Die wahren Probleme sind noch gar nicht ausreichend ins öffentliche Bewusstsein gedrungen … so scheint es zumindest bei der Lektüre des Wahlprogramms der Grünen zur Landtagswahl in Sachsen-Anhalt am 20. März. Da findet sich doch auf Seite 13 folgende Passage:
“Verlust der Nacht: Lichtverschmutzung eindämmen
Ein immer dringender werdendes Umweltproblem ist die Lichtverschmutzung und der dadurch bedingte Verlust der Nacht. Die exzessive Zunahme künstlichen Lichts hat negative Auswirkungen auf die nachtaktive Tierwelt, den Tag-Nacht-Rhythmus des Menschen und die Sichtbarkeit des Sternenhimmels. Lichtverschmutzung stellt zudem eine Energieverschwendung dar und trägt nicht unerheblich zum CO2-Anstieg bei. Wir setzen uns für ein gesetzliches Regulativ der öffentlichen Beleuchtung ein. Darin soll die öffentliche Beleuchtung in Menge, Intensität und Dauer begrenzt und die Vermeidung von Streulicht festgeschrieben werden. Außerdem sollen da, wo es technisch möglich ist, Lichtfarben vorgeschrieben werden, deren Einfluss auf die Tierwelt minimal ist.”
Zitat Ende. Kein Kommentar.
Gefunden von Thomas Volkmann
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Diese Forderung entbehrt nicht einer gewissen Logik:
Wenn Lampen in der Nacht abgeschaltet werden sollen können sie die restliche Zeit mit Fotovoltaik-Anlagen betrieben werden.
Wer tagsüber kein künstliches Licht braucht ist selber schuld
In Augsburg gibt es das schon lange: Nicht nur, dass die Straßenlampen keine Falter mehr anziehen & töten (und weniger geputzt werden müssen) und man auch in der Innenstadt die Sterne sieht: Das ganze hat die Stromkosten der öffentlichen Beleuchtung auch noch reduziert…
Man unterschätze das öffentliche Bewusstsein nicht! Die zunehmende “Lichtverschmutzung” ist kein Randthema für grüne Ökospinner.
Man lese zum Beispiel in diesem Blog:
http://www.kosmologs.de/kosmo/blog/himmelslichter/lichtverschmutzung
Oder lese dieses Buch: http://www.science-shop.de/artikel/1009466
Ich habe übrigens bewusst “zunehmende” geschrieben, da in den letzten 20 Jahren tatsächlich ein heftiger Boom der Nachtbeleuchtung eingesetzt hat. Früher hat man zum Beispiel bei Vollmond einfach die Straßenlaternen ab Mitternacht ausgeschalten und unabhängig von der Mondbeleuchtung jede zweite Laterne. Zumindest in der Gemeinde, in der ich aufwuchs war das so. Heute beleuchtet man auch dort hemmungslos leere Bürgersteige durch die ganze Nacht.
Steht “kein Kommentar” hier eigentlich stellvertretend für “Ich habe leider keine Zeit und/oder Lust, um mich umfassend mit den ökologischen, gesundheitlichen, kulturellen und finanziellen Konsequenzen übermäßiger nächtlicher Beleuchtung auseinanderzusetzen. Da ich von dieser ominösen ‘Lichtverschmutzung’ aber noch nie etwas gehört habe, kann es sich unmöglich um ein wichtiges Problem handeln, weshalb mir die Gelegenheit günstig zu sein scheint, ein wenig Hohn und Spott über die Grünen auszukippen…”?
Nein, wenn das so gemeint gewesen wäre, dann hätte ich es ja so geschrieben. Natürlich habe ich mitbekommen, dass es Menschen gibt, die sogar in nächtlicher Beleuchtung ein Problem sehen. Ob nun die Hasen und Rehe aufgrund der ungewohnten Lichtverhältnisse scheu im Gebüsch bleiben, ob die Gräser um den Laternenkegel langsamer wachsen oder die Menschen nach kulturellen Hochgenüssen von der gleißenden Strassenbeleuchtung aus ihren intellektuellen Erkenntnissen gerissen werden ist auch gar nicht mein Thema. Was mich stört, ist dass hier wieder mal getrieben von Alarmismus reguliert, verregelt und gegängelt werden soll – und bei der Forderung nach einem “gesetzlichen Regulativ der öffentlichen Beleuchtung” schüttelt es mich durch. Abgesehen davon gibt es nun wirklich drängendere Probleme als das “immer dringender werdende Problem der Lichtverschmutzung”.
Wenn der Umstand, dass es “drängendere Probleme” gibt tatsächlich bedeuten würde, dass man ein Problem nicht anfassen muss, würde in vielen Bereichen gar nichts passieren. Sicher existieren größere Probleme als die Lichtverschmutzung, das kann ja aber keinesfalls ein Grund dafür sein, sich nicht damit auseinanderzusetzen. Ganz abgesehen davon reden wir nicht von privater sondern von öffentlicher Außenbeleuchtung, d.h. von städtischer und kommunaler Beleuchtung, die ohnehin von der öffentlichen Hand finanziert wird und dementsprechend bereits Regeln unterworfen ist. Hier Änderungen vorzunehmen, um eine Reform der öffentlichen Beleuchtung in Richtung energiesparender und ökologisch verträglicher Systeme voranzutreiben, hat keineswegs etwas mit der “Gängelung” von Bürgern zu tun.
Ihre Anmerkung zu “scheuen Hasen und intellektuellen Erkenntnissen” unterstreicht darüber hinaus noch einmal sehr schön, dass Sie sich eben nicht inhaltlich mit der Thematik befasst haben. Die öffentliche Hand verschwendet mit exzessiver Beleuchtung jährlich Millionen an von Bürgern hart erarbeiteten Steuergeldern – und das nachweislich ohne jeglichen Sicherheits- oder sonstigen Gewinn. Und wenn man sich schon mit den ökologischen Effekten nicht auseinandersetzen möchte, sollte man sich wenigstens fragen, ob das fast vollständige Überstrahlen des Sternenhimmels, der jahrtausendelang eine Quelle kultureller, intellektueller und religöser Inspiration gewesen ist, wirklich im Sinne der Gesellschaft sein kann. Was die ökologische Komponente betrifft – hier finden sich allein schon via Google Scholar über 7.000 wissenschaftliche Veröffentlichungen zum Thema – auch das ein Indikator dafür, dass es sich eben nicht um ein “Randthema” handelt:
http://scholar.google.de/scholar?hl=de&q=%22Light+Pollution%22&lr=&as_ylo=&as_vis=1
Ganz abgesehen fordern ja inzwischen auch FDPler eine ökologische und kulturell-attraktive Umgestaltung der öffentlichen Beleuchtung. Wenn man die ganze Thematik also schon nicht ernst nimmt, sollte man auf dem Blog der Friedrich-Naumann-Stiftung vielleicht auch einmal einen hämischen Beitrag über den Potsdamer FDP-Stadtverband posten:
“[Gaslichimitierende] Leuchten sind stromsparend, geeignet für historische Laternen und so konstruiert, dass es zu wenig Lichtverschmutzung oder Streulicht kommt – also nicht nur denkmalgerecht sondern auch anwohnerfreundlich. Für historische Städte ergeben sich dadurch völlig neue Möglichkeiten.”
- Martina Engel-Fürstberger, Vorsitzende der FDP-Fraktion Potsdam
http://www.info-potsdam.de/fdp-forder-denkmalgerechtes-licht-fuer-die-innenstadt-7237n.html
Ja, ich bin auch so ein Spinner, der etwas gegen die Lichtverschmutzung hat. In unserem Ort gab es einen größeren Einzelhändler, der den Himmel für sich beanspruchte und Abend für Abend, Nacht für Nacht mit einem großen Laserstrahler eine Schar wild rotierender Punkte auf den Himmel über unserem Ort projizierte. Das ärgerte mich kolossal. Als ich irgendwann in der FAZ las, dass davon Zugvögel wie Kraniche irritiert werden und verenden habe ich den Besitzer gebeten, diese Art der Werbung zu unterlassen. Er ist der Aufforderung sofort nachgekommen und hat den Laserstrahler eingemottet. Dafür war ich ihm und bin ihm noch dankbar. Dabei bin ich schon kompromissbereit. Meinetwegen kann er an ausgewählten Werbetagen außerhalb der Zugvogelzeit rumfunzeln.
Exzessive Licht-Werbung ist ohnehin noch einmal ein ganz anderes Problem. Ebenso wie es einem Unternehmen nicht gestattet ist, einen Ort den ganzen Tag mit Werbejingles zu beschallen, ist auch nicht einzusehen, warum man ausgerechnet die Nutzung bzw. den Missbrauch des Himmels als kostenfreie Werbefläche akzeptieren sollte…
Das ist das Schwierige an Glaubensfragen. Aber “das fast vollständige Überstrahlen des Sternenhimmels, der jahrtausendelang eine Quelle kultureller, intellektueller und religöser Inspiration gewesen ist” stellt für mich nun wirklich keines der “immer dringender werdenden Probleme” dar. Und so wie der Nachtschwärmer in Berlin oder Augsburg nachts gern noch in die Sterne blickt, hätte der Wanderer im Süden Portugals, der sich gerade den Fuß an einem Stein anstößt, gern irgendwo eine Laterne, und die auch noch möglich hell, und pfeift auf den Sternenhimmel.
Und Einsparungen – die wären an vielen Gelegenheiten möglich, nicht nur bei Strassenlaternen, sondern grundsätzlich bei allem, was Geld kostet.
Aber so lange es den Menschen nützt – und das tut Straßenbeleuchtung nun einmal unzweifelhaft – hat es seinen Zweck.
Dass man über öffentliche Lichtquellen reden muss, die den Anwohnern das Leben vermiesen, ist doch selbstverständlich und wird ja auch gemacht – aber doch nicht im Sinne genereller Regulierung. Ganz so wie der Laserstrahlwerbung betreibende Einzelhändler ja hat mich sich reden lassen. Mit dem Angstwort “Lichtverschmutzung” hat das wenig zu tun. Mehr damit, dass da die Deutungshoheit über den Begriff “ökologisch verträglich” gewonnen werden soll.
Es geht doch bei dieser Debatte nicht darum, die Beleuchtung soweit zu begrenzen, dass sich daraus sicherheitstechnische Nachteile ergeben. Vielmehr geht es darum, die Beleuchtung dahingehend zu reformieren – beispielsweise durch den Einsatz hierfür geeigneter Leuchtmittel und Abschirmungen – dass eine maximale Sicherheit für alle Verkehrsteilnehmer gewährleistet wird, während gleichzeitig erwiesenermaßen mit der nächtlichen Beleuchtung verbundene ökologische und gesundheitliche Probleme verringert, Energie und damit natürlich auch (Steuer-)Gelder gespart und – sozusagen als positiver Nebeneffekt – auch noch etwas für die bessere Sichtbarkeit des Nachthimmels getan wird. Ein Reformmodell, dass augenscheinlich nur mit Vorteilen verbunden ist – eine Einschränkung bürgerlicher Freiheiten kann ich hier ebenso wenig erkennen, wie eine Vereinnahmung des Begriffs “ökologisch verträglich”. Im übrigen kommen auf einen Lichtwerbung betreibenden Händler, der mit sich reden lässt, fünf bis zehn, die eben dazu nicht bereit sind – allein deshalb ist eine Debatte über gesetzliche Grenzen nächtlicher Kunstbeleuchtung dringend erforderlich.
Zur Frage, ob Lichtverschmutzung nun eines der “immer dringender werdenden Probleme” darstellt: Im Wahlprogramm der Grünen ist nicht von “Problemen”, sondern von “Umweltproblemen” die Rede – und obwohl sich auch hier angesichts der gesamten Bandbreite an Umweltproblemen über die Einstufung diskutieren ließe, kann ich in dem grundsätzlichen Wunsch, ein Umweltproblem anzugehen, keinen Fehler erkennen. Nach welcher Logik sollte sich auch die Politik nur mit solchen Umweltproblemen befassen dürfen bzw. müssen, die auf der Dringlichkeitsskala den obersten Platz einnehmen?
Dieser Debatte liegt bei den Grünen aber keine explizite Kosten-Nutzen-Analyse zu Grunde. Diese müsste die von Ihnen genannten Nutzen den Kosten in Form zusätzlicher Investitionen und verringerter Sicherheit gegenüber stellen. Da es sich aber bei dem Nutzen für die Natur um ein ziemlich subjektives Problem handelt (es gibt für Naturschutz keine objektiven Bewertungsmaßstäbe) steht der ganze Regulierungsbedarf auf sehr wackeligen Füßen. Was die Lichtwerbung betrifft, gebe ich Ihnen recht, es braucht klarer Zuordnungsregeln, wer was mit dem Himmel anstellen darf und wer für eventuelle Beeinträchtigungen entschädigt werden muss (das gilt etwa auch für die blitzenden Windkraftanlagen). Bevor also ein Regulierungsbedarf gesehen werden kann, muss derjenige der ihn vorbringt schon mehr anzubieten haben als ein paar vage Aussagen über eventuelle Vorteile einer dunklen Nacht.
MfG
Steffen Hentrich
Leider zeigt Ihre sehr polemische Replik auf Christian Reinboth erneut, dass Sie sich mit dem Thema gar nicht befasst haben. Es geht ja nicht darum, die Straßenbeleuchtung abzuschaffen, sondern sie zu optimieren. Dass der Verlust des Nachthimmels und des natürlichen Tag/Nacht-Rythmus von Ihnen genau so wenig ernst genommen wird, wie das millionenschwere Einsparpotenzial finde ich sehr verwirrend. So viel Ignoranz ist mir unverständlich und ich kann nur hoffen, dass die Rest-FDP weiter ist als Sie, denn sonst lässt die FDP sich eben wieder ein bürgernahes, spannendes Thema von den Grünen wegschnappen, während Sie sich mit vermeintlich wichtigeren Problemen befassen.
Bezüglich der Lichtverschmutzung bin ich letzthin über einen interessanten Artikel (http://www.skyandtelescope.com/news/home/111959684.html). Dort wird eine NOAA-Studie (http://adsabs.harvard.edu/abs/2010AGUFM.A21C0117S) zitiert, die heraus gefunden haben will, dass die nächtliche Beleuchtung von Städten die Konzentration des lichtempfindlichen Nitratradikals NO3 senkt. Diese Absenkung hat zur Folge, dass nachts weniger Schadstoffe oxidiert und damit abgebaut werden, wodurch die Wahrscheinlichkeit für Smog am nächsten Tag steigt.
@Steffen Hentrich: Die in vielfacher Hinsicht als negativ zu beurteilenden Folgen übermäßiger nächtlicher Beleuchtung sind jahrzehntelang national wie international studiert wurden, so dass keineswegs von “ein paar vagen Aussagen über eventuelle Vorteile einer dunklen Nacht” gesprochen werden kann. Ich verweise an dieser Stelle gerne erneut auf die über 7.000 wissenschaftlichen Publikationen, die sich allein via Google Scholar zum Thema “light pollution” finden lassen, und in denen die negativen Auswirkungen von übermäßiger nächtlicher Beleuchtung intensiv betrachtet und diskutiert werden:
http://scholar.google.de/scholar?hl=de&q=%22Light+Pollution%22&lr=&as_ylo=&as_vis=1
Der von Ihnen angesprochene Sicherheitsaspekt ist größtenteils subjektiver Natur. Auch hier existieren bereits mehrere Studien und Feldversuche mit sogenannten Nachtabschaltungen, die konkludent belegen, dass “mehr Licht” keinesfalls auch “mehr Sicherheit” bedeutet, ebenso wie auch eine Verringerung der Illumination, so denn gewisse Grenzen eingehalten werden, die öffentliche Sicherheit in keinster Weise beeinträchtigt.
Eine Nachtabschaltung der Straßenbeleuchtung zwischen 1:00 Uhr und 3:00 Uhr in der Nacht erbrachte beispielsweise in der Stadt Rheine eine jährliche Kosteneinsparung von 72.000 EUR im Stadtsäckel. Wie eine begleitende Studie der Fachhochschule Münster ergab, blieben die Einsatzzahlen von Feuerwehr und Polizei sowie auch die gemeldeten Übergriffe im Vergleich zum Zeitraum vor der Nachtabschaltung konstant. Die Erfahrungen aus Rheine belegen, dass mit der erheblichen finanziellen Entlastung sowie auch dem damit verbundenen ökologischen Gewinns keinerlei Sicherheitsprobleme einhergehen.
Hier ein aktueller Beitrag der sueddeutschen: http://www.sueddeutsche.de/wissen/zu-viel-licht-fuer-die-natur-das-ende-der-nacht-1.1055552