Gesundheitssystem der USA besser als behauptet

Steffen Hentrich

Das Gesundheitssystem der USA wird immer wieder als schlechtes Beispiel genannt. Teuer, ungerecht und schlechte Qualität lautet das Verdikt seiner Kritiker. Doch die Statistik trügt, wie Scott Atlas, Senior Fellow at Stanford University’s Hoover Institution, in einem Gespräch mit Russel Roberts bei Econtalk über sein Buch In Excellent Health erläutert. Korrigiert man nämlich das Ranking der durchschnittlichen Lebenserwartung der OECD-Staaten um Selbstmordopfer und unmittelbar bei Verkehrsunfällen getötete Menschen, steigt die USA von Platz 37 auf Platz 1 auf. Und das obwohl die für die mittlere statistische Lebenserwartung sehr wichtige Säuglingssterblichkeit in diesem Land so hoch ist, weil die amtliche Statistik anders als in anderen Industrieländern  Fehlgeburten sehr schnell als Todesfälle erfasst. In keinem anderen Land der Welt ist die Überlebensdauer schwerer Krebserkrankungen so hoch wie in den USA. Besonders häufig wird beklagt, dass in den USA so vielen menschen ein Versicherungsschutz fehlt. Vielen Kritikern ist jedoch nicht bewusst, dass der allergrößte Teil der Nichtversicherten eigentlich anspruchsberechtigt  auf Medicaid, dem staatlichen Gesundheitsfürsorgeprogramm für Einkommensschwache, ist, jedoch am Papierkram bei der Beantragung scheitert. Zweifelsohne hat das amerikanische Gesundheitssystem ein Bürokratie- und Kostenproblem, denn allzu oft werden eigentlich unnötige Behandlungen mit geringer Wirkung vorgenommen, weil auf dem überregulierten Gesundheitsmarkt zu wenig Anreize zur Kostenkontrolle bestehen. Doch der von Gesundheitsplanern allzu gern instrumentalisierte Vorwurf von Ungerechtigkeit und schlechter Qualität gehört eindeutig ins Reich der politisch opportunen Mythen.

6 Antworten zu “Gesundheitssystem der USA besser als behauptet

  1. Das überrascht mich nicht.
    Bei der ganzen Obamacare-Diskussion ging es ja eigentlich nur darum was mit den 10% der Bevölkerung passiert, die ihre Krankenversorgung nicht über eine Krankenversicherung abwickeln. Die Qualität des Systems wurde nicht kritisiert, die 90% Versicherten sind ja wohl auch recht zufrieden.

    Und das Bürokratieproblem wird bestimmt noch lange nicht so schlimm sein wie bei uns – angeblich sind in Deutschland mehr Menschen mit der Abrechnung/Verwaltung des Gesundheitssektors beschäftigt als mit der Leistungserbringung.

  2. Was ich nicht verstehe: Wieso die Korrektur um Selbstmord- /Autounfall-Opfer so einen Unterschied machen soll. Beide Quoten werden doch in den USA nicht wesentlich höher sein als in den 36 Staaten, die sie jetzt auf der Rangliste überholt haben?

    Sieht mir eher danach aus, daß die ersten 37 Staaten ganz dicht beieinander liegen und deswegen die Reihenfolge ziemlich nebensächlich ist.

  3. Manchmal überraschend wie einfach man doch mit der ebenso schlichten wie stets sich als zutreffend weisenden Formel “staatliches Handeln ist des Teufels” der Wahrheit auf die Spur kommt.

    So auch bei dem Urteil über das US-Gesundheitssystem mitsamt seiner Überfrachtung durch staatliche Regularien.

    Bleibt zu hoffen, daß die Verschlimmbesserung durch Nr. 44 abgeschafft und das alte System von unnötiger Regulation entschlackt wird, damit es den Menschen gut gehen kann. Nr. 45 wird dafür sorgen – ganz sicher.

  4. @R.A.

    Und das Bürokratieproblem wird bestimmt noch lange nicht so schlimm sein wie bei uns – angeblich sind in Deutschland mehr Menschen mit der Abrechnung/Verwaltung des Gesundheitssektors beschäftigt als mit der Leistungserbringung.

    Der Unterschied wird darin bestehen, was der Patient merkt. In den USA muss er wohl selbst Formulare bearbeiten, während in Deutschland durch sie vor allem die Leistungserbringer von der Arbeit abgehalten werden.

  5. Viele, die in den USA behandelt wurden, kennen die Qualität – aber auch die Kosten des Systems. Wenn man Geld (oder eine ausreichende Versicherung) hat, ist die Behandlung zweifelsohnen ausgezeichnet – mindesten so gut wie in Deutschland und sogar noch besser in vielen Fällen.

    Es ist aber für eine Gesellschaft beschämend, dass eine Minderheit seiner Bürger/innen keine Möglichkeit hat, medizinisch behandelt zu sein. Zware bietet Medicare eine Möglichkeit. Die Formulare sind umfangreich und verlangen viele intimen Details über die Lebensverhältnisse. Viele der Nicht-Versicherten gehen eine reguläre Arbeit nach. Ihre Arbeitgeber haben aber keinen Versicherungsplan oder nehmen den Arbeitnehmer auf Grund von bestehenden Krankheiten nicht auf.

    Aus Deutschland kennen wir auch die Problematik der an sich Anspruchsberechtigte, der die Leistungen auch für ihre Kinder auf Grund von Schamgefühl nicht in Anspruch nimmt. Nichts anders ist der Fall in den USA. Das ist für die amerikanische Gesellschaft skandalös und kostet sie auch Geld durch den Ausfall von Arbeitskräften.
    .

    • Steffen Hentrich

      Wenn Sie dem Podcast aufmerksam zuhören, dann werden Sie genau Ihre Beobachtung dort bestätigt sehen. Skandalös ist jedoch bestenfalls, dass der Staat die menschen in ein bürokratisches Gesundheitssystem zwingt, dass genau wegen seiner Überregulierung keine kostengünstigen alternativen zulässt.

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