Datensätze, Algorithmen, Statistiken – Was bleibt vom Menschen in der digitalen Welt?

Csilla Hatvany

Die Moderne kennt eine lange Tradition, eine maschinengesteuerte Zukunft herbeizufürchten. Sei es HAL 9000 oder die Matrix, das Bild des allwissenden Computers, der über die Menschen alles weiß, sie steuert und über ihr Dasein bestimmt, wurde vor allem von Science-Fiction Filmen geprägt. Ein Genre, das bekanntlich übersteigerte Utopien und nicht die viel unspektakuläre Gegenwart im Fokus hat. Schmunzelnd wurde 2001 festgestellt, dass trotz allen Fortschritts gerade im technischen Bereich die Menschheit noch nicht mal in die Nähe der Konzeption einer intelligenten Maschine gekommen sei, so wie sie HAL in Kubricks 2001: A Space Odyssey „verkörperte“.

No news about nothing, könnte man sagen. Man könnte das Internet doch einfach als einen weiteren Schritt in der Reihe menschlicher Erfindungen, wie Dampfmaschine, Glühbirne (!), Telefon, Fernseher und eben computergesteuerte Datensätze aufzählen. So wie es früher Karteikarten und Papierbelege gab, gibt es heute elektronische Datensätze, die unsere Merkmale, Vorzüge und Aussagen ablegen. Doch angesichts der Fülle der verfügbaren (auch sensiblen) Daten über Internetnutzer, die gesammelt und selbst angegeben werden, lohnt es sich durchaus nachzudenken, in welchem Maße das Internet unsere Arbeits- und Alltagswelt beeinflusst.

  • Wie viel Korrespondenz könnte man ohne Emails führen?
  • Worüber redet man, wenn man keine digitalen Schafe züchtet?
  • Ist das Internet ein Hilfsmedium oder ein Zielmedium?
  • Lassen digitale soziale Netzwerke Unterscheidungen zwischen Freunden, Vertrauenspersonen, geliebten Menschen, Gesprächspartnern oder Bekannten zu?
  • Was passiert, wenn verschiedene Datenquellen, die bislang einigermaßen getrennt sind, zusammengelegt werden?
  • Wie brauchbar sind Informationen wie „Death-Metal-Fans über fünfunddreißig Jahre, die sich für Spanienreiseführer interessieren, bestellen überdurchschnittlich oft Babywindeln und Schnuller online“?
  • Sind das Informationen?
  • Was bedeutet Individualität heute?
  • Ist durch das Internet das Leben einfacher/sicherer/angenehmer geworden?
  • Wenn jeder alles veröffentlichen kann und jeder das lesen kann, was er lesen möchte, werden dann Zeitungen/Bücher aussterben?
  • Können Informationen ohne Internet noch vermittelt werden?
  • Kann man seine Meinung noch revidieren, wenn man seine ursprüngliche überall dokumentiert hat?
  • Finden wir mehr im Internet oder suchen wir nur mehr?
  • Gibt es im Internet einen eigenen Freiheitsbegriff?

Die FAZ hat seit Jahresbeginn eine Reihe von Artikeln veröffentlicht, die sich mit dem „Digitalen Denken“ beschäftigt. (Siehe hier)

Viele renommierte und weniger bekannte Autoren beantworten die Frage nach den wesentlichen Veränderungen ihres Lebens im digitalen Zeitalter und stellen weitergehende Überlegungen an. Frank Rieger, Sprecher des Chaos Computer Clubs schreibt:

„Eine Prognose der künftigen Entwicklung lautet, dass wir toleranter werden. Gleich ob kompromittierende Fotos, unmoralische Hobbys oder seltsame Gewohnheiten – sobald wir alles von allen sehen, müssen wir damit leben. […] Wir müssen uns ernsthaft der Frage stellen, ob wir in einer Gesellschaft leben wollen, in der kleine und größere Übertretungen von moralischen und rechtlichen Normen nicht mehr verborgen bleiben. Wenn Übertretungen einmal aufgezeichnet sind, ist die Versuchung groß, sie auch – vorzugsweise automatisiert – zu ahnden. Ist ein solches Leben auszuhalten, erstrebenswert, menschenwürdig? Bisher wird nicht jedes Mal, wenn jemand nachts um vier bei roter Ampel über die leere Straße läuft, automatisch ein Strafzettel erstellt. Bald ist das kein Problem mehr.“(Quelle hierzu)

In der Szene in der der Astronaut Dave Bowman HAL abschaltet, weil dieser zuvor den Tod von vier Astronauten herbeiführte um die Mission nicht zu gefährden, zeigt der Computer seine menschliche Verwundbarkeit, indem er aus Angst singt. Heutigen Datensätzen fehlt alles, was die menschliche Persönlichkeit zu bieten hat. Dafür liefern sie manchmal fragwürdige Ergebnisse, die lediglich auf Wahrscheinlichkeiten und vermeintlichen Neigungen aufbauen. Wenn ein Kaufangebot einen Kunden nicht anspricht, wird er einfach ignoriert. Wenn das Sondereinsatzkommando die falsche Tür eintritt, gibt es vielleicht eine Entschuldigung. Vielleicht nicht mal das. Die Frage bleibt: Wie gehen wir mit den digitalen Möglichkeiten um?

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