Geschichte wiederholt sich: Kontroverse Geldpolitik um 1825

Gastbeitrag von Michael von Prollius

Von den Spätfolgen der Napoleonischen Kriege und einer Agrardepression erholte sich die britische Wirtschaft erst 1823. Der Boom wurde von einer Kreditexpansion der Bank von England genährt. Innerhalb von zwei Jahren wuchsen die Kredite um 43% – in absoluten Zahlen ein Anstieg von 17,5 auf 25,1 Millionen Pfund. Ein beträchtlicher Anteil des Geldes gelangte in spekulative Anlagen lateinamerikanischer Minenaktien. Ende 1824 begann Gold aus England abzufließen, was unter dem zu dieser Zeit international vorherrschenden Goldstandard ein sicheres Zeichen für eine Politik zu billigen Geldes war. Der marktwirtschaftliche Sanktionsmechanismus griff – die Krise setzte sich fort. Im Juni 1825 weigerte sich eine Bank in Bristol einem Banknoteninhaber Gold auszuhändigen. Bis Ende Oktober fielen die Barreserven der Bank von England, der faktischen Zentralbank, auf einen alarmierend niedrigen Stand von 3 Millionen Pfund. Im Dezember kam es zu einem Bankenrun. Nur um Haaresbreite gelang es der Bank von England mit einer riskanten, weil freizügigen Kreditpolitik für die Geschäftsbanken das Ruder herum zu reißen.

Die Bullionisten-Kontroverse

Die Boom und Bust Problematik Mitte der 1820er Jahre bildet das Bindeglied zwischen zwei großen Debatten über die richtige Geldpolitik. So hielt die Krise von 1825 für aufmerksame Zeitgenossen eine wichtige Lehre bereit: Der Goldstandard mit seinem Teilreserveprinzip reichte nicht aus, um Bankenzusammenbrüche und scharf ausschlagende Konjunkturzyklen zu verhindern.
Wenige Jahre zuvor war die sogenannte Bullionisten-Kontroverse (1797-1821) abgeebbt. Zu Beginn des 19. Jahrhunderts hatte ein Streit über die Konvertierbarkeit von Papiergeldnoten in Gold die intellektuellen Gemüter erregt. Banknoten, die zu dieser Zeit von Privatbanken ausgegeben wurden, stellten verbriefte Ansprüche auf Gold der emittierenden Bank dar. Als 1797 Gerüchte über eine Landung französischer Soldaten auf englischem Boden die Runde machten, kam es zu einem allgemeinen Bankenrun. Die Bürger verlangten Goldmünzen statt des als wertlos erachteten Papiergeldes. Die gefährlichen Konsequenzen für den Finanzsektor waren angesichts eines lediglich teilgedeckten Goldstandards unübersehbar. Die britische Regierung reagierte am 27. Februar 1797; sie suspendierte die Verpflichtung der Bank von England, Banknoten auf Nachfrage in Goldmünzen einzuwechseln.
Die Ähnlichkeiten mit der aktuellen Politik einer umfassenden Kreditversorgung als Kreditgeber der letzten Instanz sind augenfällig. Übrigens charakterisierte der Bankier Francis Baring (1740 – 1810) die Bank von England bereits 1797 als „dernier resort“.
Allerdings stellte die Regierung nach der Krisenüberwindung die Konvertibilität nicht sofort wieder her. Vielmehr dehnte sie die als temporäre Maßnahme gewährte Suspendierung bis 1821 aus. Das löste die intensive Debatte aus zwischen Bullionisten, die für eine Konvertierbarkeit in Gold eintraten, und Anti-Bullionisten, die den Status quo präferierten.

1 : 0 für die Bullionisten

Der führende Bullionist Henry Thornton (1760 – 1815), ein philanthroper Bankier, formulierte 1802 eine bemerkenswerte Kritik der sogenannten „Real Bills Doctrine“. Diese Doktrin besagte vereinfacht, dass der Bedarf und die Produktion von Papiergeld durch die Erfordernisse des Handels aus sich heraus begrenzt sei und damit nicht inflationär wirken könne. Das gelte solange wie glaubhaft Aussicht auf die Rückzahlung der Papiergeldnoten bestünde, die lediglich für kaufmännische Wechsel in Umlauf gebracht wurden. Thornton fragte nun: Wer oder was kann eine begrenzte Handelsnachfrage garantieren? Und er lieferte auch ein Beispiel: Kapitalerträge können höher als der Zinssatz der Banken ausfallen. Warum sollten dann Kaufleute nicht mehr Geld verlangen als für den eigentlichen Handel erforderlich sei? Offenkundig werde Inflation damit eine unausweichliche Tatsache.
Die komplexe Debatte, die auf Seiten der Bullionisten nach dem zu frühen Tod Thorntons 1815 von keinem Geringeren als David Ricardo (1772 – 1823) tonangebend weitergeführt wurde, lief ab 1821 aus, als die britische Regierung die Konvertibilität von Banknoten in Gold wieder herstellte.

Kontroverse reloaded: Currency versus Banking School

In den 1830er und 1840er Jahren plagten die britische Wirtschaft erneut wiederkehrende Phasen vom Boom und Rezession. Als 1839 eine bedeutsame Menge Gold aus England abfloss, konnte die Bank von England nur durch massive Kredite der Bank von Frankreich und aus Hamburg gerettet werden. Die Anhänger der sogenannten Currency School hatten ein tragfähige Erklärung für die wiederkehrenden Übelstände. Für sie lag die Wurzel des Übels in der Kreditexpansion, die die Bank von England ermöglicht hatte, was wiederum zwangsläufig Goldabflüsse nach sich ziehen musste.
So gelangte William Huskisson (1770 – 1830), ein führender Parlamentsabgeordneter des liberalen Flügels der Tory-Fraktion, im Austausch mit James Pennington zu der Überzeugung, dass Kredite der Geschäftsbanken und ungedecktes Papiergeld für Boom und Bust verantwortlich seien. Unter Currency School Anhängern begann sich ein Konsens über die notwendige Begrenzung der Kreditschöpfung herauszubilden. Forderungen nach einer 100-Prozent-Golddeckung für jede Banknote wurden laut. Für die die Durchsetzung dieses Prinzips zur Inflationsbekämpfung sollte die Bank von England sorgen, indem sie die Geschäftsbanken kontrollierte. Dazu sollte sie das Notenemissionsmonopol erhalten und flankierend Legal-Tender-Gesetze (gesetzliches Zahlungsmittel) erlassen werden. Die Regierung sollte wiederum die Bank von England rigide kontrollieren.
Bereits an dieser Stelle sei angemerkt, dass die Forderungen der Currency School als tragisch charakterisiert werden müssen. Gerade die Schule, die für wertbeständiges Geld eintrat, propagierte auf der Basis einer unzureichenden Analyse, die Etablierung einer Zentralbank. Lediglich die Anhänger des Free Banking wichen von dieser Ansicht innerhalb der Currency School ab.

Banking School: Geldmengenexpansion nach Bedarf

Die Anhänger der sogenannten Banking School waren aus dem Lager der Anti-Bullionisten hervorgegangen. Wie ihr prominentester Vertreter, John Fullarton (1780 – 1849), vertraten sie folgende Prinzipien: Ein Teilreservesystem wirke sich positiv auf die Wirtschaft aus und sei auch rechtlich zulässig. Ein ideales Geldsystem erlaube eine Ausdehnung der Geldmenge je nach den Bedürfnissen von Handel, Bevölkerungsentwicklung und Wirtschaftswachstum. Damit vertraten sie letztlich die Kernidee des ersten Papiergeldbankrotteurs John Law (1671 – 1729). Die Geldmengenexpansion würde keine inflationären Effekte oder Verzerrungen in der Produktionsstruktur auslösen.
Fullarton formulierte hierzu das sogenannte „Reflux-Gesetz“ von Banknoten und Krediten. Das Gesetz besagt, dass eine Kreditexpansion in Form von Geldschöpfung der Geschäftsbanken durch Banknoten keine Gefahr darstellt, weil diese für Güter und Dienstleistungen in das System injiziert werden. Wenn die Wirtschaft mehr Zahlungsmittel benötigt, verlangt sie nach mehr Krediten, und wenn sie weniger braucht, werden die zurückgezahlt und fließen an die Banken zurück. Für negative Effekte der Kreditexpansion besteht kein Raum.

Demontage des Reflux-Prinzips

In der vielschichtigen Debatte zwischen Currency und Banking School erkannte der britische Offizier und Inhaber der Zeitung“ Globe“ Robert Torrens (1780 – 1864) den Konstruktionsfehler des „Reflux-Prinzips“, nämlich die Notwendigkeit einer verzugslosen Rückzahlung aller Kredite. Sobald jedoch ein zeitliches Intervall zwischen der Kreditvergabe und der Rückzahlung zugelassen wird, ist eine praktisch unbegrenzte Geldschöpfung mit allen Konsequenzen für Konjunktur und Geldwert die unweigerliche Folge.
Das liegt an einem Sachverhalt, den der spanische Ökonom Jesus Huerta de Soto (1956 – ) wie folgt erläuterte: Eine Bank gewährt einen Kredit stets als Gegenwartsgut für ein zukünftiges Gut. Da Banken das Gegenwartsgut bei ungedeckter Geld- und Kreditschöpfung aus dem Nichts schaffen, gibt es für diesen Produktionsprozess nur eine natürliche Schranke: eine begrenzte Menge an Zukunftsgütern. Das ist aber nicht der Fall wie Ludwig von Mises (18881 – 1973) aufgezeigt hat. Tatsächlich können Banken Kredite nahezu unbegrenzt erzeugen, auch dadurch, dass sie einfach den Zinssatz für weitere Kredite absenken. Zudem können Kreditnehmer ihren Kredit mit einem neuen Kredit begleichen, also mit frisch geschöpften Geld derselben oder einer anderen Bank. Auf diese Weise wird ein Zukunftsgut durch ein Zukunftsgut geschaffen.

An dieser Stelle seien noch andere Merkwürdigkeiten der Banking-Schule angemerkt. Ihre Anhänger vertraten die Meinung, dass Banken keine überexpansive Noten- und Kreditausgabe tätigen können. Selbst wenn sie es täten, hätte das weder eine preissteigernde Wirkung noch würde ein Konjunkturzyklus ausgelöst. Selbst wenn diese Meinung zuträfe, lautet die nahe liegende Frage: Warum führen wir dann kein Free Banking ein? Das Privileg eines Notenbankmonopols erscheint völlig überflüssig. Die berühmte Antwort von Thomas Tooke (1774 – 1858) lautete: „Freihandel im Bankgewerbe ist synonym mit Freihandel im Schwindeln.“ Der Ökonom und Ideenhistoriker Murray N. Rothbard (1926 – 1995) kontert diese Ansicht in seiner zweibändigen Geschichte ökonomischen Denkens: Wenn dem so ist, warum um Himmels Willen ist dann ein staatliches Monopol für den Schwindel die Lösung und nicht, was eigentlich geboten wäre, der Wettbewerb?

Ein Blick auf Deutschland

In Deutschland waren nur wenige Ökonomen von der Banking School beeinflusst. Die meisten hingen der Currency School an, darunter Philip Joseph Geyer, der mit seinem Traktat „Banken und Krisen“ von 1865 einen wichtigen Beitrag zur späteren Österreichischen Schule lieferte. Geyer wies darauf hin, dass ungedeckte Banknoten künstliches Kapital in die Wirtschaft injizieren. Sobald das künstliche Kapital das natürliche Kapital übersteigt, würden Überinvestitionen und Überproduktion eine Krise herbeiführen. Ein anderer Vertreter ist Johann Louis Tellkampf (1808-1876). Er kam in seinen Untersuchungen zu dem Schluss, dass eine strikte 100-Prozent-Volldeckung für alle Banknoten gelten müsse. Eine Zentralbank sollte das überwachen. Schließlich sei auf eine geringe Zahl von Free Banking Anhängern hingewiesen, darunter Otto Hübner, der das mehrbändige, empirische Überblickswerk „Die Banken“ verfasste und führend in der Freihandelspartei wirkte.

Sieg und Niederlage der Anhänger wertbeständigen Geldes

Leider haben die Anhänger der Currency School eine Reihe schwere Fehler begangen. Ihre Forderung nach einer Volldeckung hätte nicht nur für Banknoten, sondern insbesondere für alle Depositen und somit auch Buchgeldguthaben gelten müssen. Außerdem konnten sie ihre gute Geldtheorie nicht mit einer Theorie des Konjunkturzyklus verknüpfen. Eine Ursache liegt in dem naiven Glauben an die Neutralität des Geldes, der auch heute noch verbreitet ist. Schließlich setzten sie sich fälschlicherweise für eine Zentralbank als Monopolisten für die Geldausgabe ein. In der Folgezeit musste es daher zu Boom und (scharfen) Rezessionen kommen, wodurch die Prinzipien der Currency School an Ansehen verloren. Verdeutlichen kann das die sogenannte „Peel Akte“ von 1844, die trotz des theoretischen Siegs der richtigen Prinzipien der Currency School einen faktischer Sieg der Banking School Auffassungen darstellt.

Immerhin zogen Theoretiker und Praktiker Lehren aus der Debatte, darunter der berühmte Finanztheoretiker Walter Bagehot (1826 – 1877), dessen Prinzipien die Geldpolitik Großbritanniens von 1873 bis zum ersten Weltkrieg beeinflussten. In seinem Buch „Lombard Street“ legte er diese Prinzipien dar. So sollte die Aufrechterhaltung der Goldkonvertibilität das überragende Ziel der  Geldpolitik bilden. Die Vermeidung von Zusammenbrüchen gesunder Finanzinstitute als Folge finanzieller Paniken schloss sich daran an.
Mit dem Ersten Weltkrieg haben Regierungen und Zentralbanken diese Prinzipien aufgegeben, genauso wie die Auffassung Bagehots, dass der Zentralbankzins einen Strafzins für eine teure Finanzierung in der Not darstellen müsse. Insofern dürfen in der Folgezeit auftretende teilweise heftige Inflationsphasen und Konjunkturzyklen nicht verwundern. Parallelen sind erkennbar zu den Inflationsphasen Anfang des 18. Jahrhunderts, mit ihrem Höhepunkt 1814, sowie ab 1825 wiederholt auftretenden Krisen im Finanzsektor, darunter in den 1830er Jahren 1836/37 und 1839.

Geschichte wiederholt sich – vielleicht auch die Debatte über die richtige Geldordnung. Die Zeit ist reif.

Erstveröffentlichung auf www.mises.de

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