Von Gérard Bökenkamp
Das wichtigste Ereignis des vergangenen Jahrzehnts ist langfristig vermutlich weder der 11. September noch die Finanzkrise, sondern der Durchbruch des Internets zum Masseninformations- und Kommunikationsmittel. Aus der Perspektive der Kommunikationsgeschichte ist das wohl die wichtigste Revolution seit der Erfindung des Fernsehens – wenn man nicht gleich zu Johannes Gutenbergs Druckmaschine zurückgehen will. Einige Aspekte der Internetöffentlichkeit sind nicht völlig neu, sondern vielmehr eine Rückkehr zur Normalität segmentierter Meinungsbildungsprozesse. Die Epoche, die wir hinter uns lassen, war nämlich in der Hinsicht einmalig, als dass noch nie zuvor eine so kleine Zahl von Menschen eine so große Zahl von Haushalten direkt und exklusiv erreichen und beeinflussen konnte und damit faktisch ein Monopol über die Definition der Wirklichkeit besaß. Niklas Luhmann sagte einmal, was wir über die Welt wüssten, das wüssten wir durch die Massenmedien. In nicht so ferner Zukunft lässt sich der Begriff „Massenmedien“ durch den Begriff „Internet“ ersetzen.
Die Zunahme der Internetnutzung geht auf Kosten von Fernsehen und Print. Die Zahl potentieller Konkurrenten im Medienbereich war lange begrenzt, heute ist sie schier unendlich, da die Markteintrittsbarrieren noch nie so niedrig waren. Bis zum Durchbruch des Internets zum Informationsmedium war es nicht möglich, so kostengünstig so viele Menschen (theoretisch fast die ganze Menschheit) zu erreichen. Dieser Trend wird sich fortsetzen und wohl auch in Deutschland in den nächsten Jahren die Massenebene erreichen – spätestens, wenn Fernsehen und Internet noch stärker zusammenwachsen, etwa durch Video-on-Demand-Angebote. Die etablierten Medien werden nicht allesamt bankrott gehen und verschwinden (obwohl das im Einzelfall auch der Fall sein wird), sie werden aber weiter Marktanteile verlieren und ihre Deutungshoheit nur noch beschränkt ausüben können. Dasselbe gilt für die soziale Integration durch Parteien und Großorganisationen. Die Mitgliederzahlen von Gewerkschaften, Kirchen und Parteien geht zurück. Die alte Vereinsstruktur verliert an Attraktivität. Die Großorganisationen können sich dem veränderten Arbeits- und Lebensbedingungen nur sehr begrenzt anpassen. Das ganze Leben in einem Ortsverband zu verbringen kann sich kaum noch jemand erlauben. Engagement wird noch zielgerichteter und kurzlebiger.
Alle Trends weisen in dieselbe Richtung: Die Gesellschaft wird segmentierter. Dafür sprechen die Anforderungen nach Flexibilität auf dem Arbeitsmarkt, die Schwächung der Großverbände und die Veränderung der Kommunikation und das veränderte Stadtbild als Folge von Einwanderung. Das, was ein Großteil der türkischen Einwanderer in der Bundesrepublik praktiziert, nämlich mit Hilfe der Satellitenschüssel aus dem hiesigen Diskurs auszusteigen, steht im Prinzip heute schon jedem Bürger offen. In Zukunft wird es möglich sein, sich seine eigene Öffentlichkeit zu schaffen. Wer will, wird sich über Internet nur bestimmte Filme und bestimmte Nachrichten ansehen, Meinungen zur Kenntnis nehmen und nur die gesellschaftlichen Debatten verfolgen, die er für sich selbst als relevant erachtet. Der US-Autor Seth Godin nannte diese Entwicklung das „Prinzip der Stämme“. Die Menschen treten nach persönlichen Interessen einem Kommunikationsnetzwerk bei und erschaffen damit ihre eigene Lebenswelt. Der Trendforscher Mark Penn kam in seinem Buch „Microtrends“ zu dem Ergebnis, dass in Zukunft ein Bevölkerungsanteil von einem Prozent der US-Bevölkerung ausreichen wird, um eine eigenständige Öffentlichkeit und Infrastruktur aufzubauen, die sich finanziell trägt. Der Spezialkonsum ersetze immer stärker den Massenkonsum.
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