Brüssel und der Browser-Krieg

Steffen Hentrich

Computernutzer sind von Natur aus träge, sie wollen ihren Rechner hochfahren und sich oft nicht viel Zeit für die Suche nach Software verschwenden. Am besten es ist alles fix und fertig an Bord, weshalb Anbieter von Betriebssystemen den Nutzwert der Software mit allerlei gratis erscheinenden Dreingaben erhöhen. Daher waren auch die Wettbewerbshüter der EU der Meinung, man müsse den Softwareriesen Microsoft dafür bestrafen, dass er die Nutzer seines beliebten Betriebssystems Windows nicht zum Jagen nach einer kostenlosen Alternative zu dem ins System integrierten Internetexplorer getragen hat.

Obwohl schon vor mehr als zehn Jahren die Dominanz des Internetexplorers im Wettbewerb mit den technisch zumeist überlegenen Wettbewerbern zu schwinden begann und bereits vor 5 Jahren nur noch gut zwei Drittel der Internetnutzer mit dem Marktführer surfte, strengten sich die europäischen Wettbewerbshüter ein Verfahren wegen unfairer Geschäftspraktiken gegen Microsoft an. Heute, wo Microsofts betriebssystemeigener Webbrowser gerade noch von einem Viertel der Webuser genutzt wird, erscheint die Strafe von mehr als einer halben Milliarde Euro geradezu wie eine Farce.

Zu keiner Zeit war es auch für den unbedarftesten Computernutzer ein echtes Problem die aggressiv beworbenen und von den Medien immer wieder empfohlenen Browser der Konkurrenz zu installieren. In keinem Markt außer bei Betriebssystemen gilt es als unfair, wenn ein Anbieter eines Produkts darauf verzichtet zugleich Werbung für die Produkte des Wettbewerbers macht. Niemand, so ein mir bekannter Facebook-User, nimmt daran Anstoß, wenn der Kneipenwirt den Gästen vorschreibt, welche Biersorte sie bestellen dürfen und welche nicht. Aber auch auf den verschiedenen Betriebsystemplattformen von Microsofts Wettbewerbern, die mehr und mehr an Marktanteil internetfähiger Computer gewinnen, wird den Nutzern keine Browseralternative zur Wahl gestellt. Man wird also den Verdacht nicht los, dass es die EU darauf abgesehen hat zur Finanzierung ihrer Ausgaben willkürlich die Gewinne marktbeherrschender Unternehmen abzuschöpfen.

Dass damit der Wettbewerb angekurbelt wird, mag indes bezweifelt werden. Microsoft kann seinen ohnehin schon hohen Marktanteil nur noch erhöhen, wenn es sein Betriebssystem billiger oder besser als die am Markt verfügbaren Alternativen macht. Wenn jetzt die Konkurrenten gratis für die Qualitätsverbesserung sorgen, dann heißt das nur, dass sich der Druck auf Microsoft reduziert, selbst Hand an sein Betriebssystem zu legen oder die preise zu senken. Stattdessen steigern die vielen guten Browser-Alternativen die Zahlungsbereitschaft der Verbraucher für das Windows-Betriebssystem. Vielleicht kann der Softwareriese deshalb die Strafe verkraften?

6 Antworten zu “Brüssel und der Browser-Krieg

  1. Welche Browser wurden denn “aggressiv beworben”? Doch höchstens der IE selbst.

    Es ist allerdings eine Ironie der IT-Geschichte, dass der IE nie so wenig genutzt wurde wie jetzt, wo er so gut wie nie zuvor ist. Hätte MS rechtzeitig in die Qualität seines Produktes investiert, statt nur auf die Bündelung zu setzen, wäre es vielleicht anders gelaufen. Der eigenartige Auswahlbildschirm dürfte jedenfalls nicht viel gebracht haben: Wer wusste, worum es sich bei den anderen Produkten handelt, hätte die wahrscheinlich zu einem hohen Prozentsatz eh noch installiert. Und wer es nicht wusste, dürfte die Finger davon gelassen haben.

    Der Deal mit der EU-Kommission sollte also für MS in dieser Hinsicht weitgehend unschädlich gewesen sein. Um so unverständlicher, dass man das Risiko einging, ihn zu brechen, wofür es jetzt die Strafzahlung gibt.

    • Steffen Hentrich

      Medienberichte über konkurierende Browser gibt es seit Jahren und ich kenne kaum User, die aus Unkenntnis über Alternativen nicht tätig wurden. MS ist seinem eigenen Erfolg zum Opfer gefallen, weshalb eine Verfolgung durch die Wettbewerbshüter völlig überflüssig war und dem Verbraucher auch nicht mehr als höhere Kosten eingebracht hat.

  2. Mit Ihrer Annahme haben Sie die Realität auf den Punkt getroffen. Die EU-Kommission entlarvt sich immer als das, was sie ist, eine kriminelle Vereinigung.
    Da die Kommission ja eigentlich nur Vollstrecker des Willens der EU-Regierungen zu sein hat, gibt es zwei Möglichkeiten der Interpretation. Die eine wäre, die EU-Kommission hat sich längst verselbständigt. Eine Sicht, die man an den meisten ihrer “Entscheidungen – sie haben ja eigentlich keine zu treffen – erkennen kann, die andere, die EU-Regierungen haben der Kommission den Auftrag zu dieser Maßnahme erteilt, um den Geldhunger dieses überflüssigen Konstrukts zu stillen, selbst aber außen vor bleiben zu können.
    Dass der EU-Gerichtshoff dem Antrag folgen wird, dürfte bei der Konstruktion dieser abgeglittenen Konstruktion namens EU selbstverständlich sein.
    Es ist ein Jammer, dass die Europäer offensichtlich nicht fähig sind, einen demokratischen Staatverbund zu bilden. Immer gleitet es in feudale Strukturen ab. Ein Faktum, das sich durch die Geschichte der letzten 2.000 Jahre zurückverfolgen lässt.
    Ganz offensichtlich besteht bei den Europäern einer fataler Hang zum Feudalismus bis hin zur Diktatur. Nur dort fühlt man sich offenbar wohl.
    Ich bin ein überzeugter Europäer. Aber auf keinen Fall eines Europas, wie es sich derzeit darstellt. Ich bevorzuge ein Europa des Wettbewerbs untereinander. Eines Wettbewerbs, der selbstverständlich auch alle demokratisch nachvollziehbaren wirtschaftlichen Allianzen zulässt, der aber jedem einzelnen Mitglied die Autonomie gibt, über seine ihm am besten gerecht werdenden Wirtschafts- und Sozialsysteme zu entscheiden, wozu unabdingbar das Haushaltsrecht und damit auch die Haushaltsverantwortung gehört.
    Eine solche Gestaltung würde die Kosten des derzeitigen Molochs auf einen Bruchteil, vielleicht ein Zehntel der jetzigen Kosten reduzieren, was für alle Mitglieder nur Vorteile bringen würde.

  3. In der Tat wird der Wettbewerb durch das strafende Verhalten der Brüsseler Funktionäre eher behindert als gefördert.

    Da liegt denn auch die crux all der Brüsseler Aktivitäten:

    Astronomisch teure und komplett überbesetzte Verwaltung (dazu gehört auch das sogenannte, aber nicht als solches legitimierte und auch nicht so agierende EU-Parlament) stellt im Kampf um eigene Existenzberechtigung hyperaktivistischen Blödsinn an – und das am laufenden Band.

    Diesen Luxus kann sich schon jetzt kein Mensch in Europa mehr leisten.
    Daher ist eine Rückbesinnung auf das Notwendige dringlichst geboten: menschenfreundliches Regieren in jedem einzelnen Land.
    Und das ist schon schwer genug.

  4. Reiner Vogels

    Ich kann mich den Ausführungen hinsichtlich der Einschätzung der zutiefst antidemokratischen EU-Kommission inhaltlich nur anschließen.

    Die größte Bedrohung, die heutzutage für unsere freiheitlich-demokratische Grundordnung besteht, sind nicht in ein paar glatzköpfinge Idioten am rechten Rand.

    Auch die immer wieder militanten und gewalttätigen Linksextremisten, die z.B. regelmäßig zum 1. Mai in Berlin ihre Visitenkarte abgeben oder die rechtskräftig genehmigte Castor-Transporte durch kriminelle Sabotage der Schienenwege behindern, sind keine wirkliche Gefahr für unsere Demokratie. Zu ihrer Bekämpfung genügen die nach wie vor gut organisierten Strafverfolgungsbehörden in unserem Land.

    Die größte Gefahr für die Demokratie geht von der EU und ihrer Prätorianergarde, der EU-Kommission aus.

    Dabei ist der Fall IE-Explorer ein Indiz für den völlig realitätsfernen Größenwahn der EU-Kommission. Es geht ihr und dem EUGH nicht um ein normales Kartellverfahren gegen eine missbräuchliche Ausnutzung von marktbeherrschender Stellung – die Argumente dafür sind so fadenscheinig, dass sie nur lachhaft sind – sondern es geht um einen Wirtschaftskrieg, den die europäischen Behörden gegen ein führendes US-Unternehmen vom Zaun gebrochen haben.

    Offensichtlich wurmt es die planwirtschaftlich ausgerichteten EU-Bürokraten, dass trotz der mit viel Tam-Tam von ihnen propagierten 7-Jahrespläne für die EU, die sie zur wettbewerbsfähigsten Region der Welt machen sollten, es am Ende doch immer wieder US-Unternehmen sind, die in den neuen Technologien die kreativsten und erfolgreichsten sind . Siehe Microsoft, Amazon. Faceboot, Apple. Das wollen die Europäer nicht auf sich sitzen lassen und deshalb spielen sie ein Foulspiel nach dem anderen.

    Hochmit kommt bekanntlich vor dem Fall. Die Amerikaner werden in geeigneter Weise antworten. Niemand soll ihre Stärke unterschätzen. So mancher, der in den letzten 100 Jahren Amerika unterschätzt hat, hat sich eine blutige Nase geholt.

    Die USA werden noch lange die stärkste Wirtschaftsmacht der Welt sein. Ihr Vorsprung wird sich durch die moderne und zukunftsorientierte Energiepolitik (Fracking, Kernkraft der 4. Generation) noch vergößern, während sich die Energiewende in Deutschland wie Mehltau über die Wirtschaftskraft ganz Europas legen wird. Die Amerikaner werden Mittel und Wege finden, die überhebliche Eurokratie für ihr unfaires Spiel zahlen zu lassen.

  5. Der IE hat wachsende Marktanteile und ist doppelt so beliebt wie alle anderen Browser. Nur in Europa ist das nicht so. Siehe http://www.netmarketshare.com/

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