Der biedere Mittelaltermarkt der Grünen

Steffen Hentrich

In einem Kommentar zum Fraktionsantrag zur Stärkung von Regionalprodukten in den Deutschen Bundestag kann man heute lesen:

Je häufiger ein Euro innerhalb einer Region die Hand wechselt, desto mehr Wertschöpfung, qualifizierte Arbeits- und Ausbildungsplätze sowie regionale Entwicklungsperspektiven werden geschaffen.

Was die Grünen hier als originellen Ansatz grüner Regionalpolitik verkaufen, ist eine ökonomische Binsenweisheit, die jedoch, nimmt man sie wirklich ernst, genau das Gegenteil der grünen Politik regionaler Wirtschaftskreisläufe impliziert.

Natürlich entsteht mehr Wertschöpfung, je mehr freiwillige Tauschprozesse zwischen den Bürgern einer Region ablaufen, je häufiger also ein Euro die Hand wechselt. Das liegt in der Natur der Sache freiwilligen Handels, der stets ein Positivsummenspiel ist. Doch in der Natur der Sache liegt auch, dass die Anzahl der Tauschprozesse in einem geografisch eng begrenzten Raum allein aufgrund der vergleichsweise geringen Anzahl von Tauschpartnern relativ gering ist. In dieser Situation kann nur durch eine Vergrößerung des Wirtschaftsraums eine noch größere Anzahl wertschöpfungssteigernder Tauschvorgänge ermöglich werden. Hinzu kommt, dass mit der Anzahl der Tauschvorgänge auch die Fähigkeit zur Arbeitsteilung und Spezialisierung steigt, ein Prozess den einst Adam Smith am Beispiel der Stecknadelherstellung beschrieb, und der auch heute noch im Zeitalter grüner Regionalnostalgie gilt. Je größer der Markt und je größer die Anzahl der Marktteilnehmer umso eher lassen sich Skalen- und Lerneffekte in der Produktion realisieren. Die von den Grünen skeptisch gesehene Massenproduktion erlaubt erst eine möglichst hohe Produktionseffizienz und damit den optimalen Einsatz knapper Produktionsfaktoren.

Das ursprüngliche Ziel der Grünen, ein möglichst effizienter Umgang mit Ressourcen und die Stärkung der regionalen Wirtschaft, lässt sich gerade nicht dadurch erreichen, dass wir in diesem Land mit Fördermaßnahmen wieder die Struktur einer kleinräumigen Mittelalterökonomie fördern, in der jede Region das meiste allein und wenig spezialisiert produzierte. Was damals der Mangel an kostengünstiger Transporttechnik und Informationstechnologien verursachte, soll heute mit Hilfe von Regionalförderprogrammen wiederbelebt werden.  Doch erst die mit der Globalisierung einhergehende Arbeitsteilung und Massenproduktion hat zu den Produktivitätsgewinnen geführt, denen wir unseren heutigen Wohlstand zu verdanken haben. Wohlstand zeichnet sich dabei keineswegs durch eine maximale Anzahl von Arbeitsplätzen mit möglichst hoher Arbeitsbelastung aus, sondern durch das Potential möglichst vielen Menschen das Leben so angenehm wie möglich zu gestalten. Dazu ist es jedoch sehr förderlich, dass sich jeder Mensch zum Broterwerb mit den Tätigkeiten beschäftigt, bei den er mit möglichst geringem Aufwand einen hohen Ertrag erzielt. Der zu erschließende Markt kann daher gar nicht groß genug sein, denn so manch ein seltenes Talent kann auf allzu eng abgegrenzten Märkten nicht die für ein lohnendes Angebot notwendige Anzahl von Abnehmern finden. Erst der überregionale oder gar globale Markt sorgt dafür, dass sich die Investitionen in die individuellen Fähigkeiten möglichst schnell rentieren. Auch für den Umwelt- und Ressourcenschutz gelten diese Zusammenhänge. Effiziente Produktion ist per se umweltschonend, da für den selben Ertrag weniger Ressourcen eingesetzt werden. Sonst würden die Kosten nicht geringer sein. Diese Ersparnisse kompensieren in aller Regel auch den höheren Transportaufwand, der überdies aufgrund der modernen Massengütertransporte nur einen Bruchteil der Umweltbelastungen der Produktion und damit auch des Produkts ausmacht.

Wer wie die Grünen in einer Traumwelt der Subsistenzwirtschaft lebt, die statt auf effiziente Produktionsstrukturen zu setzen, mit dem Vorlieb nimmt, was die karge Kruste und der regionale Markt so hergibt, der ist in einer international stark arbeitsteilig organisierten Ökonomie darauf angewiesen das Rad der Wirtschaftsgeschichte mit Förderprogrammen zurück zu drehen. Schließlich haben die Menschen gelernt globale Wirtschaftsstrukturen für sich zu nutzen. Wer für eine kleine Gruppe von Regionalnostalgikern diese Entwicklung aufhalten will, kann daher kaum darauf bauen, dass die Menschen freiwillig auf den Wohlstand der Globalisierung verzichten. Kein Wunder, dass sich die Wirtschaftskreisläufe nur gegen die Vergabe von Subventionen an die Region fesseln lassen.

Wo aber sollen in einer Ökonomie regionaler Kreisläufe preiswerte und leistungsfähige Technologien herkommen, die nur deshalb so preiswert und hochentwickelt sind, weil sie auf hocheffizienten Fertigungsanlagen in großen Mengen für den Weltmarkt produziert werden? Womit sollen Menschen ihr Geld verdienen, die nicht in der regionalen Landwirtschaft arbeiten, sondern bislang global gehandelte Produkte und Dienstleistungen herstellten? Wenn niemand mehr aus der Region sich mit Gütern von außerhalb der Region versorgt, wird auch von dort keine Nachfrage mehr für Produkte aus der Region kommen. Dann sind Produzenten und Dienstleister auf die Nachfrage aus der eigenen Region angewiesen. Dem Biobauer mag das ein gewisse Zeit lang egal sein, denn essen müssen auch Leute deren Job mangels Nachfrage vom Weltmarkt auf der Kippe steht. Doch mit der Zeit wird es immer weniger Menschen in die immer ärmer werdende Region ziehen, andere werden sie verlassen, weil das Leben jenseits des Dorfes mehr bietet als Biomilch. Spätestens dann kann auch der letzte Landwirt nur noch mit Regionalförderung sein Lebensniveau halten.

Man mag Verständnis für die begeisterte Nostalgie der Fans von beschaulichen Mittelaltermärkten zeigen, auf denen nicht ohne Grund die finsteren Seiten vergangener Zeiten ausgeblendet werden. Immerhin zahlen genug Menschen freiwillig das Eintrittsgeld für ein solches Spektakel. Doch der beschränkte Horizont der Fans von Fördermaßnahmen für regionale Wirtschaftskreisläufe, deren rückwärtsgewandte Wunschvorstellungen ungefragt den Steuerzahler belasten sollen, hat nicht so viel Nachsicht verdient. Wer sich die Selbstbeschränkung einer Subsistenzwirtschaft persönlich auferlegen möchte, der kann das gern tun, und darauf achten, dass für den gedeckten Tisch ausschließlich der Bauer von nebenan den Buckel krumm macht, auch wenn woanders der Acker mit moderner Technik bestellt wird. Aber wenn wirtschaftspolitische Leitbilder der Zeit vor der industriellen Revolution zum Staatsziel erhoben werden, dann sollten bei jedem Menschen mit Sinn für Zukunftsperspektiven die Alarmglocken schrillen.

3 Antworten zu Der biedere Mittelaltermarkt der Grünen

  1. Ich denke, den Grünen geht es hier eher um Beschäftigungsprogramme für die Klientel, als um eine vernünftige Ökonomie.

    “…Zusätzlich fordern wir ein Bundesprogramm “Regionalvermarktung”, mit dem der Bund die regionale Vermarktung von Lebensmitteln, Verbrauchsgegenständen und Dienstleistungen unterstützt. Aus dem Bundesprogramm sollen vor allem Verbraucherinformationen, Beratungsleistungen und Forschungsprojekte finanziert werden. …”

    Die romantische Verklärung des mittelalterlichen Markt- und Manufakturwesens zeigt die wieder mal, wie vorwärtsgewandt die Grünen doch eigentlich denken. Sie fühlen sich dabei aber als Avantgarde.

    Beste Grüße B.

  2. Die Grünen sollten sich in “KPD” umbenennen, die CDU in “SPD”, die Piraten in ein paar Jahren in “FDP”, die FDP sollte ganz dichtmachen. Dann haben wir wieder ein halbwegs plausibles Parteiensystem.

  3. Anläßlich der Debatten zum ESFS im Bundestag und zuvor in der prekären Öffentlichkeit war von den Grünen ausnahmslos nichts Erhellendes zu hören.
    Allein das unzusammenhängende Gestammel einiger zusammengelesener Formulierungen im “Internet für Einsteiger” , das der Nichtakademiker Trittin entäußerte, war dermaßen dummerhaft peinlich, daß es erneut verwundert, wie überhaupt jemand mit Hauptschulabschluß aufwärts diesen vor sich hin gärenden Komposthaufen Grüne in irgendein Parlament verteilen wollen.

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