Die meisten Innovationen sind nicht patentiert

Steffen Hentrich

Ist Innovation ohne den Schutz “geistigen Eigentums” nicht denkbar? Ganz im Gegenteil, schaut man sich die Modeindustrie oder die Welt der Kochrezepte an. Aber auch andere Wirtschaftszweige begannen nicht erst innovativ zu werden als neue Ideen patentierbar wurden. Professor Alex Tabarrok, Autor des Buches “Launching the Innovation Renaissance: A New Path to Bring Smart Ideas to Market Fast” und Blogger bei Marginal Revolution, zweifelt, ob Patente der richtige Innovationsmotor sind.

13 Antworten zu “Die meisten Innovationen sind nicht patentiert

  1. Selbstverständlich gilt auch in der Modeindustrie prinzipiell das Urheberrechte. Allerdings ist die Schaffenshöhe bzw. das Innovationspotential dort so gering, daß niemand ernsthaft versucht, Rechtsschutz für ein bestimmtes Schnittmuster zu erlangen. Die Situation ist vergleichbar mit Trivialpatenten, die (in Deutschland) ebenfalls keinerlei Aussicht auf Schutz haben.

    Der relevante Rechtsrahmen in der Modeindustrie ist übrigens das Markenrecht. Markenrechte von Modefirmen werden mit allen Waffen verteidigt, die die eigenen Anwälte aufzubieten haben.

    Technische Innovationen in der Bekleidungswirtschaft unterliegen selbstverständlich dem normalen Patentschutz. Das ist zugleich auch der Bereich mit den größten Innovationen. Sicher kein Zufall.

    • Steffen Hentrich

      Herr Tabarrok redet über die USA und nicht über Deutschland oder Europa.

      • Ja, ich auch.

      • Steffen Hentrich

        Nun, ich kann mir kaum vorstellen, dass Herr Tabarrok seinen Lesern hier einen Bären aufbindet. Dass hätte wohl schon längst zu Widerspruch aus Fachkreisen geführt.

      • Steffen Hentrich

        Mit Markenschutz lassen sich Marken, jedoch keine Schnitte schützen. Dass Patente auch in der Textilindustrie unterm Strich keine Innovationen fördern, ist des Buches von Mr. Tabarrok und kann nicht wie eine Selbstverständlichkeit mit Ad hoc Argumenten angenommen werden.

  2. Man kann sich einfach mal eine beliebige patentgetriebene Branche und die Modeindustrie in den letzten x Jahren anschauen und gucken, wo es mehr Innovation gab. Das Ergebnis wird immer sehr eindeutig sein.

    Tabarrok verwechselt Innovation mit Variabilität.

    • Steffen Hentrich

      Das setzt voraus, dass Sie über einen vernünftigen Indikator verfügen, der Innovation von “Variabilität” unterscheidet. Den haben Sie nicht vorgelegt, Tabarroks Aussagen hingegen bauen auf den Ergebnissen der Innovations- und Patentforschung der vergangenen Jahre. Das werden Sie merken, wenn Sie sich mit dem Buch und der dort verarbeiteten Literatur naher auseinandersetzen.

      • O.K., der Mann hat recht. Die Modewirtschaft ist innovativer als die IT oder der Maschinenbau. Aber immer noch nicht so innovativ wie die Malgruppe im Kindergarten nebenan, die produziert ständig noch viel ungewohntere Farbmuster.

  3. Und Herr Hentrich, die Grenze zwischen Innovation und Variabilität ist natürlich nirgendwo fest definiert, wird aber ständig von Gerichten gesetzt. Nur weil Sie Ihren Privatfeldzug gegen Patente führen, können Sie sich die Welt doch nicht so machen, wie es Ihnen gefällt.

    • Steffen Hentrich

      Was Innovation oder Variabilität ist definieren nicht die Gerichte, sondern die Konsumenten und der Wettbewerb auf dem Markt. Es gibt kein objektives Kriterium oder eine technische Größe, die Innovation von Variabilität unterscheidet, sondern den Wertn den neue Produkte und Verfahren auf dem Markt erlösen. Was Gerichte feststellen ist eine subjektive Vorstellung von Konkurrenten, deren Patentanwälten und den Richtern, die meinen Wettbewerb mit den Schranken ihrer Vorstellungskraft versehen zu müssen. Ich führe hier auch keinen Privatfeldzug gegen Patente, sondern für einen Wettbewerb um innovative Ideen ohne die Monopolisierung des Geistes.

    • Steffen Hentrich

      Was mich immer wieder wundert ist, dass die Widerrede gegen Kritiker von Patenten immer wieder an deren Argumenten vorbei geführt wird. Das macht die Debatte unnötig schwierig. Gerade das Patentrecht basiert auf der Prämisse, dass Patente immer und in jedem Bereich Innovationen fordern, auch wenn die empirische Forschung in den meisten Fallen genaus das Gegenteil belegt. Ich empfehle etwa die Lektüre von Boldrin/Levine oder Bessen/Meurer.

  4. O.K., letzter Versuch: Die Entwicklung eines Medikaments ist nun mal teurer als die Entwicklung eines neuen Schnittmusters. Je größer der Investitionsbedarf, desto größer der Patentschutzbedarf. Man sollte auch Backrezepte nicht unbedingt mit z.B. der Flugzeugmaterialforschung vergleichen.

    Daß die Schutzlaufzeiten natürlich dringend reformiert und verkürzt werden müssen, ist allerdings ebenso klar.

    • Steffen Hentrich

      Bingo, da haben wir doch wenigstens ein Argument, genau das auch Tabarrok in seinem Buch bzw. Der Langversion des Videos anspricht. Allerdings sind nicht so sehr die Entwicklungskosten das entscheidene, sondern die Kosten, die notwendig sind, um die Idee nicht nur zu kopieren, sondern auch noch in ein marktfähiges Endprodukt umzusetzen. Deshalb sind auch die Entwicklungskosten kein guter Bewertungsmaßstab für die Schutzwürdigkeit einer Idee. Aus gesamtwirtschaftlicher Sichtweise interessieren nicht die Monopolgewinne einzelner an der Idee, sondern die Gesamtmenge an Werten, die durch den Wettbewerb von Ideen geschaffen werden.

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