganzen Leib aus. So auch im Rom der Spätantike, wo die Eliten sich zuletzt als nicht „wehrfähig“ gegen den Ansturm der Barbaren aus dem Norden erwiesen, weil sie sich lieber leiblichen Genüssen und Gelüsten hingaben.

Dies gilt auch und erst recht für das Rom 2.0, wohin der christliche Teil der Elite sich geflüchtet hatte, um das Erbe des untergegangenen Westreiches anzutreten. Folgt man dem gnadenlosen Urteil des Philosophen Hegel, das dieser in seiner „Philosophie der Geschichte“ im dritten Abschnitt des dritten Teils über „das byzantinische Reich“ niedergelegt hat, dann war das Christentum zu Byzanz, das Konstantin, Theodosius und Justinian zu neuem Ruhm und zu neuer Blüte brachte, „in die Hände des Abschaums und des ungebändigten Pöbels“ gefallen.

Die „pöbelhafte Wildheit“ und die „höfische Niederträchtigkeit“, die Hegel dort ausgemacht haben will, „legitimiert sich durch die Religion und entweiht diese zu etwas Scheußlichem“, schreibt er. Für ihn stellt die Geschichte des hochgebildeten oströmischen Reiches, „eine tausendjährige Reihe von fortwährenden Verbrechen, Schwächen, Niederträchtigkeiten und Charakterlosigkeit dar, das schauderhafteste und deswegen uninteressanteste Bild.“

Spätrömische Firewall

In all seiner Wut über die byzantinischen Herrscher, die es versäumt hatten, den Staat und das Reich nach den Grundsätzen der christlichen Lehre aufzubauen und zu organisieren, übersieht der Philosoph, und das mag mancher als Begleitsound zu Westerwelles Attacken werten, dass es den Byzantinern gelungen ist, dort eine neue Großmacht aufzubauen.

Ohne die mächtige und schützende Hand dieser neuen und reichen Großmacht hätte das Abendland weder die Kraft noch die Energie gehabt, sich zu formieren. Und hätte sich dieses mächtige Reich nicht mannhaft gegen die anstürmenden Feinde aus dem Osten behauptet, hätte Europa wohl kaum die Chance und Möglichkeit gehabt, später mal zur Geburtsstätte von Renaissance, Aufklärung und Weltherrschaft zu werden. Europa spräche heute, was rechte Populisten gern an die Wand malen, längst arabisch (Die Supermacht, die Europa vor den Arabern rettete: http://www.welt.de/kultur/article6618004/Die-Supermacht-die-Europa-vor-den-Arabern-rettete.html).

Down, down, down

Der Katastrophen-Sound, den Hegel anschlägt, wird etwas gemildert, wenn man den Begriff der „Dekadenz“ von seiner „poströmischen“ Zuordnung trennt. Dekadenz meint zunächst ja nur, dass etwas, was vorher mal in Pracht und Blüte stand, verblasst und seinen Glanz und seine Anziehungskraft nach und nach verliert.

Schlägt man bei Hegels Antipoden Nietzsche nach, dem Philosophen der decadénce schlechthin, dann datiert der geistig-kulturelle Niedergang der abendländischen Kultur schon viel früher. Er setzt ein mit dem Ende der griechischen Antike, als christliche Meme die Köpfe der griechischen Eliten infizieren und sie ihre aristokratischen Werte zugunsten der Herde, der Mitte und der Masse aufgeben. Der Nihilismus, der seitdem über das Abendland fegt, wird bei dem Professor aus Basel als großes Leiden erlebt und verstanden.

Im langen Schatten, den Nietzsche fortan auf die moderne Welt wirft, ist der Begriff von nationalkonservativer Seite später aufgegriffen, dann verfeinert und politisiert worden. Vor allem von Oswald Spengler, der das Abendland einem organischen Zyklus von Aufstieg und Verfall unterwirft. Alle Phänomene, die dieser Zeit ihr Gesicht geben, Bolschewismus und Jazz, Expressionismus und Warenhaustempel, ausschweifendes Nachtleben und freier Sex folgen fortan dem Gesamtbild einer Kultur und Epoche, die mit Riesenschritten ihrem Untergang entgegeneilen.

Etwas Dekadenz

Mit dieser Stimmungslage, die sich nach WK I in Deutschland sprunghaft breitmacht, um anschließend im Cäsarentum eines deutschnationalen Sozialismus zu enden, hat der Vorsteher der deutschen Liberalen sicherlich nichts am Hut – auch wenn manch Böswilliger ihm eine nationalliberale Gesinnung unterstellen will.

Zweifellos gibt es in der jüngeren als auch in der neueren Bundesrepublik, wie der frühere Wirtschaftsminister Wolfgang Clement jüngst im Interview mit dem „Tagesspiegel“ festzustellen meint, „gesellschaftliche Tendenzen zur Dekadenz“. Ihm fallen dazu zwar Eine Reihe von Beispielen ein, konkrete Beispiele will der frühere Minister der rot-grünen Regierung aber nicht nennen (Es gibt zweifellos Missbrauch: http://www.tagesspiegel.de/politik/deutschland/Wolfgang-Clement-Hartz-IV-Guido-Westerwelle;art122,3044562).

Etwas dunkel formuliert er, dass es „höchste Zeit“ für den Staat sei, sich darüber klar zu werden, was er sich angesichts einer „sich demografisch dramatisch verändernden Gesellschaft noch leisten kann und was nicht.“

Wohltaten verteilen

Nun ist der Verweis auf die Demografie in den letzten Jahren ein gern benutztes Mittel, um Kürzungen im Sozialbereich zu begründen und politisch durchzusetzen. Beispielsweise wurde die schrittweise Heraufsetzung des Rentenalters, das Einfrieren des Arbeitgeberanteils an der Krankenversicherung und die Individualisierung der Altersvorsorge damit gerechtfertigt.

Gleichwohl hat es bislang noch jede Regierung verstanden, gleich ob sie schwarzgelb oder rotgelb, schwarzrot oder rotgrün gefärbt war, vor und auch nach der Wahl soziale Wohltaten unter den Bürgern zu verteilen, Steuer- und Geldgeschenke, die sie erstens gar nicht hat, und zweitens von anderen erst noch erwirtschaftet werden muss (Der Zorn der Leistungsträger wird abgesagt: http://www.heise.de/tp/blogs/8/146421).

Auf diese Art und Weise ist der Sozialstaat über all die Jahre derart aufgebläht worden, dass mittlerweile mehr als ein Drittel des Haushalts in soziale, mithin unproduktive Bereiche fließt, statt mehr davon in Bildung und Wissenschaft, Forschung und Technik zu stecken, was indirekt auch den ärmeren und weniger betuchten Teilen der Bevölkerung zugute käme.

Augen zu und durch

All die Debatten, die seit Jahren um Hartz IV kreisen, um Regelsätze oder staatlich garantierte Grundeinkommen, gehen deshalb in die falsche Richtung. Sie signalisieren vor allem Geringverdienern, dass Nichtstun mindestens genauso reizvoll ist wie Aufstehen und Arbeiten. Jede Anhebung der Sätze senkt den Anreiz zu individueller Anstrengung. Auf diese Weise steigt nicht nur die Arbeitslosigkeit oder bleibt gleichbleibend hoch, in der Folge sinkt auch die Leistungsbereitschaft, was dann zu einem weiteren Anstieg der Arbeitslosigkeit führt (http://www.spiegel.de/wirtschaft/soziales/0,1518,681757,00.html).

Selbst die SPD ist inzwischen auf den Westerwelle gekommen. Auch die nordrhein-westfälische Kandidatin will Arbeitslose, die dauerhaft auf soziale Stütze angewiesen sind, mit gemeinnütziger Arbeit und symbolischer Bezahlung aus der sozialen Lethargie holen. Künftig sollen sie vermehrt als Vorleser in Altenheimen oder als Straßenfeger und Schneeschipper auf den kommunalen Straßen und Plätzen eingesetzt werden (Schärfer als Hartz IV: http://www.sueddeutsche.de/,tt3l2/politik/84/505286/text/).

Die heftigen Prügel und Watschen, die Westerwelle für seine Äußerungen bezog, sind hier allerdings ebenso ausgeblieben wie noch vor Wochen, als Hubertus Heil und Sigmar Gabriel Steuerhinterzieher unisono als „neue Asoziale“ und „Sozialschmarotzer“ (http://www.welt.de/die-welt/politik/article6445407/Asoziale-Gutverdiener.html) bezeichnet haben. Hätte Westerwelle sich einer ähnlichen Sprache bedient wie die beiden SPD-Vorderen, Sturm und Empörung wären kaum auszudenken gewesen.

Jammern auf hohem Niveau

US-Amerikaner, die unser Land etwas näher kennen, machen längst den Westerwelle. Sie sind überzeugt, dass der Sozialismus hierzulande längst ausgebrochen ist. Ein deutscher Arbeitnehmer kann sich nicht nur über die meisten Urlaubstage, kostenlose Arztbesuche und Lohnfortzahlung im Krankheitsfall freuen, er kann sich in Notfällen auch auf ein gut funktionierendes soziales Netz verlassen, das ihn auffängt oder ihn, wenn er nicht mehr gebraucht wird oder er nicht mehr arbeiten will, mit einer sicher bescheidenen, aber sozialen Rundumversorgung bis an sein Lebensende ausstattet.

Hinzu kommt, dass er beheizte Hallen- und Freibäder, Schulbesuch, Kitas, Sportstätten oder Beratungseinrichtungen kostenlos oder zu einem symbolischen Preis jederzeit nutzen kann und Theater-, Stadion- und Museumsbesuche, wenn ihm mal danach ist, hoch subventioniert werden.

Trotzdem wird ständig und allerorten gejammert und gezetert, in Talkshows, Magazinen und Tageszeitungen, von Wohlfahrtsverbänden und Kinderschutzbünden ebenso wie von kirchlichen Einrichtungen und sozial bewegten Personen und Verbänden. Erwartet wird, dass die Sozialkassen und Vater Staat jederzeit einspringen, selbst dann, wenn augenscheinlich und ausschließlich individuelles Fehlverhalten zu diesen Notlagen geführt hat. Erwartet wird aber auch, dass der Staat die Fahrt zum Arbeitsplatz steuerlich absetzbar macht, die Krankenkasse neuen Brillen und Hörgeräte finanziert, Kindern einen kostenlosen Kitaplatz bietet und eine kostenlose Schulspeisung gewährt.

Anstrengungsbereitschaft sinkt

Durch sein paternalistisches Auftreten und Verhalten sorgt der Sozialstaat dafür, dass seinen Bürgern jede Art von selbstverantwortlichem Handeln Schritt für Schritt abhanden kommt. Dabei ist im Grunde doch jeder verpflichtet, sein Scherflein zum Gelingen der Gemeinschaft beizutragen, erst recht, wenn er von dieser Gesellschaft sozial oder finanziell unterstützt wird. Entweder, indem er auf seine Gesundheit achtet, sich einigermaßen gesund ernährt und Sport treibt, oder versucht, wenn er jung, gesund und kräftig ist, sich weiterzubilden oder sich mit Minijobs einigermaßen selbst über Wasser zu halten.

Hätte jene Generation, die dieses Land nach WK II wiederaufgebaut hat, nicht die Ärmel aufgekrempelt und Verzicht geleistet, wäre das Land nicht das geworden, was es heute ist. Für die Kinder dieser Generation war es damals selbstverständlich, dass Kinobesuche und der Verzehr von Eiscreme und Nusshörnchen Luxus waren, ein Fahrrad durch das mühselige Sammeln von Blaubeeren finanziert werden musste, beheizte Bäder oder Fußbälle nicht zur Verfügung standen und die Klamotten vom älteren Bruder angezogen werden mussten. Sie wären nie auf die Idee gekommen, einiges davon und andere Dinge wie selbstverständlich vom Staat einzufordern.

Erst kürzlich musste in einer Studie resigniert und ernüchternd festgestellt werden, dass viele Schulabgänger zu schlecht sind, um überhaupt eine Ausbildung erfolgreich gestalten zu können, so schlecht, dass sogar gezielte Fördermaßnahmen, man denkt sofort an das pädagogische Zauberwort der „individuelle Förderung“, ins Leere laufen (http://www.welt.de/wirtschaft/article6632539/Viele-Schulabgaenger-zu-schlecht-fuer-Ausbildung.html). Und das bei der im Vergleich mit damals relativ guten Ausstattung der Schulen und geringen Klassenstärken.

Kein Recht auf Wohlstandsmehrung

Jüngst hat der Tübinger Philosoph Otfried Höffe in der SZ darauf hingewiesen, dass Wohlstandsmehrung nicht das primäre Ziel der liberalen Demokratie sein kann und darf. Wichtiger als eine „materielle Besserstellung“ sei die „Hebung des Bildungsniveaus“. Erstere steigere nur den Konsum, während es gleichzeitig das Gemeinwohl schwäche. Mündige Bürger, die ihre Rechte wahrnehmen, bräuchten nicht viel zum Leben, ihnen genüge ein elementares Auskommen.

Gemünzt auf die zitierte Bildungsstudie heißt das wohl, dass Anspruchsdenken und Anstrengungsbereitschaft sich umgekehrt proportional zueinander verhalten. Wächst das eine, sinkt das andere automatisch (Hartz IV als Abbild einer verkommenen Gesellschaft: http://www.welt.de/politik/deutschland/article6693991/Hartz-IV-als-Abbild-einer-verkommenen-Gesellschaft.html). Wer vor ein paar Tagen das Vergnügen hatte, die Diskussion darüber bei Maybrit Illner zu sehen, wo ein Unternehmer unter Hartz IV-Empfängern hundert neue Arbeitskräfte zu einem garantierten Stundenlohn von 8,50 Euro einstellen und außer einem alle anderen Gründe hatten, den Job nicht anzunehmen, muss da ins Grübeln kommen (http://www.welt.de/fernsehen/article6657293/Westerwelle-bleibt-bei-seiner-Kritik-an-Hartz-IV.html).

Kein Recht auf soziale Umverteilung

Und auf noch etwas anderes macht der Philosoph in seinem Beitrag „Einigkeit und Recht und Wohlstand“ vom 3. März aufmerksam. Absoluten Vorrang haben in der liberalen Demokratie die Freiheits- und Bürgerrechte. Chancengerechtigkeit oder Soziale Gerechtigkeit ist demgegenüber nachrangig. Weder gibt es ein „Recht auf wachsenden Wohlstand“ noch gibt es ein „Recht der Schlechtergestellten, von wirtschaftlichen Ungleichheiten zu profitieren“.

Den Sozialstaat oder die soziale Demokratie in den Vordergrund gerückt zu haben, ist eine Besonderheit der Bundesrepublik Deutschland. Sie hat eine lange Tradition, die von Bismarck über Ebert und Hitler bis zu Adenauer, Brandt, Honecker und Kohl reicht. Die Demokratie zu sozialisieren war weniger, wie der SPD-Linke Michael Müller behauptet, eine Wohltat als vielmehr und vor allem politisch gewollt (Antwort auf Westerwelle: http://www.welt.de/politik/deutschland/article6558646/Der-Sozialstaat-war-keine-Wohltat-Er-war-gewollt.html).

Mundtot statt mündig

Einen objektiv-rationalen Grund gibt es dafür, wenn wir Müller richtig verstehen, nicht. Allenfalls eine moralisch-politische Grundhaltung, der Wunsch nämlich, dass sozialer Frieden im Land herrsche. Nicht bloß Böswillige könnten da auf die Studien des Historikers Götz Aly (Wie kauft man ein Volk?: http://www.tagesspiegel.de/kultur/art772,2281897) hinweisen, darauf, dass der Sozialstaat damit unterschwellig eine Tradition der nationalsozialistischen Diktatur fortschreibt.

Mit Sozialpolitik, wie etwa der Steuerfreiheit für Sonntags- und Nachtarbeit im Herbst 1940,  einer 15-prozentigen Rentenerhöhung im Spätherbst 1941 und der anschließenden Entscheidung, alle Rentner in die Krankenkassen aufzunehmen, erkaufte sich der NS-Staat, als der Russlandfeldzug ins Stocken geriet, zuallererst auch die passive Zustimmung der Bevölkerung.

Wie immer man diese Zusammenhänge und Ereignisse auch einschätzen wird, die Frage ist erlaubt, ob dadurch, wie Michael Müller, führender Vertreter des linken Flügels der SPD, offenbar zu glauben meint, tatsächlich der Zusammenhalt der Gesellschaft besser und nachhaltig gestärkt wird. Oder ob man mit Steuergeschenken und sozialen Wohltaten nicht eher das Gegenteil bewirkt, nämlich die Entsolidarisierung derselben.

Dies ist letztlich unserem Dafürhalten nach auch genau jene Frage, die den Liberalen Westerwelle umtreibt, im Übrigen genauso wie seinerzeit den Altliberalen Ralf Dahrendorf, den viele am liebsten wiederauferstehen lassen würden.

Kein Jammern und Zetern

Zweifellos braucht dieses Land eine „geistig-politische Wende“, wenn es seinen Wohlstand halten, seine hohen sozialen Standards verteidigen und weiter in der Champions League der führenden Nationen mitspielen will. „Anstrengungslosen Wohlstand“ gibt es nicht zum Spottpreis, da mögen seine Gegner noch so schreien und toben. Die Konkurrenz, namentlich in Fernost, schläft nicht.

Deren Bürger zeigen sich nicht nur leistungsbereiter, genügsamer und aufstiegsorientierter, sie neigen auch weniger zum Jammern und Wehklagen. Leistungsmessung, strengere Notengebung und Leistungszertifikate, die den Namen auch verdienen, sehen sie nicht als Form der persönlichen Beleidigung, Demütigung und Missachtung an (Normatives Versprechen: http://www.heise.de/tp/r4/artikel/29/29429/1.html).

Der Lebensstandard der Chinesen wird, wenn man Wachstumsstudien nur halbwegs traut (http://www.fr-online.de/in_und_ausland/kultur_und_medien/feuilleton/2394550_Wirtschaftszentrum-Asien-Die-Prognosen-fuer-China-Wir-sind-gewarnt.html), in dreißig Jahren doppelt so hoch sein wie der eines Durchschnittseuropäers. Lange Urlaube, Frührente und kürzere Wochenarbeitszeiten, so der Ökonom und Nobelpreisträger Robert Fogel, trägt zur Steigerung der Wirtschaftsleistung der EU ebensowenig bei wie ausgedehnte Spaziergänge im Jardin du Luxembourg.

Umverteilung erzeugt Gier

Wer der sozialen Demokratie den Vorrang vor der liberalen

einräumen will, muss daher zuallererst dafür Sorge tragen, dass das, was er umverteilen will, vorher auch erwirtschaftet wird oder werden kann. „Weil die Wachstumsraten geringer geworden sind und weiter sinken werden“, weiß auch Michael Müller, „funktioniert der Sozialstaat“ nicht mehr so einfach. Die Frage ist nur, wie man darauf reagieren will, mit Besitzstandswahrung und weiteren Wohltaten, mit Steuererhöhungen oder höherer Anstrengungs- und Leistungsbereitschaft.

Wer es selbst schon mal als Unternehmer versucht hat, wird schnell merken, welche Probleme einer neuen Selbstständigkeit entgegenstehen; die hohen Lohnnebenkosten nämlich. Wer diese weiter erhöhen will oder den Reichen ans Leder will, wird statt neuer Oasen noch mehr Wüsten ernten. Nach einem Bonmot des Philosophen Peter Sloterdijk ist es nicht der Kapitalismus, der Menschen in gierige Wesen verwandelt, sondern der Umverteilungs- und/oder Versorgungsstaat.

Hätte die Regierung Schröder nicht beizeiten und gegen den massiven Widerstand in den eigenen Reihen umgesteuert, das Land stünde heute, erst recht nach der Finanz- und Wirtschaftskrise, noch viel schlechter da.

Ideologisch borniert

Griechenland ist überall. Nicht nur die Bürger auf der antiken Halbinsel lebten Jahrzehnte lang über ihre Verhältnisse, auch die Bundesrepublik tut das seit Jahren. Das wissen die Verantwortlichen in Politik, Wirtschaft und Kultur auch. Trotzdem geben der Staat und seine Regierungen Jahr für Jahr aus, was sie gar nicht haben, aber unsere Kindeskinder mal bezahlen müssen, mit geringeren Renten, Zwang zur privaten Eigenvorsorge und exorbitant hohen Gesundheitskosten.

Man mag die Spekulationsgeschäfte mancher Hedge-Fonds, die auf Staatsbankrotte oder den Verfall von Währungen wetten, moralisch verurteilen und die Staatengemeinschaft auffordern, diesem Gebaren endlich Einhalt zu gewähren. Gleichwohl muss man aber auch feststellen, dass Staaten, die ihre Haushalte nicht in Ordnung haben, sie frisieren und sich auf Kosten Dritter verschulden, durch dieses Tun zu Korrekturen gezwungen werden, zu Ausgabenbegrenzung und Haushaltsdisziplin.

Wer den Begriff der „Dekadenz“ im adornitischem Gestus mit „Flucht in die blöde Bauernidylle“ übersetzt und dafür obendrein noch den Kampfbegriff des „Neoliberalismus“ bemüht, wie kürzlich eine Kulturredakteurin der taz (Die blöde Bauernidylle: http://www.taz.de/1/archiv/digitaz/artikel/?ressort=pb&dig=2010/03/06/a0043&cHash=1c5e4f6fae), der ist entweder ideologisch verbohrt und borniert oder einfach zu faul zum Denken.

Zum Autor

www.rudolf-maresch.de

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3 Antworten zu “Griechenland ist überall

  1. Kurz und Knapp: Fabelhaft!

  2. Hervorragender Artikel.

  3. Dietmar Hillebrandt

    Bisschen bunt und dann doch alles gelb?

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