Steffen Hentrich
Alternative Heilmethoden stehen vor allem bei Umweltfreunden ganz hoch im Kurs. Aber nicht nur im Kampf gegen Krankheiten, sondern offenbar auch im Umweltschutz soll die “sanfte Medizin” im grünen Lager zum Einsatz kommen. Anders ist die Forderung von Bündnis 90/Die Grünen nach einer Abgabe auf Plastiktüten nicht zu verstehen. Wie auch in der Medizin gilt hier, dass diese Forderung teuer und weitgehend wirkungslos ist.
Stellen Sie sich vor jeder der 81 Millionen deutschen Bürger würde an 365 Tagen im Jahr eine Plastiktüte benutzen und gleich danach in die Mülltonne werfen. Das ergebe knapp 30 Milliarden Tüten oder bei 20 Gramm pro Tüte knapp 600.000 Tonnen Polyethylen. Für deren Herstellung wären rund eine Million Tonnen Rohöl notwendig und beim Verbrennen würden die Tüten etwa eine Million Tonnen Kohlendioxid (1,69 Tonnen pro Tonne Polyethylen) freisetzen.
Das sind alles zunächst recht große Zahlen, doch lohnt es sich sie mit dem Gesamtölverbrauch und den Gesamtemissionen von Kohlendioxid in Deutschland ins Verhältnis zu setzen. Wurden im Jahr 2010 in Deutschland 106 Millionen Tonnen Mineralöl verbraucht, dann macht der Anteil des hier geschätzten Ölbedarfs für Deutschlands Plastiktüten weniger als ein Prozent des gesamten Ölverbrauchs aus. Selbst wenn die Grünen mit ihrer Abgabe das Ende der Plastiktüte einleiten würden, wäre der Einfluss auf den Ölverbrauch in Deutschland marginal. Nicht anders sähe es bei den Kohlendioxidemissionen aus. Nach Angaben des Umweltbundesamtes wurden in Deutschland 2010 gut 831 Millionen Tonnen Kohlendioxid emittiert. Unser fiktiver Plastiktütenverbrauch würde also einen Anteil von 0,1 Prozent der gesamten Kohlendioxidemissionen entsprechen. Wie so häufig wird viel Lärm um nichts gemacht. Zumal es sich bei diesem Rechenbeispiel nur um einen Worst-Case-Vergleich handelt, denn tatsächlich benutzt jeder Deutsche nur 65 statt 365 Plastiktüten pro Jahr. Zudem wird ein Teil der Plastiktüten recycelt, was mit einer deutlichen Reduktion des Ölverbrauchs und der Treibhausgasemissionen verbunden ist. Das macht daher 105.000 Tonnen Polyethylen jährlich, für die man 210.000 Tonnen Rohöl für die Herstellung benötigt und die bei ihrer Verbrennung 178.000 Tonnen Kohlendioxid freisetzen. Also ergibt sich ein Verbrauchsanteil von 0,2 Prozent beim Öl und 0,02 Prozent der Kohlendioxidemissionen. Bei diesen unbedeutenden Größen ist es schleierhaft, welchen realen Einfluss der Kampf der Grünen gegen die Plastiktüte auf Ressourcenverbrauch und Klimawandel haben soll.
Sehr gern wird in diesem Zusammenhang angeführt, dass Plastiktüten zur Vermüllung der Ozeane beitragen und Ursache für den Tot vieler Meerestiere seien. Obgleich das Argument grundsätzlich nicht von der Hand zu weisen ist, dürften deutsche Plastiktüten, die überwiegend geordnet von der öffentlichen Abfallentsorgung verbrannt oder anderweitig verwertet werden und nur ab und zu in der Landschaft landen, auch dazu nur einen verschwindend geringen Beitrag leisten. An der Abschaffung der Plastiktüte in Deutschland werden die marinen Ökosysteme des Pazifik mit Sicherheit nicht vom Müllstrudel genesen.
Doch darum geht es den Grünen offenbar nicht. Auch scheinen sie wenig wert auf einen wirksamen Ressourcen- und Klimaschutz zu legen, wenn sie sich mit großem Aufwand an der Plastiktüte abarbeiten und damit deutschen Verbrauchern ein praktisches und billiges Transportmittel verweigern. Grüne Umweltpolitik scheint schon seit langem zum Ritual verkommen zu sein, bei dem man sich die Ignoranz der Wähler instrumentalisierend auf die Bekämpfung von Wohlstandssymbolen konzentriert. Pragmatischer Umweltschutz, der mit dem geringsten Mitteleinsatz die größten Umweltentlastungen verspricht, müsste symbolträchtige Maßnahmen links liegen lassen und sich auf weniger spektakuläre Dinge konzentrieren. Das jedoch dürfte kaum nach dem Geschmack von Politikern sein. Welcher Wähler lässt sich vom langweiligen Alltag einer Umweltpolitik vom Hocker reißen, die sich lediglich auf einen Ordnungsrahmen beschränkt, der einfach nur die Knappheit der Umwelt für die Märkte sichtbar macht? Der hierfür nötige, extrem niedrige Abgabensatz auf die Plastiktüte würde wohl kaum an ihrer Beliebtheit etwas ändern.
auch wenn du absolut recht hast, bleibt die Ansichtssache ob es sich auszahlt. Ich würde subjektiv meinen, dass 0.2% des Gesamtölverbrauches für ein Gut, das komplett entbehrlich ist (zB wiederverwertbare Tüten), sehr wohl unter Verschwendung fällt.
Ob ein Gut komplett entbehrlich ist entzieht sich einer subjektiven Betrachtung. Man kann konstatieren, dass die Verbraucher bereit sind beispielsweise im Supermarkt 15 Eurocent für eine Tüte zu zahlen und auch im Einzelhandel die auf den Preis umgelegten Kosten nicht zu einem Wettbewerb gegen die Plastiktüte geführt haben. dem entnehme ich einen erheblichen Nutzeffekt für die Verbraucher.