Friedrich August von Hayek – Evolution und Wettbewerb der Religionen

Gastbeitrag von Dr. Michael Blume

Angenommen, Sie lebten in einer Welt, in der alles Wissen vorhanden und alle Handlungen rational verbindlich vorherberechnet wären – wären Sie frei? Schon frühe Denker des Liberalismus erkannten, dass eine solche Welt nicht nur praktisch unmöglich wäre – sondern auch logisch unfrei. Denn zur Würde und Freiheit des Menschen gehöre auch, sich selber an letzte Ziele auch außerhalb der rationalen Begründbarkeit zu binden: zum Beispiel Sinn oder Spaß, Zerstreuung oder Erlösung, materiellen Besitz oder Gottesnähe. Nicht zufällig spielte daher der Kampf um Gewissens- und Religionsfreiheit in freiheitlichen Bewegungen immer wieder eine besondere Rolle. Und schon Adam Smith wies in seinem „Wohlstand der Nationen“ dem freiheitlichen Wettbewerb konkurrierender Religionen in einem genialen Kapitel eine wichtige Aufgabe beim Aufbau eines lebendigen Bildungssystems zu.

Was Hayek (nach Smith) erkannte…

Der Wirtschaftsnobelpreisträger Friedrich August von Hayek (1899 – 1992) ging am Ende des 20. Jahrhunderts noch einen Schritt weiter. In seinem lebenslangen Ringen mit sozialistischen und rationalistischen „Planern“ hatte er entdeckt, dass auch die Regeln und Moralvorstellungen von Menschen nicht vorausgeplant, sondern gewachsen waren. Einerseits hatten sich Menschen biologisch auf das Leben in Kleingruppen angepasst – und Sozialisten können bis heute erfolgreich an die Instinkte von Umverteilung und Neid appellieren, die solche Gruppen stabilisierten. In Populationen mit steigender Bevölkerungsdichte evolvierten sie aber darüber hinaus auch komplexere Kulturen, deren bewährte Regeln und Tabus durch Gewohnheit und Religion abgesichert wurden. Was nach marxistischer Doktrin nur eine List des Klassenfeindes war, erwies sich laut Hayek als ein natürliches Ergebnis biokultureller Evolution: Wie auf den Feldern von Sprachen oder Musiken auch entstünden ständig unzählige, religiöse Varianten – aber keine religiöse Gruppe überlebte auf Dauer, wenn sie nicht wirtschaftlich und demografisch erfolgreich wäre. Sich selbst als Agnostiker verstehend, warf er daher religionskritischen Intellektuellen vor, sie würden verspotten, was sie nicht verstehen: komplexe Gesellschaften benötigten auch religiöse Anbieter. Und auch Kirchen, die sich mit dem Staat gegen Wettbewerber verbündeten, unterdrückten damit jede wettbewerblich-evolutionäre Dynamik im Bereich der Religion und Demografie.

Was die Wissenschaft lange verkannte…

Seinen ersten Vortrag zum Thema („Die überschätzte Vernunft“) hatte Hayek 1982 in Schloss Kessheim gehalten und sein letztes Buch („The Fatal Conceit“) mit einem eigenen, hervorragenden Kapitel zur Evolution der Religionen beschlossen. Doch nur ein einziger Theologe, Oberrabbiner Jonathan Sacks, griff es in seiner berühmten Hayek-Vorlesung „Morals and Markets“ von 1998 auf – und erkannte prompt sein Potential. Dennoch blieb der freiheitliche Entwurf lange weitgehend unbeachtet – bis in die jüngste Zeit…

Hayek hatte Recht!

In den vergangenen Jahren haben immer mehr Wissenschaftler verschiedenster Disziplinen – von Neuro- und Evolutionsbiologen über Soziologen und Ökonomen bis zu Demografen, Theologen und Religionswissenschaftlern – begonnen, die Evolution von Religiosität und Religionen genau so empirisch zu erforschen wie zuvor schon die Evolution von Sprachfähigkeit und Sprachen bzw. Musikalität und Musikstücken. Und dabei zunehmend entdeckt, dass die freiheitliche Wettbewerbstheorie nach Smith und Hayek diesen Prozess biokultureller Evolution hervorragend beschreiben kann. So gehen gerade in religionsfreiheitlichen Gesellschaften wie den USA die meisten Religionsgemeinschaften schnell wieder ein – jene aber, die über Generationen hinweg bestehen, tun dies durch Eigenverantwortung, den Aufbau selbst verantworteter Institutionen und kinderreiche Familien („reproductive advantage“).

So mag mancher über die wissenschaftliche Weltanschauung beispielsweise der bis heute deutschsprachigen Amischen (oder Hutterer, oder Mormonen etc.) schmunzeln: Aber dass die Amischen für die Religionsfreiheit Verfolgungen und schließlich Auswanderung auf sich nahmen, in den USA das Recht auf Gewaltlosigkeit, ein eigenes Schul- und Sozialsystem errangen, staatliche Subventionen erfolgreich ablehnen und sich trotz des Missionsverzichtes aufgrund hoher Kinderzahlen derzeit alle 15 bis 20 Jahre zahlenmäßig verdoppeln, erweist sich für Biologen wie Kulturwissenschaftler als Entdeckung und sollte aufmerksame Zeitgenossen generell interessieren. Andere Studien erkunden, warum die sozialistischen Kibbutz-Gründungen in Israel erstarben, die religiösen aber weiterhin erblühen. Warum sich Frauen quer durch die Kulturen häufiger religiös im Ehrenamt engagieren. Wie und warum sich religiöse Signale in spieltheoretischen Experimenten auswirken. Warum fundamentalistische Anbieter am religiösen Markt oft erfolgreicher sind als „aufgeklärt-unverbindliche“ Kirchen.

Bedrohung oder Verbündete der Freiheit?

Sicher ist: Weltweit, quer durch alle Nationen, die Studien zulassen, weisen religiöse Menschen durchschnittlich stabilere Sozialbeziehungen und größere Familien auf als ihre säkularen Nachbarn auch gleicher Bildungs- und Einkommensschichten. Säkularisierung findet statt, aber säkulare Populationen implodieren demografisch, bislang ohne Ausnahme. Werden Religionen auch in Zukunft für Unterdrückung und Terror herhalten und sich dabei selbst ruinieren, wie im Iran? Oder werden sie als Akteure der Zivilgesellschaft im friedlichen Wettbewerb Freiheitsräume erringen und ausfüllen, wie in den USA? Hayek schloss sein „Fatal Conceit“ mit dem Satz, dass sich an religionspolitischen Fragen „das Schicksal unserer Zivilisation“ entscheiden könne. Auch dabei hatte er wohl Recht…

Über den Autor:

Dr. Michael Blume ist Religionswissenschaftler und Mitglied im internationalen Forschernetz „Evolutionary Religious Studies“. Gemeinsam mit dem Biologen Rüdiger Vaas verfasste er zum Darwinjahr „Gott, Gene und Gehirn. Warum Glaube nützt. Die Evolution der Religiosität“, Hirzel 2009, in dem der Forschungsstand vorgestellt wird. Homepage: www.blume-religionswissenschaft.de

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9 Antworten zu “Friedrich August von Hayek – Evolution und Wettbewerb der Religionen

  1. Herr Blume,

    darf ich Sie bitten, die Hypothese „Weltweit, quer durch alle Nationen, die Studien zulassen, weisen religiöse Menschen durchschnittlich stabilere Sozialbeziehungen und größere Familien auf als ihre säkularen Nachbarn auch gleicher Bildungs- und Einkommensschichten.“ mit Belegen zu untermauern?

    Ebenso bin ich gespannt, wie Sie die Behauptung „komplexe Gesellschaften benötigten auch religiöse Anbieter“ begründen.

  2. Benjamin B. : Ich glaube „stabile Sozialbeziehungen“ sind nicht so leicht empirisch nachzuweisen. Aber dass religiöse Menschen im Schnitt mehr Kinder haben, ist wohl nicht zu bestreiten.

    http://www.focus.de/politik/deutschland/deutschland_aid_52269.html

  3. @ Benjamin B.

    Sehr gerne. Eine neuere Studie (mit Auswertungen weltweiter Daten des World Value Survey und der Schweizer Volkszählung) finden Sie hier:
    http://www.blume-religionswissenschaft.de/pdf/ReproductiveReligiosityBlume2009.pdf

    Und einen Überblick über entsprechende Studien auch zahlreicher anderer Demografen verschiedenster Länder & Erdteile finden Sie auch hier:
    http://www.blume-religionswissenschaft.de/english/wrrr.html

    Im Buch finden sich natürlich viele weitere Studien und Befunde, u.a. zu Kooperationsexperimenten, Erfolgsvergleichen säkularer und religiöser Gemeinschaften etc.

    @ Gladstone

    Vielen Dank!

    Focus hatte übrigens auch schon direkt über diese Forschungen hier berichtet:
    http://www.focus.de/wissen/wissenschaft/evolution/evolution-fruchtbarer-glaube_aid_388876.html

    Beste Grüße!

  4. Gladstone,

    die verlinkte Statistik scheint aber Bildung und Einkommen nicht zu berücksichtigen. Sie vergleicht pauschal alle Muslime mit allen Katholiken etc. Dazu möchte ich doch wissen, wer z.B. alles als Katholik gilt (Ob das nicht glaubende Kirchenmitglied nun als Katholik gezählt wird oder nicht). Des weiteren sind die Kategorien breit gefasst (Es gibt Schiiten, Sunniten etc.) und manche gibt es gar nicht (Wiccas, Buddhisten).

  5. Das ist ja auch ein sehr kurzer Artikel. Da müsste man sicher tiefer einsteigen. Aber darüber ist ja vor einigen Jahren auch schon anderen Orts intensiver berichtet worden, ich erinnere mich an ein Interview in der Welt und Artikel in der FAZ.
    Halten Sie es denn für so unplausibel, dass gläubige Katholiken und Muslime höhere Geburtenraten aufweisen als Religionsferne. Ich möchte das gar nicht positiv oder negativ bewerten, aber das entspricht durchaus meiner Erfahrung.

  6. Gladstone,

    Nein, dass sehr Religiöse tendenziell höhere Geburtsraten haben als Ungläubige halte ich gar nicht für unplausibel. Aber ich wollte einfach ein paar detailliertere Zahlen haben, da ich zu starke Verallgemeinerungen (z.B. die Durchschnittsgeburtrate aller Christen) für wenig aussagekräftig halte.

    Herr Blume,

    vielen Dank für die Links. Ich werde das Material mal durchgehen.

  7. Herr Blume,

    zählen atheistische Juden in der zitierten Statistik zur Gruppe Jewis oder zur Gruppe Non-Affiliated?

    Mir ist auch unklar wie der Schluss„Schon aus demografischen Gründen dürfte der religiöse Grundwasserspiegel in Europa weiter steigen.“ aus der Beobachtung, dass Religiöse mehr Kinder haben, folgt. Dies wäre der Fall, wenn die Kinder jeweils den Glauben der Eltern übernehmen. Doch dies ist schlicht nicht so.

    Ebenso habe ich keinen Beleg für die Behauptung gefunden, dass „religiöse Menschen durchschnittlich stabilere Sozialbeziehungen“ aufweisen.

  8. Lieber Benjamin B.,

    die Schweizer Volkszählung unterscheidet nach Selbstangaben: Wer sich selbst je als Jude, katholischer Christ oder konfessionslos einschätzt, wird auch entsprechend gezählt. Speziell zur Demografie von säkularen, konservativen und orthodoxen Juden (deren Kinderreichtum derzeit die politische Landschaft Israels verändert) forscht z.B. Eric Kaufmann:
    http://www.scilogs.eu/en/blog/biology-of-religion/2009-10-06/eric-kaufmann-religious-demography-in-political-studies

    Kinder übernehmen von ihren Eltern sowohl Gene wie auch (teilweise) religiös-kulturelle Prägungen. Noch in keinem Land (nicht mal in Nordkorea) ist Religiosität je ausgestorben, sie wuchs bislang stets (ggf. in neuen Formen) demografisch nach. Dies dürfte m.E. auch für das 21. Jahrhundert zutreffen.

    Zu Sozial- und Gemeinschaftsbeziehungen, Scheidungsraten, Spendenbereitschaft etc. haben wir einschlägige Studien im Buch verarbeitet. Einige Daten finden Sie z.B. auch hier:
    http://www.blume-religionswissenschaft.de/pdf/BlumeBGAEUEvolutionsgeschichteReligion.pdf

    F.A. von Hayek hatte Recht: Erweiterte Ordnungen kommen (schon demografisch) nicht ohne religiöse Anbieter aus und religiös vergemeinschaftete Menschen verzeichnen im Durchschnitt einen „reproductive advantage“.

    Heute fahre ich auf eine Tagung in die Schweiz zum Thema:
    http://www.unifr.ch/theo/downloads/rf-2009-programm.pdf

    Sonntag stehe ich dem „freiheitsblog“ aber gerne wieder für Fragen zur Verfügung!

    Danke für Ihr Interesse, herzliche Grüße

  9. Herr Blume,

    Vielen Dank für die Links. Momentan habe ich keine Fragen mehr. Wie sich die religiöse Zusammensetzung ändert, das werden wir in den nächsten Jahren und Jahrzehnten selber sehen. Sozusagen als Live-Test Ihrer Hypothesen.

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